Stand: 27.02.2018 14:12 Uhr

Schülerproteste in der DDR

Das schweigende Klassenzimmer
, Regie: Lars Kraume
Vorgestellt von Walli Müller

Wie hat es sich eigentlich angefühlt, in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zu leben? Den 1973 geborenen Regisseur Lars Kraume interessiert das. Sein Polit-Drama "Der Staat gegen Fritz Bauer" erzählte vom kollektiven Verdrängen der Nazi-Verbrechen in der frisch gegründeten Bundesrepublik. Nun schaut er auf die andere Seite Deutschlands. In der jungen DDR der 50er-Jahre spielt "Das schweigende Klassenzimmer".

Betroffenheit über Tote beim Ungarn-Aufstand

"Hier ist Rias Berlin - eine freie Stimme der freien Welt." In der DDR streng verboten! Aber was kümmert das Kurt und Theo? Die Freunde stehen 1956 kurz vor dem Abitur. Die Mauer ist noch nicht gebaut, die Grenze noch passierbar und West-Radio hören eine lässliche Sünde, denken sie - und erfahren in den Nachrichten, dass die aufständischen Ungarn in ihrem Kampf um Freiheit gegen die russische Besatzungsmacht tragische Verluste hinnehmen mussten.

Dass auch Fußball-Idol Ferenc Puskás unter den Opfern sein soll, entsetzt die versammelte Clique. Tags darauf in der Schule hat Kurt spontan die Idee, eine Schweigeminute für die gefallenen Ungarn einzulegen.

Eine Minute lang also schweigt die Klasse im Geschichtsunterricht. Eine harmlose kleine Demonstration jugendlichen Freigeists, die aber fatale Folgen haben wird. Denn schon hat ein übereifriger Lehrer Meldung nach ganz oben erstattet.

Harmlose Demonstration mit bösen Folgen

Regisseur Lars Kraume konnte als Vorlage für sein Drehbuch den Tatsachenbericht eines damaligen Schülers nutzen: "Wenn man das Drehbuch schreibt, muss man eine Balance finden zwischen der historischen Akkuratesse auf der einen Seite und der dramatischen Verdichtung, die es natürlich braucht, damit es als Kinofilm funktioniert auf der anderen Seite - und das war nicht so leicht." 

Dem fertigen Film sieht man das Ringen nicht an. Kraume gelingt ein atmosphärisches Porträt der Nachkriegs-DDR, mit facettenreichen Figuren. Um den Zeitgeist von damals bestmöglich einzufangen, hat er ins Zentrum Jugendliche aus ganz unterschiedlichen Milieus gestellt: Kurt ist Funktionärssohn, Theo dagegen Kind eines schwer malochenden Arbeiters, der als erster Mann in seiner Familie eine bessere Schule besuchen kann.

Politiker will hart durchgreifen

Doch wird er eines opfern müssen: sein Abitur - oder seine aufrechte Haltung. Burghart Klaußner gibt den DDR-Volksbildungsminister als gnadenlosen Fanatiker. Für ihn ist der Vorfall keine Bagatelle, sondern eine Konterrevolution, und er will jetzt herausfinden, wer die Rädelsführer sind.

Eine Minute Stille - eine "Konterrevolution"? So kann man junge Menschen, die im Glauben an den Sozialismus groß geworden sind, das System hassen lehren. Es steckt im "Schweigenden Klassenzimmer" schon vieles drin, was später den Niedergang der DDR besiegelt. Ein interessantes und bewegendes Geschichts-Drama also.

Bezüge zur aktuellen Politik

Aber Lars Kraume stellt auch Fragen in den Raum, die junge Menschen heute noch für sich beantworten müssen: Will ich den Weg des geringsten Widerstands gehen oder für meine Überzeugung eintreten? Er weiß: "Das passiert in jeder Zeit überall immer wieder, dass eine junge Generation Fragen stellt, merkt, dass es Konventionen gibt, Fragen, die in ihrer Gesellschaft nicht gestellt werden dürfen, und sich darüber erheben und sagen: Nee, Moment, da wollen wir jetzt drüber reden!"

In den USA protestieren Schüler gerade lautstark gegen den Waffen-Wahn - das macht diesen Film überraschend aktuell.

Das schweigende Klassenzimmer

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Leonard Scheicher, Anna Lena Klenke, Carina N. Wiese, Burghart Klaußner, Michael Gwisdek
Regie:
Lars Kraume
Länge:
111 Min.
FSK:
ab 12 Jahre
Kinostart:
1. März 2018

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Neue Filme | 01.03.2018 | 07:20 Uhr

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