Stand: 22.03.2018 12:04 Uhr

Doku über Massenselbstmord in Demmin

Über Leben in Demmin
, Regie: Martin Farkas
Vorgestellt von Axel Seitz

Im Frühjahr 1945 wird die Kleinstadt Demmin in Vorpommern zum Ort einer schrecklichen Tragödie: Während die Rote Armee heranrückt, nehmen sich Hunderte Einwohner das Leben. Sie schneiden sich die Pulsadern auf, vergiften oder erschießen sich. Eltern töten erst ihre Kinder und dann sich selbst, ganze Familien gehen mit Steinen beschwert ins Wasser. Wie ist damit umzugehen? Totschweigen wie zu DDR-Zeiten? Mit einem neonazistischen Gedenkmarsch wie in der Gegenwart? Jetzt nähert sich Dokumentarfilmer Martin Farkas dieser Stadt, ihren Menschen und deren Trauma. "Über Leben in Demmin" heißt sein Film, der jetzt im Kino läuft.

"Ja, Demmin ist eine komische Stadt. Ich fühle mich hier auch nicht unwohl - weil ich das differenzieren kann: Wie es sein kann, sein sollte und wie es ist. Hält man das auseinander, dann macht man sich seine eigene Welt schön - und fährt mal woanders hin, wenn man sie nicht mehr aushält!" Zitat aus "Über Leben in Demmin"

Der Mann, der das sagt kümmert sich um Antiquitäten. Er ist einer von vielen Demminern, die erzählen. Der Zuschauer erfährt gar nicht, um wen es sich im Einzelnen handelt. "Mir ging es um das Phänomen und die Geschichte dieser ganzen Stadt", erklärt Dokumentarfilmer Martin Farkas. "Es sind so viele verschiedene Leute, die bei dem Film mitgemacht haben und sich bereiterklärt haben, in verschiedenen Rollen in diesem Film mitzuarbeiten und etwas zu erzählen -  dass die Nennung der Namen eher verwirrend als erhellend gewesen wären. Denn es geht um diese ganze Gemeinschaft, die etwas ganz Schweres erlebt hat und noch heute noch daran trägt. Deswegen haben wir uns entschieden, die Namen nicht einzeln aufzuführen." Farkas hat als Kameramann an vier Rostocker Polizeiruf-Krimis mitgewirkt und kam über den Schauspieler Charly Hübner auf Demmin und die Geschehnisse im Jahr 1945.

"Die Menschen haben ein Bedürfnis, darüber zu reden"

"Ich kannte ja überhaupt niemanden", erzählt Farkas. "Am Anfang war es natürlich schwierig - und irgendwann gab es jemanden, der sagte: 'Ja, ich möchte gerne erzählen.' Und so bin ich dann eigentlich weitergereicht worden. Der verblüffende Effekt ist ja, dass man irgenwann merkt, dass die Leute eigentlich sehr gerne davon erzählen wollen. Sie haben ein Bedürfnis, darüber zu reden - obwohl es ihnen vielleicht in der eigenen Familie oder in der nahen Umgebung gar nicht so leicht fällt."

Geschichte

"Am Sinn des Lebens irre geworden" - Massenselbstmord in Demmin

Ende April 1945 erreichen russische Panzer die Stadt Demmin in Vorpommern. Die Fluchtwege sind abgeschnitten. In Panik nehmen sich mehr als 900 Menschen das Leben. mehr

"Nee, Mami, ich möchte noch ein bisschen leben!"

Es sind beeindruckende, bedrückende Aussagen, die Martin Farkas für seinen Film bekommen hat. "Der Wirt hat gefragt, ob wir nicht mitkommen würden. Er wollte mit seiner Tochter und den zwei Enkelkindern in den Kanal gehen. Sie sind dann im Kanal ertrunken. Die Tochter hat sich die Kinder um den Leib gebunden und ist im Pelzmantel in den Kanal gegangen", erzählt eine Zeitzeugin. "Meine Großmutter sagte zu meiner Mutter, mir und meinen beiden Geschwistern: 'Kommt, wir gehen auch ins Wasser!' Unser Haus brannte lichterloh, wir hatten nichts mehr. Ich habe dann gesagt: 'Nee, Mami, ich bin noch so jung, ich möchte noch ein bisschen leben!' Da ist meine Mutter zu sich gekommen", schildert eine andere Frau.

"Warum wir sind, wie wir sind"

Neben diesen zahlreichen älteren Demminern kommen auch jüngere zu Wort, berichten über ihr Leben in Demmin. Martin Farkas verknüpft die Tragödie von 1945 mit den Neonazi-Aufmärschen jährlich am 8. Mai und den Protesten dagegen. Und zugleich steht der Film "Über Leben in Demmin" doch für sehr viel mehr. "Das Phänomen, dass ich in dem Film versuche zu untersuchen, ist ein deutschlandweites Phänomen. Wir hatten letzte Woche eine Preview in München und die Leute dort haben überhaupt nicht über den Osten gesprochen, sondern sie haben angefangen, über sich und ihre Familien zu sprechen", sagt Farkas. "Das war das, was ich wollte und darüber war ich sehr glücklich." Martin Farkas nimmt sich in seinem Dokumentarfilm wohltuend zurück, lässt die Demminer reden. "Über Leben in Demmin" beantwortet nicht die Frage, wie es zu den Ereignissen vom Frühjahr 1945 kam. Aber der Film hilft, zu verstehen - wie es im Abspann heißt: "Warum wir sind, wie wir sind."

Über Leben in Demmin

Genre:
Dokumentarfilm
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
Deutschland
Regie:
Martin Farkas
Länge:
90 Minuten
Kinostart:
22.03.2018

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 22.03.2018 | 19:00 Uhr

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