Buchcover: Javier Cercas - Terra Alta. Geschichte einer Rache © S. Fischer Verlag

"Terra Alta": Javier Cercas über die Geschichte einer Rache

Stand: 05.08.2021 04:00 Uhr

Javier Cercas hat für seinen neuen Roman "Terra Alta" den zweithöchstdotierten Literaturpreis der Welt erhalten. Wird die Geschichte um Hass und Selbstjustiz dieser Auszeichnung gerecht?

von Tobias Wenzel

Mit seinem Roman "Soldaten von Salamis" über den Spanischen Bürgerkrieg wurde Javier Cercas international bekannt. Schon lange zählt er zu den renommiertesten spanischen Schriftstellern. Ende Juli erschien sein neuer Roman in deutscher Übersetzung: "Terra Alta. Geschichte einer Rache". Dafür hat der Autor den Premio Planeta erhalten, den bedeutendsten Preis für spanischsprachige Literatur.

"Ihnen wurden Augen, Fingernägel, Zähne und Ohren ausgerissen, die Brustwarzen abgeschnitten, sie wurden aufgeschlitzt und ausgeweidet." Leseprobe

Wer hat die Besitzer eine Druckerei in der spanischen Provinz Terra Alta ermordet und ihre Leichen geschändet? Wer den Roman "Terra Alta" liest, erkennt den Schriftsteller Javier Cercas nicht mehr wieder: monströse Gewalt, Hass und Gedanken darüber, ob Rache, also Selbstjustiz, legitim ist, wenn die Justiz keine Gerechtigkeit herzustellen vermag. "Der Grund für diese neuen Themen ist wohl, dass ich mich selbst verändert habe", sagt Javier Cercas. Vor allem habe ihn die Katalonienkrise von 2017 verändert. "Da habe ich gesehen, wie sich diese privilegierte Gesellschaft aufgespalten hat. Es herrschte eine Art Vorkriegsklima. Das hat mich wie viele andere Menschen tiefgreifend verändert."

"Terra Alta": Protagonist ermittelt auf eigene Faust

Dieser Kriminalroman hat durchaus literarischen Anspruch. Cercas liefert eine Charakterstudie des jungen Melchor Marín, Sohn einer Prostituierten, der seine kriminelle Vergangenheit hinter sich gelassen hat und Polizist wurde. Von Barcelona ist er in die ebenfalls katalanische Region Terra Alta gezogen und hat dort auch das private Glück gefunden. Aber der von Cercas erdachte Mord an den Druckerei-Besitzern, der reale islamistische Anschlag in Barcelona im Jahr 2017 und die Unabhängigkeitsbestrebungen in Katalonien reißen Melchor aus der Idylle. Als der Mordfall in Terra Alta als ungelöst zu den Akten gelegt wird, ermittelt Melchor einfach selbst. Er, der Mann, auf dessen Seele der Mord an seiner Mutter lastet und dem es zunehmend schwer fällt, Hass und Rachegelüste zu unterdrücken.

"Wer noch nie das Verlangen gespürt hat, jemandem Schaden zuzufügen, hat noch nicht gelebt. Dieses Buch ist ein Nachdenken über den Hass, das aber zu keinen klaren Antworten gelangt. Romane sollten mehrdeutig sein. Letztlich muss der Leser eine Antwort auf diese Fragen finden." Javier Cercas

Literaturpreis: Premio Planeta für Javier Cercas eine Farce?

Javier Cercas bleibt in "Terra Alta" sprachlich hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die herausragende Übersetzerin Susanne Lange dürfte beim Übertragen des Buchs ins Deutsche unterfordert gewesen sein. Die Lektüre ist überhaupt etwas unbefriedigend. Vielleicht, weil Cercas einfach zu viel wollte: eine spannende Kriminalgeschichte liefern, durch die vielen Sprünge in die Vergangenheit die Wandlung der Hauptfigur Melchor Marín nachvollziehbar machen und ihn außerdem noch - ein etwas gezwungen wirkendes Zugeständnis an den gebildeten Leser - mit einer Leidenschaft für Victor Hugos "Die Elenden" ausstatten und so eine Metaebene einbauen. Und wer es nicht so mit Meta hat, der kann das überlesen und sich vielleicht stattdessen an der Beschreibung geschändeter Leichen ergötzen. Da stellt sich schon die Frage, wieso Javier Cercas ausgerechnet für "Terra Alta" den zweithöchstdotierten Literaturpreis der Welt erhalten hat. War wirklich keiner der mehr als 500 eingesendeten spanischsprachigen Texte besser als dieser?

Oder stimmt es, was der Autor, Journalist und erfahrene Juror Luis María Anson sagte: dass dieser Preis samt Jury eine Farce sei, weil der Gewinner schon vorher feststehe? Soll heißen: vom Verlag Planeta durchgesetzt wird. Der veröffentlicht nämlich stets das Siegerbuch und hat ein Interesse daran, das hohe Preisgeld durch etwas leicht zu Lesendes mit Bestseller-Potenzial wieder einzufahren. Bleibt zu hoffen, dass Javier Cercas mit seinem nächsten Buch belegt, was für ein bedeutender Autor er eigentlich ist.

Terra Alta. Geschichte einer Rache

von Javier Cercas
Seitenzahl:
448 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
Verlag:
Verlag S. Fischer
Veröffentlichungsdatum:
28. Juli 2021
Bestellnummer:
978-3-10-397070-8
Preis:
24,00 €

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