Stand: 31.01.2018 13:30 Uhr

Daniel Day-Lewis in seiner letzten Rolle?

Der seidene Faden
, Regie: Paul Thomas Anderson
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Immer wieder hat der Schauspieler Daniel Day-Lewis seinen Rücktritt angekündigt. Auch jetzt, nach den Dreharbeiten zu Paul Thomas Andersons Film "Der seidene Faden." Für die Rolle eines Londoner Modemachers der 50er-Jahre ist er - wieder einmal - für den Oscar nominiert.

Ein ungleiches Paar in elegantem Ausstattungsfilm

Sie - um die 20. Er - um die 50. Sie - die rotwangige freundliche Kellnerin einer Pension am Meer ist geradeheraus, ehrlich, unkompliziert. Er - ein erfolgreicher Modemacher aus London, ist schwierig, introvertiert, empfindlich. Ihre Unschuld und seine Weltläufigkeit scheinen sich zu ergänzen. Die beiden werden ein Paar, und sie wird seine Muse. Was für ein Klischee! Was für eine altmodische Geschichte im London der 50er-Jahre.

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Aber da dies ein Film von Paul Thomas Anderson ist, mit dem gefeierten Schauspieler Daniel Day-Lewis in der Hauptrolle, kann man sich immerhin an der Darstellerkunst erfreuen, an elegant gefilmtem Ausstattungskino. Etwa wenn Reynolds Woodcock, der Modemacher, seine zukünftige Geliebte Alma schon beim ersten Rendezvous als Model für ein Kleid verwendet.

Hier raschelt die Spitze, entfaltet sich kühl die Seide, hier hört man die Stoffe knittern, den Faden durchs Nadelöhr fahren. Noch der kleinste Fussel scheint sorgfältig gecastet worden zu sein. Vielleicht sollte man an dieser Stelle erwähnen, dass Daniel Day-Lewis eigens für die Rolle lernte, eine Kreation des legendären Modemachers Cristóbal Balenciaga nachzunähen.

Alles dreht sich um den Star der Mode-Szene

Unter Woodcocks Schneiderhänden verwandelt sich Alma in ein zart glamouröses Wesen. Sie zieht zu Reynolds Woodcock in sein schickes Townhouse im Zentrum von London. Das Machtverhältnis zwischen der Muse und dem Genie geht in den Alltag über. Alma muss lernen, dass sich der sensible Modemacher beim Frühstück schon durch Kaugeräusche seines Gegenübers gestört fühlt. Oder dass das Servieren von Tee eine Wissenschaft für sich ist.

Der Meister, um den sich alles dreht. Das Genie, in dessen Umlaufbahn die Mitmenschen zu Satelliten werden. Der Kaiser und seine Kleider. Zur klassischen Entwicklung dieses Motivs gehört die Gegenbewegung, die Rebellion. Alma widersetzt sich dem feingeistigen Despoten.

Eine Geschichte mit doppeltem Boden

Erst nach und nach wird klar, dass Paul Thomas Anderson in seine vermeintlich klassische, vorhersehbare Geschichte einen doppelten Boden einzieht. Zum Beispiel in Gestalt von Reynold Woodcocks Schwester Cyril. Leslie Manville, die für diese Rolle für den Oscar der besten Nebendarstellerin nominiert wurde, spielt sie hintersinnig. Ihre Cyril scheint die ewige zweite Geige, die Zuarbeiterin ihres Bruders zu sein. Doch dann wird beim Frühstück zwischen Marmeladentoast und Rührei klar, was wirklich los ist.

Woodcock und die Frauen, das ist: eine psychoanalytische Konstellation. Das ist die ewige Suche des Mannes nach der Mutter, die ihn zurechtweist, füttert, verhätschelt, die ihm Halt und Rückhalt gibt. Das muss auch Alma lernen, die versucht, ihren Platz in dem betonharten Neurosensystem zu finden.

"Der seidene Faden" ist ein Film, der klüger ist, als er zunächst scheint. Dennoch ist es nicht unbedingt abendfüllend, zu sehen, wie tolle Schauspieler und fließende Kamerabewegungen eine psychologische Konstellation illustrieren. Lass mal locker, möchte man irgendwann Reynolds Woodcock zurufen - und Paul Thomas Andersons Film.

Der seidene Faden

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
USA
Zusatzinfo:
mit Daniel Day-Lewis, Vicky Krieps, Lesley Manville
Regie:
Paul Thomas Anderson
Länge:
131 min
FSK:
ab 6 Jahre
Kinostart:
1. Februar 2018

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 01.02.2018 | 07:20 Uhr

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