Stand: 17.10.2019 11:11 Uhr  - NDR Info

"Deutschstunde": Die Grenzen der Pflicht

Deutschstunde
, Regie: Christian Schwochow
Vorgestellt von Walli Müller

Wenn ein Roman zu den absoluten Klassikern der deutschen Nachkriegsliteratur gehört, dann ist das die "Deutschstunde" von Siegfried Lenz. Er seziert darin die Neigung der Deutschen zum Befehlsempfängertum, die die Nazi-Diktatur erst möglich machte. Aber ist der Stoff noch aktuell? Auf jeden Fall, findet Regisseur Christian Schwochow, der die "Deutschstunde" mit hochkarätigen Darstellern neu verfilmt hat.

Ein Deutsch-Aufsatz über die "Freuden der Pflicht" - was soll einem Jungen wie Siggi dazu einfallen? Er sitzt Anfang der 50er-Jahre im Jugendknast und starrt auf das leere Papier. Der Lehrer steckt ihn mit Heft und Stift in die Arrestzelle, wo es dann überraschend aus Siggi heraussprudelt.

Tatsächlich weiß keiner so gut wie er, was "Pflicht"-Bewusstsein für einen Menschen bedeuten kann. Sein Vater, der Dorfpolizist Jens Ole Jepsen, hat einst dem berühmten Expressionisten Max Ludwig Nansen das Malverbot der Nazis überbracht. Hatte der Maler aber gehofft, sein Jugendfreund Jens werde das schon nicht so genau nehmen mit der Anordnung aus dem fernen Berlin, so hat er sich getäuscht. Pflicht ist Pflicht für Jepsen, auch im letzten Außenposten hinterm norddeutschen Deich.

Ulrich Noethen als Polizist, Tobias Moretti als Maler

Zwei Schauspiel-Urgewalten stehen sich mit Ulrich Noethen als Polizist und Tobias Moretti als Maler in rauer Küstenlandschaft gegenüber. Möwen kreischen, Wolken türmen sich, der Wind tost - während sich auch zwischen den beiden ein Sturm zusammenbraut. Mittendrin: der elfjährige Siggi.

Mehr als im Roman hat Regisseur Christian Schwochow das Gerangel der zwei Männer um seine Gunst in den Mittelpunkt gestellt. Dem Maler, der den Jungen ebenfalls als Komplizen betrachtet, gehört Siggis Herz. Aber den Vater kritisch sehen? Das verbietet die Erziehung.

"Deutschstunde": Thema ist aktueller denn je

Man kann Schwochows "Deutschstunde" als eine Fortsetzung von Michael Hanekes "Das weiße Band" betrachten: Auch hier sieht man eine verhängnisvolle autoritäre Erziehung, die blinden Gehorsam lehrt. Der Widerstand, der sich in Siggi dagegen regt, ist für den Regisseur der zentrale Aspekt, der die Geschichte heute noch einmal erzählenswert macht.

Er sagt: "In dieser Zeit der rechten Revolution in Deutschland und Europa, die gerade stattfindet, ist Widerstand nur sehr schwach erkennbar. Was wir mit der Figur des Siggi erleben, ist der ursprüngliche Grund gewesen, warum mich diese Geschichte und diese Konstellation interessiert."

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Kein Bezug zu Nazi-Sympathisant Emil Nolde

Um Emil Nolde geht es in Schwochows Film nicht. Generationen haben Lenz' Roman ja mit dem Maler im Hinterkopf gelesen, weil man dachte, er sei mit Nansen gemeint. Aber nachdem inzwischen bekannt ist, dass Nolde Antisemit und Nazi-Sympathisant war, will die Romanfigur so gar nicht mehr zu ihm passen. Weshalb Tobias Moretti im Film einen Maler spielt, der völlig für sich steht.

Wie der Roman vermittelt auch die Film-"Deutschstunde" eindeutig, wo die "Grenzen der Pflicht" liegen. Die Atmosphäre des Buchs hat Christian Schwochow in wuchtigen Naturbildern eingefangen. Das Psycho-Duell der Schauspiel-Koryphäen ist packend. Bestnote also für seine gelungene Literaturverfilmung.

Deutschstunde

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Ulrich Noethen, Levi Eisenblätter, Tobias Moretti
Regie:
Christian Schwochow
Länge:
125 Min.
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
3. Oktober 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 30.09.2019 | 08:55 Uhr

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