Stand: 08.04.2020 18:30 Uhr  - NDR Kultur

Film "Kopfplatzen": Kampf gegen pädophile Neigungen

Kopfplatzen
, Regie: Savas Ceviz

Eigentlich hätte der Film "Kopfplatzen" am 2. April in den deutschen Kinos starten sollen. In dem Drama, das im vergangenen Jahr auf den Hofer Filmtagen seine Premiere feierte, spielt der Schauspieler Max Riemelt einen Pädosexuellen, der gegen seine sexuelle Orientierung kämpft. Der Salzgeber-Verleih bringt den Film des Regisseurs und Drehbuchautors Savaş Ceviz nun als Video-on-Demand für 4,90 Euro auf seiner Streaming-Plattform Salzgeber Club heraus. Dazu Filmkritikerin Katja Nicodemus im Gespräch.

Zunächst einmal: Ein schweres, ein ungewöhnliches Thema für einen Film?

Katja Nicodemus: Das ist ein ungewöhnliches Thema und ein gelinde gesagt komplexes, auch trauriges Thema. Aber die Kunst oder das Kino sollte vor nichts zurückschrecken. Es kommt immer auf die Form an, die man dafür findet. Und natürlich gehört auch die Geschichte oder die Situation eines Pädosexuellen erzählt oder dargestellt.

Diese Neigung gibt es ja nun einmal. Und Menschen, die diese sexuelle Orientierung haben, verzweifeln nicht selten daran. Auch dieser Film erzählt, wie der Titel "Kopfplatzen" schon andeutet, von einem Kampf, vom Konflikt eines Helden, der ihm wirklich fast den Kopf zum Platzen bringt.

Wie legt der Schauspieler Max Riemelt die Rolle des Pädosexuellen an? Wie spielt er ihn?

Nicodemus: Max Riemelt ist wirklich großartig in diesem Film. Aber er trumpft nicht auf. Er spielt Markus, 29, Architekt in Karlsruhe. Dieser junge Mann führt ein zurückgezogenes Leben. Wir sehen ihn bei der Arbeit, beim Sport, beim Boxen, beim Essen. Manchmal auch in Rückenansicht beim Masturbieren.

Wir bekommen ganz langsam Hinweise darauf, dass dieser junge Mann sich von Kindern erregt fühlt. Wir sehen seine Blicke auf der Straße, im Bus. Wir sehen, dass er vom Fernseher Szenen mit kleinen Jungs abfotografiert. Er hat ein Fotolabor in seiner Wohnung, wo er Aufnahmen selbst entwickelt, um nicht beim Fotolabor aufzufliegen.

Max Riemelt spielt diese Figur sehr reduziert, sehr minimalistisch, sehr zurückhaltend. Um die Figur entsteht eine fast faszinierende, manchmal auch berührende Aura der Einsamkeit. Denn Riemelt verkörpert auf ganz stille Weise den Konflikt zwischen der Neigung und dem moralischen und gesetzlichen Verbot. Das Ausleben dieser Neigung würde eben eine Straftat bedeuten.

Welche Ästhetik sucht oder findet der Regisseur und Drehbuchautor Savaş Ceviz für diese Geschichte?

Nicodemus: Der Regisseur findet eine stringente Ästhetik, was die Ausstattung, das Licht, die Farben betrifft. Zum Beispiel wird Markus' sterile Wohnung immer in fahlem Licht gefilmt, ist immer sehr aufgeräumt. Dieser junge Mann ist jenseits des Berufes von der Welt quasi abgekapselt, weil das Leben oder das Ausleben seiner sexuellen Orientierung einen kriminellen Akt oder einen Missbrauch bedeuten würde.

Nun zieht aber auf Markus' Hausflur Jessica ein, eine junge Mutter mit einem etwa neunjährigen Sohn. Dieser Sohn wird, schon als er zum ersten Mal zu sehen ist, zum potentiellen Opfer der Hauptfigur. Markus beginnt auch eine verzweifelte Beziehung mit der Mutter, denn seine Augen ruhen auf dem kleinen Sohn.

Das erzählt der Film mit sehr ruhiger Inszenierung. Die Bilder sind manchmal zu "fernsehmäßig", könnte man denken, andererseits hat ja auch diese Geschlossenheit etwas für dieses in sich verkapselte Leben.

Manchmal zeigt der Film, wie Markus einen Wolf in einem Zoo besucht. Diese Parallelführung von tierischen Instinkten, Aggressionen und der gefährliche Trieb der Hauptfigur schienen mir manchmal etwas zu offensichtlich zu sein, auch, wenn es den legitimen Versuch einer Überhöhung bedeutet.

Betrachtet man eine solche Hauptfigur anders, mit einer anderen "Betrachterhaltung" als andere Filmfiguren?

Nicodemus: Man weiß ja von Anfang an, worum es in dem Film geht. Da gibt es beim Betrachten in den ersten Filmminuten Distanzierungsversuche. Man fragt sich, ob Max Riemelts Figur einem Kind etwas antun wird. Andererseits zieht der Film daraus keine billige Spannung. Sondern er zeigt den ernsthaften, verzweifelten Kampf dieses Menschen mit seiner Neigung.

Markus geht auch zum Therapeuten und dieser sagt: Das ist leider nun einmal Ihr Schicksal. Dafür können Sie nichts, aber wenn Sie der Neigung nachgehen, werden Sie sich strafbar machen! Man identifiziert sich nicht mit der Figur, aber dem Film gelingt es auf mutige Weise, eine Empathie für diese Figur zu erzeugen. Eine legitime Empathie, denn es handelt sich ja um einen Menschen, der nichts dafür kann.

Gibt es in der deutschen Kinogeschichte Filme, die sich an solche Themen bereits herangewagt haben?

Bild vergrößern
In Fritz Langs "M" spielt Peter Lorre einen Kindsmörder.

Nicodemus: Es gibt einen großen Film der Filmgeschichte, nämlich "M" von Fritz Lang aus dem Jahr 1931 mit Peter Lorre in der Rolle eines Kindermörders. In diesem wird von Fritz Lang der Umgang einer Gesellschaft mit solchen Taten zum Zeichen ihrer sozialen und politischen Verrohung.

Die Kindermorde werden in dem Film von der Polizei und den Verbrechern instrumentalisiert, die sich in ihrem Tun gestört fühlen durch die Razzien und durch die Ermittlungen. Letztlich ist Fritz Langs Film ein Plädoyer für den Rechtsstaat und gegen populistische Lynchjustiz. Er galt auch immer als Seismograf einer Stimmung, die dann zum Nationalsozialismus geführt hat.

Bild vergrößern
Jürgen Vogel bekommt auf der Berlinale 2006 den Silbernen Bären für "Der freie Wille".

Und es gibt den wirklich sehr beeindruckenden Film, 2006 gedreht von Matthias Glasner, "Der freie Wille" mit Jürgen Vogel in der Rolle eines Vergewaltigers. Dieser Film ist eine Psychopathologie zwischen Trieb und Selbsthass.

Auch dieser Film erzeugt doch ein menschliches Bild dieses Triebtäters. Er differenziert eben zwischen dem Menschen und dem monströsen Tun und den Kampf dagegen. Jürgen Vogel und Max Riemelt sind eigentlich Gefährten in ihrer sehr mutigen Darstellung von einer widersprüchlichen, mit sich selbst kämpfenden Figur.

Das Gespräch führte Philipp Schmid.

Kopfplatzen

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Max Riemelt, Oskar Netzel, Isabell Gerschke
Regie:
Savas Ceviz
Länge:
99 Min.
FSK:
ab 16 Jahre

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 09.04.2020 | 07:20 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/film/Drama-Kopfplatzen,kopfplatzen114.html

Mehr Kultur

56:30
NDR Kultur
05:59
Landpartie - Im Norden unterwegs

Quiz: Der Künstler Cyrus Overbeck

Landpartie - Im Norden unterwegs