Stand: 11.03.2020 13:29 Uhr  - NDR Info

Autoren protestieren gegen Woody-Allen-Biografie

von Danny Marques Marcalo
Die Missbrauchsvorwürfe gegen Woody Allen überschatten die Veröffentlichung seiner Biografie.

In wenigen Wochen soll die Autobiografie "Ganz nebenbei" des US-amerikanischen Filmemachers Woody Allen in Deutschland erscheinen. Wegen der Missbrauchsvorwürfe gegen den vierfachen Oscar-Preisträger gab es laute Proteste dagegen. Mitarbeiter des US-amerikanischen Verlags Hachette legten ihre Arbeit nieder. In den USA wurde die Veröffentlichung nun abgesagt und auch in Deutschland regt sich Protest. Eigentlich soll das Buch am 7. April beim Hamburger Rowohlt Verlag erscheinen. Eine ganze Reihe Autoren des Verlags wehrt sich nun aber dagegen.

Till Raether ist eigentlich der Mann für feinsinnige Hamburg-Krimis, die süffisant und humorvoll mit dem Genre umgehen. In der Causa Woody Allen ist er allerdings sehr ernst. Er ist einer von 16 Rowohlt-Autorinnen und Autoren, die sich in einem offenen Brief gegen ihren Verlag stellen. Sie wollen nicht, dass Allens Autobiografie mit dem Titel "Ganz nebenbei" beim Hamburger Verlag erscheint.

Woody Allens Sohn ist Speerspitze der Protest-Bewegung

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Ronan Farrow kündigte aus Protest gegen die Veröffentlichung der Autobiografie seines Vaters die Zusammenarbeit mit seinem Verlag auf.

Damit schließen sich die deutschen Autoren dem Protest des amerikanischen Journalisten Ronan Farrow an. Nach dessen Meinung sei das Buch nicht genug auf Fakten überprüft worden, erklärt Raether. "Er findet, dass die Aussagen seiner Schwester Dylan Farrow nicht gehört worden sind und dass die Veröffentlichung des Buches eine Respektlosigkeit gegenüber von Opfern sexualisierter Gewalt ist."

Ronan Farrow ist Investigativjournalist. Seine Arbeit gilt als wichtige Grundlage für die internationale #MeToo-Bewegung. Brisant ist, dass Ronan Farrow auch der Sohn von Woody Allen und der Schauspielerin Mia Farrow ist. Seit Anfang der 90er-Jahre stehen Vorwürfe im Raum, dass Woody Allen sich sexuell an seiner Adoptivtochter Dylan, damals sieben Jahre alt, vergangen haben soll. In einem Zivilverfahren wurde Allen nicht verurteilt, der zuständige Richter schrieb aber über Woody Allens Beziehung zu seiner Adoptivtochter: "Sie sehen sie in einem sexuellen Sinne. Sie streicheln sie. Sie geben ihr keinen Raum zum Atmen, sie sehen sie an, wenn sie nackt ist".

"Hexenjagd" oder gerechtfertigter Protest?

Für die Autorinnen und Autoren des Rowohlt-Verlags sind die Vorwürfe schwerwiegend genug, um zu hoffen, dass es keine Veröffentlichung durch Rowohlt gibt. "Ich glaube, es gibt ethische und politische Erwägungen, die jenseits von Gerichten stattfinden", sagt Raether. "Da ist eine Frau, die gesagt hat, mir ist was wiederfahren und ich habe die Befürchtung, dass das in den Hintergrund gerät, wenn Bücher von Menschen wie Woody Allen veröffentlicht werden, die versuchen diese Geschichten an den Rand zu drängen."

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Mit ihrem Brief haben die Autorinnen und Autoren nun eine Debatte ausgelöst. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist von einem "Moralpöbel" die Rede. Comiczeichner Ralf König sprach bei Deutschlandfunk Kultur von einer "Hexenjagd".

Auch die Schriftstellerin Kathrin Passig hat den Aufruf gegen Woody Allens Buch unterschrieben. "Wie in dem Brief drinsteht, haben wir uns nicht grundsätzlich gegen die Veröffentlichung ausgesprochen, sondern als Rowohlt-Autoren dagegen protestiert, dass das ausgerechnet in dem Verlag passiert, in dem auch unsere Bücher erschienen sind", sagte sie dem Deutschlandfunk.

Erscheinungstermin für "Ganz nebenbei" wackelt

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Ob "Ganz nebenbei" wie geplant am 7. April erscheinen wird, ist weiterhin unklar.

Der Rowohlt Verlag will derzeit nicht bestätigen, dass Woody Allens Biografie, wie geplant am 7. April erscheint. In einer E-Mail an den NDR heiß es am Montag, 9. März: "Noch ist unklar, ob wir den Erscheinungstermin am 7. April werden halten können. Der amerikanische Verlag hat die Rechte an den Autor zurückgegeben. Daher klären wir derzeit - wie die anderen europäischen Verlage - die Rechtelage."

Till Raether hat Woody Allens Buch vorab noch nicht lesen können, würde es aber tun, wenn es erscheinen würde. "Mich interessiert natürlich, ob die Diskussion darin vorkommt, ob Woody Allen etwas Neues zu sagen hat", sagt Raether. "Allerdings vermute ich, dass der Verlag Hachette es hätte verlautbaren lassen, wenn da neue Informationen drinstehen würden, die das alles in ein anderes Licht stellen." Die Gruppe um Till Raether sagt nicht, dass Allen nicht seine Version der Dinge erzählen darf. Sie wünschen sich nur, dass er es nicht in ihrem Verlag tut.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 10.03.2020 | 15:55 Uhr