Cover von Natascha Wodins "Nastjas Tränen" © Rowohlt

Natascha Wodin: "Nastjas Tränen" - berührendes Porträt einer Kämpferin

Stand: 18.08.2021 14:22 Uhr

Natascha Wodin gelang 2017 mit ihrem Roman "Sie kam aus Mariupol" ein riesiger Erfolg. Wodin bekam dafür mehrere Preise - Kritik und Publikum waren begeistert. Jetzt ist ihr neuer Roman "Nastjas Tränen" erschienen.

Cover von Natascha Wodins "Nastjas Tränen" © Rowohlt
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von Katja Eßbach

1992 zieht Natascha Wodin aus der Südpfalz nach Berlin. Allerdings bekommt dieser Umzug ihrer bereits vorgeschädigten Wirbelsäule so gar nicht. Deshalb sucht sie in einem der damals gängigen Anzeigenblätter eine Haushaltshilfe. Ihr Telefon steht danach nicht mehr still, so viele Interessentinnen melden sich. Darunter auch Nastja:

Die Treppe herauf kam eine sehr schmale, schüchtern wirkende Frau, die etwa fünfzig Jahre alt sein mochte, aber aussah wie ein Mädchen. Sie trug Jeans und einen Rucksack auf den Schultern, auf den ersten Blick hätte man sie für eine typische Erscheinung der Prenzlauer-Berg-Szene halten können, doch bei näherem Hinsehen verrieten das altmodische, verwaschene Blüschen und die manierliche Haarspange die Herkunft aus einem anderen Teil der Welt. Sie stellte sich als Nastja aus Kiew vor, überglücklich, dass sie mit mir Russisch sprechen konnte. Leseprobe

"Nastjas Tränen": Über das kollektive Schicksal sowjetischer Frauen

Natascha Wodin schreibt sehr nüchtern, fast sachlich und es ist gerade dieser sprachliche Aggregatzustand, der unwiderstehlich in ihre Geschichte hineinzieht. Es ist die Geschichte Nastjas, die 1942 in einer ukrainischen Kleinstadt geboren wird und deren Kindheit von Hunger, Elend und der späten Stalin-Ära geprägt ist. Nach der Schule geht sie nach Kiew zum Studium, wird Bauingenieurin. Sie lernt ihren späteren Mann Roman kennen, kurz nach der Hochzeit wird sie schwanger. Nach der Geburt ihrer Tochter Vika, so schreibt Natascha Wodin, wird Nastja eingesogen in das kollektive Schicksal der sowjetischen Frauen:

Man hatte ihnen, obwohl sie bis vor kurzem noch Analphabetinnen und Mägde gewesen waren, zu studieren und in fast allen Berufen zu arbeiten ermöglicht, aber zusätzlich mussten sie weiterhin ganz selbstverständlich die traditionelle Frauenrolle ausfüllen, Mutterschaft mit Berufstätigkeit vereinbaren und allein die unmenschliche, fast biblische Mühsal des sowjetischen Alltags bewältigen, immer konfrontiert mit dem Fiasko der Mangelwirtschaft. Annähernd dreißig Jahre lebte Nastja so, eine Zeit, die ihr vorkam wie ein endloses, nie stillstehendes Rotationsband, ein nie abreißender Strom aus grauem, betäubendem Einerlei, aus dem es kein Entrinnen gab. Leseprobe

Der Zusammenbruch der Sowjetunion führt auch in der Ukraine zu unbeschreiblichen Zuständen. Schon bald gibt es in den Läden fast nichts mehr zu kaufen, Gehälter werden nicht ausgezahlt, Nastja bekommt als letzten Lohn ein Säckchen Reis. Um Geld für ihren Enkel zu verdienen, macht sie sich mit einem Touristenvisum auf nach Berlin...

Ängste und Probleme einer Kämpferin

Natascha Wodin macht Nastjas Geschichte nicht zu ihrer eigenen, sie wahrt Abstand, kein Wort ist zu viel, ihre Erzählung gleicht manchmal fast einem Bericht. Dass man dennoch tief berührt wird, ist ein Beweis für Wodins große Schreibkunst. Wobei im Unklaren bleibt, wie viel Wahrheit in der Erzählung steckt. Im zweiten Teil ihres Buches schildert die Autorin Nastjas Leben in Berlin. Sie erzählt über deren Angst als Illegale aufzufliegen, über ihre harte Arbeit als Putzfrau, über gefälschte Pässe und eine schreckliche Scheinehe. In dieser Zeit kommen sich Natascha Wodin und Nastja immer näher, die gleiche Herkunft verbindet sie. Und als Nastja mal wieder in Not ist, zieht sie bei Wodin ein. Es wird kompliziert:

Je länger wir zusammenlebten, desto problematischer wurde es. Ich ließ mich anstecken von ihrer Fremdheit und fühlte mich in meiner eigenen Wohnung nicht mehr zu Hause. Am Anfang hatten wir noch versucht, Deutsch miteinander zu sprechen, aber diese Versuche waren schnell gescheitert. (...) Sie blieb taub für die deutsche Sprachmelodie, sie konnte ihr inneres Instrument nicht umstimmen, sondern behielt die russische Tonart bei und brachte das Kunststück fertig, auch dann Russisch zu sprechen, wenn sie Deutsch sprach. Sie spielte, sozusagen, Klavier auf einem Cello. Leseprobe

Natascha Wodins Roman "Nastjas Tränen" ist ein poetisches, sehr berührendes Porträt einer Frau, die auch dann noch kämpft, wenn sie längst verloren hat.

Nastjas Tränen

von Natascha Wodin
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Veröffentlichungsdatum:
17. August 2021
Bestellnummer:
978-3-644-01079-6
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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