Hervé Le Tellier: "Die Anomalie"  übersetzt von Romy und Jürgen Ritte (Cover) © Rowohlt

"Die Anomalie" von Hervé le Tellier: ein echter Knaller

Stand: 07.09.2021 16:21 Uhr

Bislang ist der französische Schriftsteller Hervé Le Tellier in Deutschland weitgehend unbekannt geblieben. 2020 gewann er mit seinem Roman "Die Anomalie", der kürzlich auf Deutsch erschienen ist, den Prix Goncourt.

Hervé Le Tellier: "Die Anomalie"  übersetzt von Romy und Jürgen Ritte (Cover) © Rowohlt
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von Maren Ahring

Auf den ersten Seiten stellt uns Hervé Le Tellier kapitelweise seine Protagonisten vor. Darunter der Profikiller Blake, die alleinerziehende Lucie und der Schriftsteller Victor Miesel, der an Depressionen und Erfolglosigkeit leidet. In seinem Abschiedsbrief schreibt er:

Ich habe nie erfahren, was an der Welt anders wäre, wenn ich nicht existiert hätte, noch zu welchen Ufern ich sie hätte führen können, wenn ich intensiver gelebt hätte, und ich sehe nicht, was mein Verschwinden an ihrem Lauf ändern sollte. Leseprobe

Aus eins mach zwei: Wurmloch, Simulation oder Fotokopie?

Was diese Menschen miteinander verbindet, ahnt man zunächst nicht. Doch alle sitzen am 10. März 2021 in einem Flugzeug von Paris nach New York. Während eines Unwetters geschieht etwas mit der Boing. Die Maschine existiert plötzlich doppelt! Eine landete plangemäß im März in den USA, die zweite wird im Juni abgefangen und an einen geheimen Ort gebracht.

Diese Leute im Hangar sind in der Tat dieselben wie jene, die bereits hundertsechs Tage zuvor gelandet sind, und das im selben Flugzeug. Leseprobe

Das ist die titelgebende Anomalie. Was ein wenig nach dem Film "Matrix" klingt, bekommt bei Hervé le Tellier weitere Ebenen. Wissenschaftler und Geistliche werden zusammengerufen und sollen Antworten finden. Sind Wurmlöcher im All oder eine Art "Fotokopierer" verantwortlich für die Verdoppelung - oder ist unsere gesamte Welt sowieso nur eine Art Simulation?

"Die Anomalie": Wenn man plötzlich einen Doppelgänger hat

Die spannendste Frage des Romans ist aber: Wie gehen die Figuren damit um, dass sie sich plötzlich verdoppelt haben? Die einen haben von März bis Juni ihre Leben normal gelebt, den anderen fehlt dieser Zeitraum. Was tun sie, wenn sich die März- und die Juni-Versionen quasi selbst gegenüberstehen?

Der totale Krieg. Seit ihrer Rückkehr nach Frankreich hat Lucie June verstanden, dass sie dem nicht entgeht. Lucie March ist genauso entschlossen. Ihr Sohn, ihrer beider Sohn, die Wohnung, der anstehende Filmschnitt, bis hin zu den Kleidern, lauter lebenswichtige Gefechte und unnütze Schlachten. Leseprobe

Für jedes Figuren-Duo hat Hervé Le Tellier kreative und unerwartete Einfälle - ein großer, kluger Spaß. Und dann gibt es ja auch den Schriftsteller Victor Miesel... Der hatte sich ja als März-Version das Leben genommen. Posthum brachte seine Verlegerin ein letztes Buch heraus und die Juni-Version von Victor kann nun den Ruhm genießen. Als Gast in einer Talkshow soll er dazu Stellung nehmen, dass die Welt nur eine Simulation sein könnte.

Die Ironie an der Sache ist, dass die Tatsache virtuell zu sein, für uns vielleicht noch mehr Verantwortung gegenüber unserem Nächsten und für den Planten bedeutet. (...) Diese Simulation denkt den Ozean, die Bewegung der einzelnen Wassermoleküle ist ihr herzlich gleich. Es ist die gesamte Menschheit, von der die Simulation eine Reaktion erwartet. Es wird keinen höchsten Retter geben. Wir müssen uns selbst retten. Leseprobe

Philosophisch, überraschend, intelligent

Das Ende des Romans soll hier nicht verraten werden, aber Hervé Le Tellier überrascht ein letztes Mal. Und als Leserin möchte man nach der letzten Seite eigentlich gleich wieder von vorne anfangen. Dieses Buch ist ein echter Knaller! Philosophisch, überraschend, intelligent, unterhaltsam und komisch zugleich. Das kommt wirklich nicht oft vor - und dass solch ein Roman den wichtigsten Literaturpreis eines Landes gewinnt, auch nicht. So einen Glücksfall würde man sich zum Beispiel für den Deutschen Buchpreis auch einmal wünschen.

Die Anomalie

von Hervé le Tellier
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Übersetzt von Romy und Jürgen Ritte
Verlag:
Rowohlt Hundert Augen
Veröffentlichungsdatum:
17. August 2021
Bestellnummer:
978-3-498-00258-9
Preis:
22,00 €

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