Stand: 08.07.2020 09:37 Uhr  - NDR Kultur

Ausstellung "Und jetzt du!" in der Kunsthalle Bremen

von Annette Schneider

Während des Lockdowns ließen sich Museen allerhand einfallen, um den Kontakt zur Öffentlichkeit nicht zu verlieren: virtuelle Rundgänge durch die Sammlungen etwa oder Kuratorinnen und Kuratoren, die ihre Lieblingsstücke vorstellten. Nichts kam allerdings so gut an wie die Idee, die Kunstmuseen weltweit aus den sozialen Medien übernahmen: die Einladung, Leute möchten doch bitte Bilder aus der Sammlung nachstellen und hochladen. Auch die Bremer Kunsthalle griff die in den Niederlanden entstandene Idee auf - und verwandelte die Einsendungen in die Ausstellung "Und jetzt Du! Kunstwerke in Quarantäne nachgestellt".

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"Katze in einem Kinderarm" heißt das Original von Paula Modersohn-Becker - hier nachfotografiert von der Challenge-Teilnehmerin Diana Spanier.

Jasmin Mickein kann sich das Lachen nicht verkneifen. Mit breitem Grinsen blickt die Leiterin der Presseabteilung, die das Projekt zusammen mit der Abteilung für Bildung und Vermittlung während des Lockdowns organisierte, auf die Nachstellung von Rubens "Christus erscheint Maria Magdalena am Ostermorgen", das unter Zuhilfenahme einiger wehender Bettlaken auf einer Wiese nachgestellt entstand: "Das ist einfach der Knaller. Dass die Bäume aus Versehen an der gleichen Stelle stehen, und dass das Feld hier genau hinpasst. Und dass das aber von zwei Frauen nachgestellt wird!"

Cezanne oder Dürer sind die Vorbilder

Direkt daneben: ein junger Mann mit gewaltigem Bart, den nackten Körper notdürftig bedeckt mit einer braunen Decke. "Dürer: Johannes der Täufer", erklärt Mickin und fügt hinzu: "Mit Aktenordner und Teddybär statt Schaf und Papyrusrolle."

Als Vorlagen für die oft sehr freien Nachstellungen dienten Skulpturen, Installationen und Gemälde, Stillleben von Paul Cezanne und Paula Modersohn Becker, Porträts der alten Holländer - Männer, Frauen- und Kinderbildnisse von Tolouse-Lautrec, Eva Gonzalez, Max Beckmann oder Cindy Sherman. Mehr als 100 Einsendungen gab es. Eine Resonanz, die wohl damit zu tun habe, dass es sich bei der Idee um ein internationales Phänomen handle, meint Jasmin Mickein.

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Nachgestelltes Foto nach dem Originalgemälde von Camille Pissarro, "Im Gras liegendes Mädchen", 1882.

"Andererseits haben wir einfach festgestellt, dass sich die Menschen in Zeiten des Lockdowns nach Kunst sehnen und auch nach Aktivitäten zu Hause und nach kreativen Möglichkeiten, die Kunst nach Hause zu bringen. Ein anderer Punkt ist, glaube ich, dass es unglaublich einfach ist, das nachzustellen, weil man kein Studio oder besondere Requisiten braucht. Und dass es Familien mit ihren Kindern zu Hause ganz einfach nachstellen können."

Ein Highlight: Édouard Manet

77 leider nur kleinformatige Nachstellungen hängen jetzt thematisch geordnet in einem etwas abseits gelegenen Gang. Infotafeln zeigen die Originalkunstwerke, und wo man diese in der Sammlung findet. Und so sieht man: Édouard Manets berühmte "Dame im grünen Kleid" - eines der Glanzstücke der Bremer Kunsthalle - als ausstaffierte Puppe. Ein niederländisches Genrebild mit Brot knabbernden Mäusen, nachgestellt mit kleinen Stofftieren. Sogar eine abstrakte Arbeit des Computerkünstlers Georg Nees wurde ausgewählt.

"Das ist eine Struktur, die von dem Künstler dargestellt ist: Quadrate, die zerfallen", so Mickein: "Und das ist nachgestellt mit Zuckerstücken, die auseinander bröseln. Man erkennt sofort, welches Werk gemeint ist - obwohl es mit ganz anderen Mitteln dargestellt ist!"

Die Kunsthalle Bremen © picture-alliance / dpa Foto: Ingo Wagner

Kunsthalle Bremen: "Und jetzt Du! Kunstwerke in Quarantäne nachgestellt"

NDR Kultur - Klassisch in den Tag -

Die Bremer Kunsthalle hat die während des Lockdowns kursierende Idee aufgegriffen, in der Leute Bilder aus den Sammlungen der Museen nachstellen. Daraus entstanden ist eine Ausstellung.

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Lockdown kreiert Vielfalt

Immer wieder findet man auch Hinweise auf die aktuelle Situation: Eine Bücherbord-Installation der Schweizer Video-Künstlerin Pipilotti Rist wird hier gezeigt mit einem aufgeschlagenen Reiseführer, auf dem ein kleiner, roter Massageball liegt - wie das Corona-Virus, das das Reisen unmöglich macht. Und Gruppen-Bildnisse von Feuerbach oder Manet werden frech mit Maske nachgestellt. Teilnehmende sind junge und ältere Menschen, Männer und Frauen, ja ganze Familien. Oliver Ahlbrecht entdeckte den Aufruf in den sozialen Medien. Der Hobby-Fotograf entschied sich für eine zarte Frauenskizze des US-amerikanischen Malers Maurice Sterne.

"Natürlich lässt es mir als Fotograf an der Stelle sehr viel Freiheit", sagt Ahlbrecht und ergänzt: "Denn wenn man sich jetzt die Vorlage anguckt - die sich entkleidende Frau - das sind ja wirklich nur ein paar Striche. Als Fotograf gucke ich eher so: 'Wie ist jetzt die Lichtsetzung? Wo ist vielleicht eine Schärfe, wo ist die Linienführung, wo muss ich das Model hinstellen?' Aber gerade bei dieser Strichzeichnung ist das so: Das kann ich gar nicht sehen, ob das Modell zum Beispiel den Maler anguckt."

Ahlbrecht inszeniert eine melancholische Schöne vor kahler Wand in einem großen leeren Raum, die den Betrachter direkt anblickt. Immer wieder erstaunt die kreative Freiheit der Kunst-Nachstellungen: Sie scheinen eine Form von Fantasie und Freude freizusetzen, die uns im stressigen Alltag vor lauter Arbeitsdruck oft verloren geht und die hier - in der Ausnahmesituation des Lockdowns - in aller Vielfalt wieder auftaucht.

Ausstellung "Und jetzt du!" in der Kunsthalle Bremen

Die Bremer Kunsthalle hat die während des Lockdowns kursierende Idee aufgegriffen, in der Leute Bilder aus den Sammlungen der Museen nachstellen. Daraus ist eine Ausstellung entstanden.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Kunsthalle Bremen
Am Wall 207
28195  Bremen
Preis:
10 Euro (ermäßigt 5 Euro)
Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 10 - 17 Uhr
Montags geschlossen

Jeden letzten Dienstag im Monat: 10 - 21 Uhr
Hinweis:
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre: Eintritt frei
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 08.07.2020 | 07:40 Uhr

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