Stand: 21.09.2020 10:44 Uhr

Filmfest Oldenburg: Das Kino lebt!

von Kristin Hunfeld

Fünf Tage Filmfest Oldenburg sind am Sonntag mit der Preisvergabe zu Ende gegangen. Es war das erste Filmfestival im Nordwesten, das unter Corona-Bedingungen überhaupt stattgefunden hat. Rund 45 Filme wurden in realen Kinosälen und online gezeigt. Sonntagabend wurden die Preise vergeben.

Die Preisverleihung fand nicht wie in den vergangenen Jahren im ausverkauften und vollbesetzten Oldenburgischen Staatstheater, sondern in der Kulturetage statt. Es gab Besucher und Filmschaffende auf Lücke, viele leere Stühle und eine wackelige "Skype"-Verbindung zum Gewinner des Publikumspreises. 

Hopper Jack Penn und Paz de la Huerta sowie der Regisseur Michael Maxxis posieren © NDR.de Foto: Kristin Hunfeld
Schauspieler und Regisseur des Preisträgerfilms "Puppy Love": Hopper Jack Penn, Paz de la Huerta, Michael Maxxis

Miles Hargrove war aus Dallas zugeschaltet. Sein sehr persönlicher Dokumentarfilm "Miracle Fishing" rekonstruiert die Entführung seines Vaters, Tom Hargrove, Mitte der 90er-Jahre in Kolumbien. Der damals 19-jährige Miles hatte den elf Monate währenden Kampf der Familie um seine Freilassung mit der Videokamera begleitet. Er zeigt die Verzweiflung, das Hoffen, das Warten, auch die Verhandlungen mit den Entführern über ein extra beschafftes Radiogerät und unter Verwendung von Codewörtern und -namen.

Der Schriftzug „Oldenburg Filmfestival“ ist während der Eröffnung des Internationalen Filmfests Oldenburg am roten Teppich zu sehen. © dpa-Bildfunk Foto: Mohssen Assanimoghaddam
Als erstes Filmfestival im Nordwesten fand das Filmfest Oldenburg unter Corona-Bedingungen statt.

Über Jahre hat Miles Hargrove an dem umfassenden Material aus verwackelten Aufnahmen gearbeitet, und er hat sie mit Originalaufnahmen aus der Zeit kombiniert: Fernsehnachrichten, Präsidentenreden, Militäreinsätze gegen Farc und die Drogenkartelle. "Miracle Fishing" ist ein ebenso spannender, wie persönlicher und überaus bewegender Film, der in Oldenburg zum ersten Mal außerhalb der USA gezeigt wurde.

Darstellerpreise an Paz de la Huerta und Daniel Aráoz

Als beste Darstellerin wurde Paz de la Huerta ausgezeichnet, für die Rolle der cracksüchtigen Straßenhure Carla in "Puppy Love". Der Film, der in bunten Bildern und unterlegt durch die Musik der amerikanischen Indieband "Portugal. The Man" von der bedingungslosen Liebe eines netten, aber unbedarften jungen Mannes zu dieser Carla erzählt, bekam auch den Sonderpreis des Festivals.

Das Erstlingswerk des kanadischen Regisseurs Michael Maxxis basiert auf den wahren Erlebnissen seines Cousins: "Der beste Weg um Wahrhaftigkeit zu erreichen, auch in der Kunst ist, sich persönlich einzubringen, und bei meinem ersten Film war mir das besonders wichtig, dass das gelingt."

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Ein weiterer Darstellerpreis ging an Daniel Aráoz. Im argentinischen Drama "La noche más larga" spielt er einen brutalen Serienvergewaltiger. Auch dieser Film, von Regisseur Moroco Colman, basiert auf wahren Ereignissen. Daniel Aráoz widmete den Preis den Opfern, zumeist Studentinnen, und all den jungen Frauen, die damals auf die Straße gingen, um gegen männliche Gewalt und gegen die nachlässigen Ermittlungen zu protestieren.

Viele Plätze blieben leer

Nur wenige internationale Filmschaffende konnten wegen der corona-bedingten Reisebeschränkungen nach Oldenburg kommen. Zwei Regisseure mussten nach Beginn des Festivals noch kurzfristig absagen, weil es Coronafälle in ihrer Umgebung gegeben hatte. Aber, sagte Schauspieler Daniel Aráoz, die Welt schaue auf Oldenburg, wo das Kino lebendig sei.

Der Leiter des Internationalen Filmfests Hamburg Torsten Neumann sitzt im Kinosessel © Mohssen Assanimoghaddam/dpa-Bildfunk
Torsten Neumann will ein Zeichen setzen, dass Kultur und Menschen zusammengehören.

Bei weitem nicht so lebendig wie sonst ging es in den Kinos zu. Viele Plätze blieben leer, weit mehr, als durch die Abstandsregeln bedingt. Konkrete Zahlen konnte Festivalleiter Torsten Neumann noch nicht nennen. Nur soviel: "Das haben wir geahnt. Wir stellen ja die Welt auch nicht auf den Kopf mit dem Festival. Es gibt immer noch eine Hemmschwelle, sich irgendwo hinzubegeben. Das Wichtigste was wir jetzt machen ist, wir setzen Zeichen, dass Kultur und Menschen zusammengehören. Wir müssen aufpassen, wenn wir durch diese Krise gehen, dass wir nicht unsere eigene Kultur verloren haben."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 21.09.2020 | 07:20 Uhr

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