Buchcover: Peter Terrin: "Blanko" © Liebeskind Verlag

"Blanko": Ein beklemmender Roman von Peter Terrin

Stand: 16.06.2021 06:00 Uhr

Im Roman "Blanko" des flämischen Schriftstellers Peter Terrin wird ein Vater zum Totalüberwacher seines Sohnes - in bester Absicht natürlich.

Buchcover: Peter Terrin: "Blanko" © Liebeskind Verlag
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von Alexander Solloch

Viktor hat seine Frau verloren - auf die schlimmstmögliche Weise: Unbekannte Gangster haben Helena bei einem Raubüberfall umgebracht. Nachts suchen Viktor Alpträume heim: Helenas Kopf auf dem Bordstein - ein kalter, einsamer, brutaler Tod. Wie sollte er nicht daran zerbrechen?

Schutz und Sicherheit um jeden Preis

Er darf nicht daran zerbrechen, denn jetzt trägt er die alleinige Verantwortung für den gemeinsamen Sohn Igor, einen klugen, tapferen Zehnjährigen. Zuwendung braucht der - und natürlich auch Schutz.

Viktor irrte durch den Supermarkt. Er legte Einkäufe in seinen Korb, ohne zu wissen, was er eigentlich genau brauchte. Bei einem Turm gestapelter Cornflakes hielt er inne, und erst nachdem er sich im Stillen feierlich versprochen hatte, von nun an Igor auf dem Weg in die Schule feierlich zu begleiten, kam sein Körper wieder in Bewegung. Die Wohnung begrüßte ihn mit wohltuender Wärme. Leseprobe

Die Sache ist völlig klar: Nach einem traumatisierenden Erlebnis benötigen der Mann und sein Sohn eine Art Sicherheit. Natürlich wird der eigentlich schon sehr selbständige Kleine jetzt erst einmal wieder zur Schule gebracht - welcher Vater, welche Mutter würde in vergleichbarer Situation anders handeln?

Das Böse schlummert in jedem

Viktors Vertrauen in den Lauf der Dinge ist zerstört, aus gutem Grund, einem bösen Grund. Man kann ihn folgerichtig auch nicht dafür tadeln, dass er sich mal genauer anschaut, wie gut die Schule eigentlich gesichert ist gegen Angriffe von außen. Und dass er in der Mittagspause vorm Schultor hin- und hertigert, immer bereit, mögliche Verbrecher abzuwehren - wer will es ihm verdenken? Der Schulleitung geht er damit auf die Nerven, aber soll er denn etwa die nächste Katastrophe still und ergeben abwarten?

Heute sollte der Frost wiederkommen, und das spürte man. Die ewige Zugluft, die durch die breite und hohe Toröffnung strömte, fühlte sich eisig an. Den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen, suchte Viktor Schutz in seinem hochgeschlagenen Kragen. Er entfernte sich keine drei Meter vom Tor. Jeden Fußgänger, Radfahrer oder langsamen Autofahrer sah er durchdringend an: Was auch immer ihr vorhabt, ich habe euch im Auge! Leseprobe

Das Böse schlummert in jedem. Vielleicht ja auch in Lehrer Vervaecke, wer kann das wissen? Solange man es aber nicht weiß, wäre Vertrauen sträflich naiv. Also lässt Viktor den Lehrer zunächst beschatten; als der Privatdetektiv nicht die erwünschten Ergebnisse liefert, übernimmt er selbst die Ermittlungen.

Raffinierte Dramaturgie

Dann aber auch das Haus, in dem er und sein Sohn leben, die Wohnungstür - völlig klar, ein neues, tausendprozentig sicheres Schloss-System muss her, eine Panzertür, eine Kamera, mit deren Hilfe Viktor rund um die Uhr das Kinderzimmer überwacht, das Igor bald nicht mehr verlässt: Der vor kurzem noch so unerschrockene Junge erstarrt mit panischem Blick. Jedes Leben weicht aus ihm. Viktor aber denkt: Ich habe den Jungen gerettet. Einstweilen.

Dramaturgisch raffiniert gibt Peter Terrin den Kipp-Punkt nicht zu erkennen, an dem Viktor, ein ganz normaler besorgter Vater, verrückt zu werden beginnt. Der Kontrollwahn schleicht sich zunächst unmerklich ein ins Leben von Vater und Sohn und verschlingt schließlich alles.

Didaktische Vorgehensweise

Hätte Patricia Highsmith, von der Terrin zweifellos beeinflusst ist, diesen Stoff in der Hand gehabt - sie hätte es wohl geschafft, ihren Protagonisten auch ohne anfängliche Traumatisierung in den Wahnsinn zu treiben. Terrin möchte allzu didaktisch erklären, warum Viktor so ängstlich wird - aber Didaktik in der Literatur ist nie eine gute Idee. Die Angst ist in uns, tief im Dunkel unseres Herzens. Sie erklärt sich nicht.

Und doch ist dies ein guter, ein beklemmender Roman: Er zeigt mit gewaltiger Dringlichkeit, was für ein Wunder es eigentlich ist, dass wir anderen Menschen vertrauen. Wenn wir ihnen vertrauen.

Blanko

von Peter Terrin
Seitenzahl:
210 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten.
Verlag:
Liebeskind
Bestellnummer:
978-3-95438-125-8
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

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