Szene aus dem Film "Oeconomia". © Neue Visionen Filmverleih

Wirtschaftsdoku "Oeconomia" von Carmen Losmann

Stand: 13.10.2020 15:17 Uhr

Die Welt der Finanzwirtschaft, die das große Geld verdient, ist in Spielfilmen unterhaltsam inszeniert worden. Thematisch weitergehend und komplexer ist die Dokumentation "Oeconomia".

von Bettina Peulecke

Eine Dokumentation über Geld? Das klingt erstmal spröde. Das könnte man über Krankenversicherungen und Gesundheitssysteme aber auch sagen. Trotzdem hat zum Beispiel Michael Moore darüber die großartige Dokumentation "Sicko" gemacht. Das allerdings im sogenannten "Guerilla-Stil, mit Ironie und Aktionismus.

Spannende Einblicke in die Welt der Finanzen

Davon ist Carmen Losmann weit entfernt. Sie bleibt konzentriert bei ihren Fragen und Fakten und so ist "Oeconomia" ein spannender Film, der höchst interessante Einblicke in die Finanzwelt gibt. Man muss bei weitem kein Wirtschaftsexperte sein, um ihn zu verstehen.

Die Filmemacherin trifft sich mit dem kritischen Arbeitskreis Wirtschaft in Frankfurt und befragt Chefvolkswirte, Finanzvorstände und Investmentberater. Da viele nicht mit ihr reden wollten, baut sie auch die Absagen und Ablehnungen mit ein. Ihre Kernfrage: Wo kommt denn eigentlich das Geld her, mit dem Firmen gesamtwirtschaftlich Gewinne machen können.

"Also, um Produkte zu kaufen, braucht es jemanden, der das Geld hat, um sie zu kaufen." "Ganz genau." "Und wie entsteht Geld?" "Indem Unternehmen Kredite aufnehmen und dadurch ihr Materialeinkäufe, ihre Löhne und Gehälter bezahlen und dadurch Geld in Umlauf bringen." "Jetzt nehmen die Unternehmen eine bestimmte Geldmenge als Kredit auf, sagen wir mal 500 Euro, um es einfacher zu sagen, die sind dann im Umlauf aber das Unternehmen will 600 Euro einnehmen, also 100 Euro Gewinn machen."

Experten bemühen sich um ehrliche Antworten

So weit ist der Herr von der Bank noch einverstanden. Doch dann wird es problematisch und es ist erstaunlich zu beobachten wie ehrlich er um Antwort ringt:

"Wo kommt das Geld her, damit Unternehmen gesamtwirtschaftlich Gewinne machen können?" "Das ist eine gute Frage." "Weil, das ist ja die Voraussetzung dafür, dass Vermögen wachsen kann, oder?" "Ja. Hmm, lass mich mal überlegen." "Wollen wir die Frage zurückstellen und später beantworten?"

Immerhin macht der Mann sich Gedanken - und das vor laufender Kamera. Andere Experten erklären die Regisseurin schlicht für zu dumm, um einen solch komplizierten Sachverhalt zu verstehen, und geben daher überhaupt keine Antwort. Aber der Ton der Dokumentation bleibt unaufgeregt - und das ist ein großer Vorteil.

Mit Grafiken und einem vereinfachten Monopoly wird erklärt, dass nicht nur die Zentralbanken Geld schaffen und damit über die berühmte Geldmenge entscheiden, wie das in der Theorie gelehrt wird, sondern auch die Geschäftsbanken. Wenn eine Bank einen Kredit vergibt, wird der aus dem Nichts in die Bilanz verbucht. Das Geld ist nicht schon vorher da. Solches Buchgeld mache 90 Prozent der gesamten Geldmenge aus, das Bargeld nur zehn Prozent.

Verständliche Erklärungen mit Schautafeln und Grafiken

Szene aus dem Film "Oeconomia". © Neue Visionen Filmverleih
Wirtschaftspublizistin Samirah Kenawi bringt die Logik des Geldkreislaufs auf stringente Art und Weise auf den Punkt.

Die Wirtschaftspublizistin Samirah Kenawi erzählt: "Ich hatte einmal eine Begegnung mit einem Professor, der auch über Geldtheorie gesprochen hat, über die ganzen Gleichgewichtsmodelle, was ja so endlos an den Universitäten gelehrt wird, und als ich ihn darauf aufmerksam machte, dass seine Grundannahme, auf der alle diese Modelle beruhen, nicht stimmt, sagte er: Ja, Sie haben Recht, aber ich interessiere mich nicht für die Wirklichkeit."

"Oeconomia" hat sich nicht mehr und nicht weniger zur Aufgabe gemacht, als den Kapitalismus der Gegenwart zu durchleuchten. Das macht Carmen Losman auf sehr menschliche Weise, in ehrlichen Gesprächen, ohne bewusste Provokationen oder Polemik. Die Bilder der hoch hinausragenden Bankgebäude, in denen die Gespräche teilweise stattfinden sind, sind dabei ebenso symbolisch wie imposant in Szene gesetzt.

Schautafeln und Grafiken kommen dabei genauso zum Einsatz wie Einblendungen von Schlussfolgerungen auf einem Laptopbildschirm. So werden die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftswachstum, Vermögensbildung und Verschuldung dargestellt. Das gibt einem schon zu denken und es gibt sicher Wirtschaftsexperten, die ganz anderer Meinung sind. Um alle Varianten darzustellen bräuchte es sicher eine Miniserie. "Oeconomia" aber ist eine bemerkenswerte Dokumentation über den schnöden Mammon.

Oeconomia

Genre:
Dokumentation
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
Deutschland
Regie:
Carmen Losmann
Länge:
89 Min.
FSK:
ohne Altersbeschränkung
Kinostart:
15. Oktober 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 14.10.2020 | 06:40 Uhr

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