Laminierte Blätter mit einem Friedenszeichen und einem Davidstern liegen umringt von Blumen auf einem Steinboden. © picture-alliance/dpa Foto: Jonas Güttler

Wie antisemitisch ist Deutschland?

Stand: 17.08.2021 22:30 Uhr

Laut einer Studie aus dem Jahr 2020 stimmen rund 35 Prozent der Befragten ganz oder teilweise der Aussage zu, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland immer noch zu viel Einfluss hätten. Angesichts solcher Zahlen stellt sich die Frage: Wie leben jüdische Menschen in diesem Land? Und wie lässt sich Antisemitismus eindämmen?

von Autorin Melanie Thun, Ralf Dörwang (Film)

Rapper Ben Salomo sitzt auf einer Wiese © NDR/Kulturjournal
Im April 2018 kündigte Salomo seinen Protest-Rückzug aus der Hip-Hop-Szene an.

"Als Jude kann man hier nicht wirklich frei leben. Ich musste schon während meiner Schulzeit in Berlin mein Davidsternkettchen zu Hause lassen. Hätte ich das offen getragen, wäre ich sozusagen beinahe gelyncht worden." Das sagt Ben Salomo, Musiker, der sich aus Protest gegen den Antisemitismus in der Rap-Szene aus dieser zurückgezogen hat. Und er ist nicht der einzige, der einen steigenden Judenhass in diesem Land beklagt.

Auch Samuel Salzborn, Antisemitismus-Beauftragter der Stadt Berlin, teilt die Befürchtung, wenn er sagt, dass 15 bis 20 Prozent der Deutschen manifest antisemitische Einstellungen vertreten. Und so stimmten in der Leipziger Autoritarismus-Studie beispielsweise rund 35 Prozent der Befragten ganz oder teilweise der Aussage zu, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland noch immer zu viel Einfluss hätten.

Antiisraelische Demos nach Ausschreitungen zwischen Israelis und Palästinensern

Als im Mai diesen Jahres die Hamas Tel Aviv bombardierte, schlug Israel zurück. Die brutalsten Ausschreitungen zwischen Israelis und Palästinensern seit 20 Jahren. Viele antiisraelische Demonstrationen fanden in der Folge in verschiedenen Städten Deutschlands statt, in denen unter anderem auch arabisch-stämmige Menschen gegen Israels Vereinnahmung palästinensischer Gebiete protestierten.

Samuel Salzborn sagt dazu: "Selbstverständlich gibt es im arabisch-muslimischen Kontext eine spezifische Form von Antisemitismus. Aber ich würde davor warnen, davon abzulenken, dass es auch in der Bundesrepublik eine lange, lange Tradierung von Antisemitismus gibt, dass es den rechtsextremen Antisemitismus gibt und wir haben in den letzten Jahren auch viele Debatten über Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft erlebt."

EU-Umfrage: Antisemitismus in Europa nimmt zu

Der Rabbiner Walter Rothschild sieht die Folgen direkt: "Die Gemeinden schrumpfen jedes Jahr. Man denkt, in den nächsten 10 bis 15 Jahren werden sich die Gemeinden halbieren." Eine Befragung der EU hat vor Kurzem ergeben, dass 90 Prozent der in Europa lebenden Jüdinnen und Juden der Meinung sind: Antisemitismus in ihrem Land nimmt zu.

Vier von zehn Befragten überlegen, aus Europa wegzuziehen. Ben Salomo dazu: "Ich kann nur Charlotte Knobloch zitieren, dass es Gleichgültigkeit war, was das Schicksal der Jüdinnen und Juden in Europa besiegelt hat. Und diese Gleichgültigkeit sieht man wieder."

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Kulturjournal | 18.08.2021 | 23:35 Uhr

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Rechtsextremismus

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