Stand: 23.04.2021 19:40 Uhr

Ulrich Matthes zu #allesdichtmachen: Die Aktion ist zynisch

Gelungener Protest - oder vollkommen falsche Aktion? Mit einer groß angelegten Internetaktion unter dem Motto #allesdichtmachen protestieren Schauspielerinnen und Schauspieler gegen die Corona-Beschränkungen der Bundesregierung. Künstler wie Ulrich Tukur, Meret Becker oder Jan Josef Liefers und viele weitere verbreiteten bei Instagram und auf der Videoplattform YouTube gleichzeitig ironisch-satirische Clips mit persönlichen Stellungnahmen zur Corona-Politik der Bundesregierung. Die Reaktionen: Zustimmung - aber weitaus mehr Empörung. Markus Schubert hat darüber mit dem Präsidenten der Deutschen Filmakademie, Ulrich Matthes, gesprochen.

Herr Matthes, was haben Sie gedacht, als Sie die Aktion überblickt und die ersten Videos gesehen haben?

Ulrich Matthes © picture-alliance/dpa Foto: Britta Pedersen
Ulrich Matthes ist Präsident der Deutschen Filmakademie

Ulrich Matthes: Ich muss gestehen, ich war einigermaßen fassungslos. Ich unterstelle mal den Kolleginnen und Kollegen, dass sie das gut gemeint haben. Dass sie mit dieser Aktion kritisieren wollten, dass die Kultur im Laufe des letzten Corona-Jahres doch deutlich zu kurz gekommen ist. Das wurde ja auch von mir und von allen möglichen anderen Menschen und Institutionen immer wieder beklagt und kritisiert. Das kann man auch tun. Das kann man auch als einzelner Mensch oder in einer konzertierten Aktion tun.

Nur ganz konkret ist diese Aktion für mein Gefühl komplett schiefgegangen. Sie versucht es mit Jux und Satire und zum Teil auch tieferer Bedeutung, aber ich empfinde sie nur als zynisch. Wenn ich mich daran erinnere, dass die Leute vor einem Dreivierteljahr alle auf ihren Balkonen standen, gesungen haben und geklappert und den vielen Menschen in den Krankenhäusern, dem medizinischen Personal, in Supermärkten, der Müllabfuhr gedankt haben für ihre wirklich schwere Arbeit, dann habe ich das Gefühl, dann ist da dieser solidarische Gedanke mit Menschen, die nicht so privilegiert sind, wie es - um es mal deutlich zu sagen - sehr viele meiner teils ja sehr prominenten Künstlerinnen- und Künstlerkollegen. Die drehen ja auch fleißig. Viele Gastronomen und der Einzelhandel sitzen auf dem Trockenen. Und es sterben nach wie vor viele, viele Menschen. Es ringen Menschen auf den Intensivstationen um ihr Leben. Und da muss ich gestehen, da kriege ich einen Hals, wenn ich dann in einem Video vorgejammert bekomme, dass ich die Masken aufsetzen muss oder ich doch vielleicht in den Müllbeutel pusten muss. Ich merke, mein Puls steigt, während ich mit Ihnen rede.

 

Und ich will ihn auch gar nicht mehr zum Steigen bringen. Ich glaube, die Aktion hat so viel Gegenwind erfahren, dass man jetzt schon fast Sorge hat, noch mal auf die zu klopfen, die das gemacht haben. Aber sie haben natürlich eine Medienmacht für sich erzeugt. Wenn Meret Becker, eine Kollegin von Ihnen auch in der Filmakademie, jetzt sagt, 'ich möchte nicht mit Aluhütten verglichen werden' – muss man da nicht sagen: Augen auf bei der Hütchenanprobe, mal schauen wer so eine Aktion startet, in welchem politischen Kontext sie stattfindet?

Matthes: Meine Antwort ist Ja, sollte man. Das hätte sie sich vorher überlegen können. Manche Beiträge sind absoluter Querdenker-Szene-Jargon. Und dass die jetzt in den sozialen Netzwerken applaudieren, das liegt auf der Hand, weil der Ton sehr vieler dieser Videos bedauerlicherweise dazu einlädt, wenn man Querdenker ist oder AfD-Mitglied, zu sagen: 'Super, das wollten wir schon immer mal gesagt haben. Uns kennt nur keiner, aber ihr Schauspielerinnen und Schauspieler seid prominent genug und dankeschön dafür, dass ihr das so verbreitet habt'.

Seit ich seit zwei Jahren Präsident der Filmakademie bin, versuche ich einen Kampf gegen die AfD zu führen und da habe ich auch sehr, sehr viele, wenn nicht alle Mitglieder der Filmakademie hinter mir. Das ist schrecklich, dass die jetzt Applaus kriegen von dieser Seite und jetzt so naiv oder blöd oder beides sind und jetzt so tun: 'Ach Gott, ach Gott, wie kann denn das nur sein, damit habe ich nun gar nicht gerechnet'. Sorry. Da wir in einer Demokratie leben, möchte ich ihnen nicht den Mund verbieten. Aber ich möchte deutlichen Gegenwind signalisieren. Den haben sie sich mit ihrer Aktion wirklich verdient.

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Wie kriegt man denn nach der Woge jetzt die Branche wieder runter von der Palme? Denn da wird ja jetzt zwischen Kolleginnen und Kollegen, die entweder dabei waren und anderen, die über sie herfallen jetzt hin und her geätzt. Das sind ja alles Leute, die sich irgendwann am Set oder auf der Bühne wieder begegnen müssen. Wird sich das beruhigen? Kann sich das beruhigen? Können Sie das was tun, auch als Präsidium?

Matthes: Naja, grundsätzlich ist es bei Konflikten immer gut, wenn man miteinander redet. Wir sind ja alle nur Menschen. Wir haben alle unsere Meinung und wir dürfen sie auch äußern. Auch wenn manche Videos suggerieren, als würden wir tatsächlich schon in einer Art von Corona-Diktatur leben, wo man seine Meinung nicht mehr äußern darf. Wir dürfen alle unsere Meinung sagen. Selbst die doofe AfD darf ihre Meinung sagen. Und das ist auch richtig so. Nur: Alle müssen damit rechnen, dass ihnen heftig widersprochen wird. Das wird wahrscheinlich in den nächsten Tagen und Wochen noch geschehen, an den einen oder anderen Orten. Und irgendwann haben sich mehr oder weniger alle wieder lieb - oder auch nicht. Ja, man muss versuchen, trotzdem sich weiter in die Augen sehen zu können als Kolleginnen und Kollegen. Das werden wir tun und ich werde mein kleines Scherflein dazu beitragen - und ich hoffe, alle anderen auch.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | ARD Infonacht: Gut informiert durch die Nacht | 23.04.2021 | 23:00 Uhr

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