Stand: 20.02.2019 13:00 Uhr

"Goldener Handschuh": Zu wenig Distanz zur Gewalt?

Der Goldene Handschuh
, Regie: Fatih Akin
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Beim Filmfestival Berlinale ist der Streifen "Der Goldene Handschuh" von Regisseur Fatih Akin aus Hamburg bei den Journalisten nicht gut angekommen. Auch bei der Bärenverleihung ging der Film, der auf einem Roman von Heinz Strunk basiert, leer aus. Erzählt wird die Geschichte des Frauenmörders Fritz Honka - in teilweise drastischen Bildern. Am Donnerstag kommt der Film bundesweit in die Kinos - mit der Altersfreigabe: ab 18 Jahren!

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Im "Goldenen Handschuh" treffen sich viele gescheiterte Existenzen.

Ja, es ist schon ein verkorkstes, verwahrlostes, dauerbesoffenenes Völkchen, das sich da zu Beginn der 1970er-Jahre in der Hamburger Kneipe "Zum Goldenen Handschuh" trifft - zwischen abgeranzten Resopal-Tischen, in Sekundenschnelle ausgetrunkenen Schnapsgläsern, Zigarettendunst, Bierschwaden - und frauenverachtenden Sprüchen. 

Wer im "Goldenen Handschuh" landet, ist ganz unten angekommen. Hier treffen sich Alkoholiker, Gescheiterte, ältere obdachlose Prostituierte. Diese Frauen, die für ein paar Schnäpse und ein Dach über dem Kopf zu allem bereit sind, sind die Beute des Serienmörders Fritz Honka. Nur eine Person, die auch im "Goldenen Handschuh" verkehrt, ist wirklich liebevoll inszeniert: Doornkaat-Max, gespielt von Hark Bohm.

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Viel Blut, Sägegeräusche und Schockeffekte

Fatih Akins Film beginnt mit einer Szene, in der Fritz Honka in seiner kleinen Dachwohnung einer nackten Frauenleiche den Kopf absägt. Als Honka damit beginnt, bleibt die Säge im Off, aber die Geräusche und das Blut, das ins Bild fließt, sagen alles. Der nackte Frauenkörper hat keinen Namen, keine Geschichte, er bleibt ein Stück Fleisch für den Schockeffekt.

Viel mehr wird man jedoch auch über die weiteren Opfer nicht erfahren. Sie bleiben gut inszeniertes Mördermaterial, in ihren lumpenhaften Kleidern, mit ihren vom Saufen aufgedunsenen Gesichtern, ihren welken Körpern, die sie in die Kneipe schleppen, wo sie Honka - ihrem Verhängnis - begegnen werden.

Im Alkoholrausch wird Honka die Frauen in seiner Wohnung umbringen, inmitten eines Chaos von halb ausgetrunkenen Kornflaschen, einer Puppensammlung und Pin-up-Bildchen. Er wird sie erwürgen, erschlagen, ihnen den Kopf so lange auf den Tisch knallen, bis das Gesicht eine unförmige Masse ist, er wird sie zerteilen, die Glieder in Pakete packen, einen Teil entsorgen, den anderen Teil zu Hause verstecken.

Gewaltszenen sind kaum zu ertragen

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In seiner Dachwohnung macht Honka seine Opfer betrunken, bevor er sie umbringt.

Diese Gewalt gegen die älteren verwahrlosten Prostituierten ist kaum auszuhalten. Einer anderen Frau wird dieses Schicksal erspart bleiben. Es ist die junge blonde Petra, eine attraktive Schülerin und fiktive Gestalt, die für Fritz Honka nach einer flüchtigen Begegnung zur Traum-, Begehrens- und Sehnsuchtsgestalt wird.

Was soll die Einführung dieser Figur, die doch letztlich nur einen Effekt hat: die Einteilung der Frauenfiguren in ein Zwei-Klassen-System? Hier Petra, jung, attraktiv, unantastbar - und auf der anderen Seite die Prostituierten, alt, verschlampt und todgeweiht.

Warum verfälscht Akin die Tatsache, dass Honka, der einen Mutterkomplex hatte, nun mal auf ältere Frauen aus war? Was hat ihn überhaupt interessiert an diesem Mörder, den der Schauspieler Jonas Dassler wie eine Gestalt aus einem expressionistischen Film spielt - überdeutlich, mit schielenden Kontaktlinsen und deformiertem Gesicht? Was will er von dieser Figur, die in der Mitte des Films versucht, ein halbwegs normales Leben als Nachtwächter zu beginnen?

Akins Romanverfilmung ist distanzlos und brutal

Akins Film "Der Goldene Handschuh" entstand nach dem gleichnamigen Roman von Heinz Strunk. Akribisch stellt der Film die Szenen des Buches nach, von den Schauplätzen bis zu den entsetzlichen Details der Morde.

Doch Strunks erbarmungslos genaue Sprache zog eine Distanz zu der Gewalt. Der Schriftsteller schilderte die Prostituierten als Menschen mit Gedanken und Empfindungen, nicht als reine Opfer, die nach einem ausgegebenen Schnaps geradezu unausweichlich ihrer Zerstückelung entgegengehen.

Akin hingegen hat jenseits der Nachstellung keine Idee zu der Gewalt, die er redundant bebildert. So wirkt es, als kippe er die schreienden, im Todeskampf zuckenden Frauen und ihre Körper einfach so zu uns in den Zuschauerraum hinein. Da sind sie nun - und es dauert eine ganze Weile, bis man sie wieder los wird.

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Der Goldene Handschuh

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2018
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Jonas Dassler, Katja Studt, Marc Hosemann
Regie:
Fatih Akin
Länge:
110 Min.
FSK:
ab 18 Jahre
Kinostart:
21. Februar 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 21.02.2019 | 07:20 Uhr

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