Stand: 27.09.2018 11:53 Uhr

"Babylon Berlin": Serie begeistert Autor Kutscher

Bild vergrößern
Die Gereon-Rath-Bestseller-Romane von Volker Kutscher sind Grundlage der teuersten deutschen Fernsehproduktion "Babylon Berlin".

Die Serie "Babylon Berlin" - eine Koproduktion der ARD mit dem Bezahlsender Sky - ist der Beweis, dass auch eine deutsche Serie international konkurrenzfähig sein kann. Die ARD zeigt sie ab kommenden Sonntag um 20.15 Uhr. Erzählt wird vom Berlin der 20er- und 30er-Jahre, von der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung. Als Vorlage dienten die Krimis von Autor Volker Kutscher um den Kommissar Gereon Rath. Er legt in seinen Büchern großen Wert auf die Rekonstruktion der historischen Kulisse im Berlin der 20er-Jahre.

Volker Kutscher, wie gut ist das denn den Filmemachern gelungen?

Volker Kutscher: Sehr gut. Ich lege vielleicht mehr Wert auf Genauigkeit. Sie legen mehr Wert auf Atmosphäre und diese Atmosphäre des Jahres 1929 ist sehr, sehr gut eingefangen - auch wenn nicht immer alles historisch so ganz stimmig ist. Was zum Beispiel die Schauplätze angeht: Das Moka Efti (legendäres Berliner Café- und Tanzhaus, Anm. d. Red.) im Film ist nicht das Moka Efti, das es wirklich gegeben hat. Aber es ist ein zentraler Schauplatz in der Fernsehserie, der die ganze Modernität und das wilde Nachtleben der damaligen Zeit sehr, sehr gut rüberbringt.

Es gibt auch ein paar Veränderungen. Besonders die weibliche Hauptfigur - Charlotte Ritter an der Seite von Kommissar Gereon Rath - ist auch inhaltlich verändert worden. Im Buch ist sie Jurastudentin, in der Serie Stenotypistin aus ärmsten Verhältnissen. Haben Sie Ihre Figuren überhaupt noch wiedererkannt?

Interview

Tykwer und von Borries über ihr "Babylon Berlin"

Für "Babylon Berlin" sind zwei Männer mitverantwortlich: Achim von Borries und Tom Tykwer. Im Gespräch berichten sie von Herausforderungen und dem Spaß beim Dreh zur großen TV-Serie. mehr

Kutscher: Das habe ich. Sie ist ja auch in meinem Roman Stenotypistin, vor allen Dingen muss sie Geld verdienen, um studieren zu können. Sie hat einen kleinbürgerlichen Hintergrund, sie ist keine Studentin aus reichem Hause. Sie muss sich auch nach oben arbeiten. Das haben beide Figuren gemeinsam. Aber ich glaube, der wichtigste Grund für die drei Regisseure und Autoren, sie in dieses Milieu zu versetzen, war der, dass man das Elend des Proletariats nicht nur am Rande zeigen wollte. Das war in den 20er-Jahren wirklich ein Elend, diese Armut kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Sie wollen das an die Hauptfigur binden, das kann ich sehr gut nachvollziehen - und das passt auch ganz gut.

Ihre visuellen Recherche-Vorlagen, wie etwa Archiv-Fotos, sind schwarz-weiß. Welchen Unterschied macht es für Sie, das alles jetzt auch in Farbe zu sehen?

Kutscher: (lacht) Ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe meine Romanwelt in meiner Fantasie auch immer schon in Farbe gesehen. Ich bin auch immer auf der Suche nach Farbmotiven aus der damaligen Zeit. Da gibt es natürlich nicht allzu viele, weil der Farbfilm erst ein bisschen später in den 30ern kam, da hat man dann schon überall die Hakenkreuzfahnen hängen. Aber es gibt tatsächlich ein paar Farbmotive. Maler wie Gustav Wunderwald haben auch Hinterhöfe gemalt, Stadtbilder, die die Großstadt darstellen. Da bekommt man schon einen ganz guten Eindruck, wie es farblich damals auf die Zeitgenossen gewirkt hat. Das habe ich dann versucht, auf meine Fantasie zu übertragen, sodass ich - auch wenn ich Schwarz-Weiß-Fotografien oder -Filme sehe - da tatsächlich eine gewisse Farbigkeit reinbringe.

Die Kriminaltechnik aber steckte in jener Zeit noch komplett in den Kinderschuhen. Spurensicherung und anderes lief längst nicht so standardmäßig ab wie heute. Ihre Figuren in dem Roman "Der nasse Fisch" sind da ja geradezu Pioniere. Wie gut transportiert die Serie das? 

Weitere Informationen

"Babylon Berlin": Mord und Intrigen in den 20ern

"Babylon Berlin" ist eine Milieustudie der Weimarer Republik: 38 Millionen Euro hat das teuerste Serienprojekt im Deutschen Fernsehen gekostet, eine Koproduktion von ARD und Sky. mehr

Kutscher: Es freut mich sehr, dass die Serie auch Ernst Gennat in den Mittelpunkt stellt. Der war in Berlin, in Deutschland, letzten Endes sogar in Europa, einer der Pioniere, was die Tatort-Arbeit anging. Gennat hat Mitte der 20er in der Berliner Polizei überhaupt erst die zentrale Mordinspektion gegründet und die akribische Tatort-Arbeit durchgesetzt. Bis dahin war es eigentlich üblich, dass die preußischen Schupos, die meistens die ersten am Tatort waren, erst einmal in preußischer Manier aufgeräumt haben - also, die Leichen schön aufs Sofa gelegt, alles Umgekippte wieder aufgestellt und so weiter. Das hat natürlich Spuren vernichtet. Und das hat Gennat geändert, indem er entsprechende Vorschriften schuf und durchsetzte. Diese Modernität, die Gennat in die Polizeiarbeit gebracht hat, die transportiert die Serie auch sehr gut.

So schön es ist, wenn aus dem eigenen literarischen Stoff ein solches Mammut-Projekt auf dem Bildschirm wird - wie schwer war es für Sie, loszulassen?

Kutscher: Das war gar nicht so sehr schwer. Dadurch, dass mein Roman-Projekt noch lange nicht beendet ist - da kommen ja auch noch weitere Romane, die noch geschrieben werden müssen -  habe ich mich gar nicht so sehr auf das Filmprojekt eingelassen. Ich bin zwar sehr einbezogen worden, was mich auch gefreut hat, aber ich habe mich weiterhin sehr auf meine Romane konzentriert und von Anfang an gesagt: Die drei Filmemacher haben ihre Baustelle, das ist die Fernsehserie - und ich mache mein Roman-Projekt weiter.

Das Interview führte Liane Koßmann.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 27.09.2018 | 06:55 Uhr