Stand: 30.01.2019 13:53 Uhr

"The Mule": Clint Eastwood als Drogenkurier

The Mule
, Regie: Clint Eastwood
Vorgestellt von Katja Nicodemus

In seinen Film "Gran Torino" über einen rassistischen Grantler stand Clint Eastwood vor zehn Jahren das letzte Mal sowohl vor als auch hinter der Kamera. In seinem neuen Film "The Mule" ist er wieder sein eigener Regisseur.

Schauspieler und Regisseur mit fast 90 Jahren

Da ist er wieder. On the road, unterwegs durch die USA, durch sein Amerika. Zu dem Country-Song "Don't Let the Old Man In" fährt Clint Eastwood in der Rolle des gebrechlichen, aber stolzen, Amerikaners Earl Sharp über den Highway. Vor ihm liegt die Weite der Landschaft und im Laderaum seines Trucks ein Koffer voller Kokain.

"Don't Let the Old Man in" - der alte Mann soll draußen bleiben. Natürlich ist damit auch der Tod gemeint, den man, sollte er an die Tür klopfen, einfach aussperrt. Clint Eastwood, der große alte Mann des amerikanischen Kinos, hat die Dreharbeiten zu seinem neuen Film im vergangenen Frühling an seinem 88. Geburtstag begonnen.

Nach einer wahren Geschichte: Ein Greis als Drogenkurier

"The Mule" handelt von der wahren Geschichte des Leonhard Sharp, der als "El Tata" Drogen im Auftrag des mexikanischen Sinaloa-Kartells über Land schmuggelte, bis er im Jahr 2011 mit einer Kokain-Ladung im Wert von mehreren Millionen Dollar erwischt wurde. Clint Eastwood erzählt sie als Schicksal eines gefallenen Helden, der wieder aufstehen und sich läutern wird.

Gefallen ist Sharp, weil er sich zu sehr um seine Lilienzucht und sein geselliges Leben gekümmert hat - und zu wenig um seine Familie. Jetzt, mit fast 90 Jahren, wird dem Kriegsveteran sein Haus von der Bank weggenommen. Kann man in diesem Alter nochmal von vorne anfangen? Der Refrain des Titelsongs von Keith Tyne lautet: "Unzählige Male habe ich den Mond voll gesehen. Mein Körper ist gegerbt und ausgezehrt."

Die transportierten Drogenmengen werden größer

Ausgerechnet bei einer Familienfeier, die der Abtrünnige mal wieder durch seine Anwesenheit stört, bekommt Sharp einen Zettel mit einer Adresse zugesteckt. Sie führt ihn in die Garage einer Reifenwerkstatt, wo ihm finster aussehende Mexikaner den Job erklären: fahren, abliefern, nicht fragen. Als Sharp bei einem Stopp auf dem Highway dann doch einmal die Tasche mit der Fracht öffnet, scheint er sich die Überraschung selbst vorzuspielen.

Die Ladungen werden größer, die kriminelle Schuld Sharps tritt immer deutlicher hervor. Mit dem Geld, dass er bei seinen Fahrten verdient, holt er sich sein Haus von der Bank zurück, er unternimmt erste Schritte für eine Versöhnung mit seiner Familie. So erzählt dieser Film denn auch zwei verschiedene Geschichten: Die eines alten Mannes und die des lonesome Cowboys, dem übel mitgespielt wurde, und der sich in einer rücksichtslosen Gesellschaft auf scheinbar notgedrungen kriminelle Weise durchschlägt. Wären da nicht der von Bradley Cooper gespielte Drogenfahnder und neugierige Highway-Polizisten.

Americana-Erzählung mit fragwürdiger Moral

Aus diesem Stoff hätte eine schöne Eastwood-Americana-Erzählung werden können, würde die moralische Läuterung des Helden nicht auf dem Rücken der mexikanischen Nebenfiguren ausgetragen. Die stets nervösen mexikanischen Kartellmitglieder sind unberechenbar, verschlagen. Wandelnde Stereotypen eben, so wie die luxuriöse Hacienda des von Andy Garcia gespielten Drogenbosses: ausufernde Poolpartys mit Prostituierten, Tontaubenschießen und viel Schulterklopfen unter tätowierten Männern.

So setzt der Film seinen kriminellen Helden von den noch viel kriminelleren Figuren ab - und installiert eine ziemlich durchscheinende moralische Hierarchie. Angesichts der gefühligen Töne, die Sharp als spät geläuterter Familienmensch anschlägt, könnte man denn auch fast vergessen, was er eben auch ist: ein skrupelloser Dealer im großen Stil.

Immer noch erweist sich Clint Eastwood als gelassener Erzähler. Er lässt sich Zeit auf seinen Wegen durch die archetypische amerikanische Landschaft. Es gibt schöne Szenen, in denen sein Held, der noch nie eine SMS geschrieben hat, zwischen Altersverwirrung und störrischer Größe schwankt. Und überhaupt: Man schaut ihm gerne beim Autofahren zu. Doch so liebenswert manche Details sind, so reaktionär ist das Gesamtprojekt von "The Mule": die sentimentale Errettung der amerikanischen Familie, auf Kosten von kriminell grinsenden Mexikanern.

The Mule

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2018
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Clint Eastwood, Bradley Cooper, Laurence Fishburne
Regie:
Clint Eastwood
Länge:
116 Min.
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
31. Januar 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 31.01.2019 | 07:20 Uhr

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