Szene aus dem Film "Wo ist Anne Frank?" © Farbfilm Verleih

"Wo ist Anne Frank": Animationsfilm über den Holocaust

Stand: 22.02.2023 06:00 Uhr

In seinem Film erweckt Regisseur Ari Folman Annes imaginäre Freundin Kitty zum Leben und macht einer jungen Generation den Holocaust zeitgemäß zugänglich. "Wo ist Anne Frank" ist visuell verspielt und wagemutig.

von Bettina Peulecke

Anne Frank und ihre Schwester starben kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Ihr Vater überlebte als einziger und brachte "Das Tagebuch der Anne Frank" 1947 heraus. Das Buch, in dem Anne aus ihrem Versteck vor den Nazis an eine imaginäre Freundin schreibt, war für viele Schullektüre. Nun kommt der Animationsfilm "Wo ist Anne Frank" des israelischen Regisseurs Ari Folman in die Kinos.

Annes imaginäre Freundin als Identifikationsfigur für Jüngere

Basierend auf der Graphic Novel "Wo ist Anne Frank", die Ari Folman zusammen mit der Zeichnerin Lena Guberman entwickelte, findet der Regisseur einen anderen, faszinierenden und vor allem großartig funktionierenden Zugang zu der Geschichte: Er erweckt Annes imaginäre Freundin Kitty, an die die echte Anne Frank ihr Tagebuch adressiert hat, in einer Winternacht in Amsterdam zum Leben. Das Haus, in dem Anne und ihre Familie sich versteckten, ist heute ein Museum. Und ein wenig Magie ist schon im Spiel, als die Vitrine, in dem das Tagebuch ausgestellt ist, zerbricht und eine sommersprossige Kitty auf der Bildfläche erscheint. Sie schnappt sich das Tagebuch und verlässt das Museum, um draußen, in der Gegenwart, ihre Freundin zu finden. Kitty stellt fest, dass nicht alle Menschen sie sehen und hören können. Genauso wie viele Menschen ihre Augen und Ohren vor dem Elend von heutigen Flüchtlingskindern verschließen.

Szene aus dem Film "Wo ist Anne Frank?" © Farbfilm Verleih
Anne Franks (links) imaginäre Freundin Kitty wird im Film "Wo ist Anne Frank" zum Leben erweckt.

Der junge Peter, der sich zusammen mit anderen Flüchtlingskindern in einem verlassenen Haus versteckt, sieht und versteht Kitty jedoch sofort. Sie ist ein cooles Mädchen und eine wunderbare Identifikationsfigur, besonders für das jüngere Publikum. Dem Regisseur Ari Folman war das außerordentlich wichtig: "Kein 14- bis 15-jährger Teenager wird wohl in einen Film mit dem Titel 'Wo ist Anne Frank' gehen. Die schauen sich lieber was von Marvel an. Also war die Altersherabsetzung wichtig, damit wir junge Menschen erreichen, bei denen noch die Eltern mitentscheiden, was sie sich im Kino anschauen. Und ich glaube an den Einfluss der Eltern."

Eine Botschaft, die in Vergessenheit zu geraten scheint

Kittys Suche führt unweigerlich zu den Fragen, was Anne Frank heute noch bedeutet und was wir aus ihrem Leben mitnehmen. Kitty stellt in Amsterdam fest, dass der Name Anne Frank zwar sehr präsent ist, ihr Anliegen aber in Vergessenheit zu geraten scheint:

"Anne hat dieses Tagebuch nicht geschrieben, damit ihr sie verehren sollt. Oder damit ihr Brücken, Schulen und Theater und Bahnhöfe nach ihr benennt. Nein. Diese Seiten selbst sind nicht wichtig. Was wichtig ist, ist die Botschaft, die an die vielen Millionen Kinder weitergegeben wird, die dieses Tagebuch lesen." Filmszene

Und diese Botschaft ist, dass jede einzelne menschliche Seele es Wert sein muss, gerettet zu werden.

"Wo ist Anne Frank": Visuell verspielt und wagemutig

Wie Anne Frank ums Leben kommt, lässt der Film aus. Aber Kitty besucht das Konzentrationslager Bergen-Belsen. "Wo ist Anne Frank" macht einer jungen Generation den Holocaust zeitgemäß zugänglich: fantasievoll, visuell verspielt und wagemutig!

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Wo ist Anne Frank

Genre:
Animationsfilm | Drama
Produktionsjahr:
2021
Produktionsland:
Israel, Luxemburg, Belgien, Schweiz, Deutschland
Regie:
Ari Folman
Länge:
100 Minuten
FSK:
ab 6 Jahre
Kinostart:
ab 23. Februar 2023

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 22.02.2023 | 07:55 Uhr

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