Das Cover von Maarten t' Harts "Der Nachtstimmer" © Piper

"Der Nachtstimmer": Lang erwarteter Roman von Maarten 't Hart

Stand: 16.06.2021 12:25 Uhr

In Maarten 't Harts Büchern geht es immer auch um das Wunder der klassischen Musik. So auch in seinem neuen Roman "Der Nachtstimmer", der die Leser in die 80er-Jahre in das Städtchen Maassluis entführt.

Das Cover von Maarten t' Harts "Der Nachtstimmer" © Piper
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von Annemarie Stoltenberg

Gabriel Pottjewijd begibt sich mit der Bahn in eine Hafenstadt in Südholland. Hier, in tiefster Provinz, soll er eine kostbare Arp-Schnitger-Orgel stimmen. Er geht über den Bahnhofsvorplatz, über den, wie Präriegras im wilden Westen, ein einsamer Plastikbecher rumpelt, er versucht den Weg zum Seemannsheim zu erfragen. Die Menschen, denen er begegnet, sind schon erstaunlich unfreundlich, die Unterkunft trostlos, das Abendessen geschmacklos und im Festsaal tagt eine freichristliche Gemeinde, deren Mitglieder sich über eine Bibelstelle ereifern.

Der beste Orgelstimmer in ganz Holland

Immerhin soll Gabriel zusätzlich auch die Orgel der hier tagenden Gemeinde stimmen. Sie bitten ihn darum, sobald sie herausgefunden haben, wer der Fremde ist. Ihr eigener Orgelstimmer steht nicht zur Verfügung und Gabriel ist vermutlich der beste Orgelstimmer in ganz Holland. Er braucht immer eine Hilfe bei seiner Arbeit.

Jede Taste korrespondiert mit einer Pfeife (außer bei den gemischten Stimmen) und während der Ton dieser einen Pfeife erklingt, muss ich, in den düsteren Eingeweiden der Orgel hockend, diese Pfeife stimmen. Manchmal ist das im Handumdrehen erledigt, manchmal muss die Taste aber auch sehr lange gedrückt werden, und dann hallt die ganze Zeit nur dieser eine Ton durch die Kirche. Das Ganze ist eine diffizile Angelegenheit, man muss allerlei beachten, und derjenige, der auf der Orgelbank sitzt, wird wahnsinnig vor Langeweile. Es müssen immer viele Tastendrücker rekrutiert werden.

In der kleinen Hafenstadt, in der er jetzt gelandet ist, gibt es ein Mädchen, das stumm ist; man hält das Kind für geistig behindert, aber Lanna ist die ideale Tastendrückerin für den Orgelstimmer. Sie hat nicht nur unendliche Geduld, offenbar versteht sie auch blitzschnell, worum es bei dieser Arbeit geht. Sie wird jeweils begleitet von ihrer Mutter, der Kapitänswitwe Gracinha. Die Mutter ist eine wunderschöne Frau, in die alle Männer des Ortes unsterblich verliebt sind. Auch Gabriel ist fasziniert von ihrer Schönheit und Kochkunst, aber sie findet ihn langweilig und treibt ihm alle Annäherungsversuche gleich aus. Überhaupt streiten sie unentwegt miteinander. Er stellt resigniert fest:

Der Mensch ist ein Wesen, das permanent das letzte Wort haben will. Darauf zu verzichten, bedeutet Weisheit.

Musik tönt aus allen Zeilen

Zwischen der seltsamen Liebesgeschichte, die sich hier entspinnt und der wunderbar kundigen Beschreibung der Arbeit eines Orgelstimmers geht es immer auch um Musik in diesem Roman. Es tönt aus allen Zeilen.

Da ist im Eröffnungschoral, in den Arien und Rezitativen zunächst die Rede von Kummer und Qual, von Löwen und Drachen, die einen bedrohen, und natürlich vom Teufel, der einen würgen will - denn der Satan ist in Bachs Kantaten leider nie weit -, dann aber folgt, gleichsam als Kontrast, eine Altarie mit dem Text: "Soll ich meinen Lebenslauf unter Kreuz und Trübsal führen, hört es doch im Himmel auf. Da ist lauter Jubilieren. Daselbsten verwechselt mein Jesus das Leiden mit seliger Wonne, mit ewigen Freuden." Die Musik, die Bach zu diesem Text komponiert hat, ist wunderschön. Hat man sie gehört, dann summt man sie den ganzen Tag vor sich hin, und man ist gegen alles gewappnet.

Die Geschichte des Orgelstimmers erinnert ein wenig an den Roman "Ein Monat auf dem Lande" des Engländers J.L. Carr. Vom Schluss dieses Romans ist man übrigens derart entzückt, dass man, wie in der beschriebenen Musik, jubilieren möchte vor Freude. Eine überraschende Pointe entlässt die Leserinnen und Leser dieses Romans in so euphorischer Stimmung, dass man laut und übermütig lacht über so viel Glück zum Schluss.

Der Nachtstimmer

von Maarten 't Hart
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Niederländischen von Gregor Seferenz
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-492-07043-0
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

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