Der Regisseur Klaus Lemke mit Zigarre im Mund © picture alliance Foto: picture alliance / SvenSimon

"Bad Boy" des deutschen Films: Regisseur Klaus Lemke ist tot

Stand: 08.07.2022 16:05 Uhr

Er war der erklärte "Bad Boy" unter den deutschen Regisseuren und wurde mit Filmen wie "Brandstifter", "Amore" und dem Kiez-Kultfilm "Rocker" bekannt. Nun ist Klaus Lemke mit 81 Jahren gestorben.

Er drehte mehrfach auch im Hamburger Rotlichmilieu. "Bad Boy" des deutschen Films: Regisseur Klaus Lemke ist tot. Ihm zu Ehren zeigt das ZDF am Freitag 8. Juli 2022 ab 1.30 Uhr, den ZDF-Fernsehfilm "Rocker". Der Film aus dem Jahr 1971 ist ab Sonnabend, 9. Juli in der ZDFmediathek verfügbar.   

Klaus Lemke: "Der große Erotomane des deutschen Kinos"

Drei Zutaten bräuchte ein gelungener Film, sagte Klaus Lemke gern: einen guten Busen, einen schlechten Regisseur und kein Drehbuch. "Klaus Lemke war der große Erotomane des deutschen Kinos, ein Freigeist, wie er wohl nur in München-Schwabing sich entfalten konnte", so schreibt es BR-Kultur-Redakteur Knut Cordsen in seinem Nachruf.

Und der Leiter des WDR-Programmbereichs Fiktion, Alexander Bickel meint: "Wer vermochte zu sagen, wo die Grenze verläuft zwischen der Kunst und dem Leben, im Leben des Klaus Lemke? In Personalunion Autor, Regisseur, gelegentlich Darsteller und stets steil formulierender Impresario seines Schaffens war er ein Filme-Macher im umfassendsten Sinne. Im einzig wahren, hätte er gesagt, um Unbescheidenheit nie verlegen."

Blick für die "Sehnsüchte der Kleinen und Gemeinen"

Mehr als 60 Jahre lang hat der in Landsberg/Warthe im heutigen Polen geborenen Lemke - mit kleinem Budget - Filme gedreht. Schon mit seinen ersten, vorwiegend für das Fernsehen produzierten Werken wie "Brandstifter" (1969) oder "Rocker" (1972) richtete er den Scheinwerfer auf die Schattenseiten der Gesellschaft. Lemke habe sich nie erhoben über die Menschen, von denen seine Filme erzählen, so Bickel. "Die Sehnsüchte der Kleinen und Gemeinen, in Filmen wie 'Rocker', 'Dancing with Devils' oder zuletzt 'Berlin Izza Bitch!' bekommen sie einen Glanz, der brüchig ist, aber niemals vergeht. Der Menschenseher, Menschenversteher Lemke wird uns fehlen, was er uns hinterlässt, ist sein unfehlbarer Blick für die flüchtigen Momente dieses Dings namens Leben."

Der Ort seines Schaffens war in erster Linie München. Filme wie "Idole" oder "Amore" waren Studien der Schwabinger Szene. Meistens arbeitete er mit Laien zusammen, die er in München, Hamburg oder Berlin in Cafés oder auf der Straße entdeckte und oft vom Fleck weg engagierte. Zu seinen Entdeckungen zählen Fernsehstars wie Wolfgang Fierek und Cleo Kretschmer.

"Ratte" und "3 Minuten Heroes" sind Hamburger Kiezstudien

Seine Dreharbeiten führten Lemke auch ins Hamburger Rotlichtmilieu. So drehte er dort 1992 "Die Ratte" und später "Träum weiter, Julia!" (2005) und "3 Minuten Heroes" (2004), in dem es um Alltagsschicksale auf St. Pauli geht - mit Laiendarstellern. Nachdem es in den 90er-Jahren eher ruhig um ihn wurde, ging er in den 2000er-Jahren in die produktivste Phase seiner Karriere und drehte ab dem Jahr 2000 gut 20 Filme allesamt mit Laiendarstellern.

Klaus Lemke macht den Dialekt im deutschen Fernsehen salonfähig

"Lemkes Figuren sind Maulhelden, abgehalfterte Kiezgrößen, die ihre Rotzigkeit wie Motorradfahrer Lederjacken tragen, sprich im Wissen darum, früher oder später auf die Schnauze zu fallen", sagt Maximilan Sippenauer vom BR in seinem Nachruf auf Lemke. "Gelernt hat Lemke diese Art zu erzählen im französischen Kino der Nouvelle Vague, bei den Antihelden Godards oder Triforce ein billiges, ungeschöntes, ungemein." Durch die Arbeit mit Laiendarstellern und dem Blick auf Alltägliches habe Lemke "authentisches Kino" geschaffen und den Dialekt im deutschen Fernsehen salonfähig gemacht.

Auch in den vergangenen Jahren drehte er Film um Film, etwa "Unterwäschelügen" (2016), "Bad Girl Avenue" und "Neue Götter in der Maxvorstadt" (beide 2018) sowie "Ein Callgirl für Geister" (2020). Zuletzt war er Ende Juni noch beim Filmfest München aufgetreten - körperlich schon sichtlich angeschlagen. Er könne nicht mehr gut laufen, sagte er damals und hielt ein Schild hoch: "Kunst kommt von küssen".

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 08.07.2022 | 08:55 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Porträt

Spielfilm

Mehr Kultur

Besucher am Tag der Eröffnung im neuen Kunsthaus für zeitgenössische Kunst "Das Minsk" © picture alliance/dpa Foto: Christoph Soeder

Das Minsk: DDR-Kunst erhält in Potsdam ein neues Museum

Der Milliardär Hasso Plattner hat ein ehemaliges Terrassenrestaurant aus DDR-Zeiten zum Kunsthaus umbauen lassen. mehr