Stand: 24.04.2019 13:56 Uhr

Empörendes Unrecht an einem Hamburger Mäzen

Auch Leben ist eine Kunst - Der Fall Max Emden
, Regie: André Schäfer, Eva Gerberding
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Das Wort Restitution ist in aller Munde - in den Medien, auf Symposien, in den aktuellen Kulturdebatten. Und doch gibt es in Deutschland noch empörende Fälle, die mitnichten aufgearbeitet sind - wie etwa in Hamburg. Der Dokumentarfilm "Auch Leben ist eine Kunst - Der Fall Max Emden" zeigt dies.

Ein älterer Herr steht vor einer wandgroßen Fotografie mit Polospielern. © Real Fiction

Nazi-Opfer Emden: Erben wollen Gerechtigkeit

Kulturjournal -

Der jüdische Kaufmann Max Emden besaß zahlreiche Kaufhäuser und eine Kunstsammlung - bis die Nazis ihn zu Notverkäufen zwangen. Schon lange kämpfen seine Erben um Gerechtigkeit.

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Max Emden hat viel für die Stadt Hamburg getan

Dieser Film handelt von einem Skandal. Vom Umgang des deutschen Staates mit dem Eigentum eines jüdischen Kunstsammlers, Mäzens, Geschäftsmanns. Die Rede ist von Max Emden, geboren 1874, Spross einer assimilierten bürgerlichen jüdischen deutschen Familie. "Auch Leben ist eine Kunst - Der Fall Max Emden" von André Schäfer und Eva Gerberding beginnt mitten in Hamburg, vor der Kirche St. Nikolai. Emdens Biograf Ulrich Brömmling spricht mit dessen Enkel Juan Carlos Emden und führt uns sogleich ins Zentrum des Falles.

Max Emden unterstützte mäzenatisch die Hamburger Kunsthalle, die Hamburger Universität und das Museum für Kunst und Gewerbe. Ihm gehörte das gesamte Gelände des heutigen Botanischen Gartens, in dem er einen Landschaftspark anlegte. Er begründete den Polo-Club der Stadt, war ein bedeutender Kunstsammler.

Luxuriöses und naturnahes Leben in der Schweiz

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1927 verließ Max Emden Hamburg und ging in die Schweiz.

1927 verließ Max Emden Hamburg. Er kaufte die idyllisch gelegenen Brissago-Inseln im Lago Maggiore, wo er eine weiträumige Villa errichtet. In der Schweiz führte Max Emden ein naturnahes, freigeistiges Leben im Stil der Künstler und Alternativler des Monte Verità. Aber Emden, der unermesslich reiche Hippie-Vorläufer, blieb als Kaufmann in Deutschland aktiv. Dem "Kaufhauskönig" gehörte das KDW in Berlin, der Oberpollinger in München, 10.000 Angestellte hatte sein Imperium mit Filialen in Stockholm, Danzig, Stettin, Potsdam, Budapest. Seine Treue zu Deutschland wurde ihm und seinen Nachkommen letztlich zum Verhängnis, wie der Anwalt der Emdens ausführt.

Dieser Film arbeitet ein wenig zu sehr mit einlullenden Klängen. Dabei ist er doch eine beeindruckende Ansammlung empörender Fakten: Max Emdens gigantischer Besitz wurde von den Nazis enteignet, zerschlagen, übertragen. Sein Polo-Club fiel erst an die Stadt Altona, dann später an die Stadt Hamburg. Auch sein Landschaftspark gehört heute der Stadt Hamburg und ist nach jemand anderem benannt.

Eine Frage der Moral - der ermüdende Kampf um Gerechtigkeit

Besonders pikant ist der Verbleib eines der beiden Canaletto-Bilder, die Max Emden gehörten. Das Werk mit einer ikonischen Ansicht von Dresden der Bildersammlung Adolf Hitlers zugeschlagen. Später hing es im Büro des Bundespräsidenten, heute befindet es sich im militärhistorischen Museum Dresden. Rechtlich ist bis heute der deutsche Staat Eigentümer des Bildes - aber moralisch, so sieht es einer der Experten, eben nicht.

Bis heute führen Max Emdens Erben einen ermüdenden Kampf um Restitution und Gerechtigkeit. Die Rechtslage, Max Emdens Weggang vor der sogenannten Machtergreifung durch die Nazis, behördliche und staatliche Sturheit verdichten sich zu einer erschütternden Ungerechtigkeit. Dabei wäre es doch gar nicht so schwer, folgt man Emdens Biograf Brömmling, wenigstens einen Teil des Unrechts wiedergutzumachen.

Im Jahr 2014 wurde ein Weg entlang des Botanischen Gartens in Hamburg-Klein Flottbek nach Max Emden benannt. Das ist eine bittere Pointe. Denn letztlich wirkt es so, als handle die Stadt Hamburg hier nicht im Sinne einer Gedenkkultur, sondern als gehe es hier um eine mehr oder minder bewusst betriebene symbolische Auslöschung. Der Film von André Schäfer und Eva Gerberding ist ein beeindruckender Akt dagegen.

Auch Leben ist eine Kunst - Der Fall Max Emden

Genre:
Dokumentation
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Deutschland
Regie:
André Schäfer, Eva Gerberding
Länge:
90 Min.
Kinostart:
25. April 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 25.04.2019 | 07:20 Uhr

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