Cover von Colin Crouchs Buch "Postdemokratie revisited". © Suhrkamp

"Postdemokratie revisited": Flammender Appell von Colin Crouch

Stand: 24.06.2021 09:58 Uhr

Der britische Soziologe Colin Crouch erklärt im Sachbuch "Postdemokratie revisited", er habe 2003 in "Postdemokratie" die Vitalität der verfassungsmäßigen Ordnung und der demokratischen Institutionen überschätzt.

Cover von Colin Crouchs Buch "Postdemokratie revisited". © Suhrkamp
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von Otto Langels

Gleichzeitig ruft Crouch nun dazu auf, die Unabhängigkeit der Justiz, der unabhängigen Medien und die Autonomie der Wissenschaft zu verteidigen.

Es kommt selten vor, dass ein Sozialwissenschaftler gleich im Vorwort eines neuen Buches einräumt, er habe sich in seiner früheren Darstellung in manchen Punkten geirrt. Dies ist der Fall bei Colin Crouch. Der britische Soziologe ist einem größeren Publikum bekannt geworden mit seinem 2003 im Original und 2008 auf Deutsch erschienenen Buch "Postdemokratie".

"Postdemokratie revisited" - Crouch korrigiert sich

Anfang des 21. Jahrhunderts hatte er konstatiert, die Demokratie verkomme in vielen westlichen Gesellschaften zur bloßen Hülle, Parteien und Regierungen manipulierten die öffentliche Meinung, die Macht konzentriere sich Händen kleiner Eliten und in den Chefetagen der Wirtschaft.

Populismus rüttelt an demokratischen Institutionen

In "Postdemokratie revisited" konstatiert Colin Crouch, er habe vor zwanzig Jahren die Vitalität der verfassungsmäßigen Ordnung und der demokratischen Institutionen überschätzt. Überall in der entwickelten Welt sei es heute um die Demokratie schlechter bestellt als zu Beginn des Jahrhunderts.

Inzwischen hätten fremdenfeindliche, populistische und nationalistische Bewegungen - Crouch nennt sie "nostalgischer Pessimismus" - den Rechtsstaat und demokratische Institutionen wie Justiz und Parlament zwar nicht sturmreif geschossen, sie seien jedoch keineswegs mehr unantastbar.

Aber, er habe die Bedeutung demokratischer Haltungen und Werte unterschätzt, die es zu verteidigen gelte. "Ich habe die wichtige Rolle von rechtsstaatlichen Institutionen unterschätzt, die den Demos, das Volk schützen, wenn es sein muss auch vor seinen gewählten Vertretern; Institutionen wie die Justiz, die Zentralbanken, aber auch Einrichtungen von Wissenschaft und Forschung."

Soziale Medien als manipulatives Instrument von Konzernen

Unterschätzt hat Colin Crouch seinerzeit zudem die Funktion der sozialen Medien. Sah er früher in ihnen noch eine emanzipatorische Errungenschaft, ist das Internet in seinen Augen heute ein manipulatives Instrument in den Händen großer Konzerne und Diktaturen. "Was zunächst als befreiende, demokratiefördernde Technologie erschien, ist zum bevorzugten Werkzeug einer Handvoll wohlhabender Individuen und Gruppen geworden - die die Unverfrorenheit haben, sich als Gegner der 'Eliten' auszugeben. Daher muss über das Verhältnis der sozialen Medien zu Demokratie und Postdemokratie neu nachgedacht werden."

Der Autor beschreibt aber auch gegenläufige Tendenzen, etwa die zunehmende Bedeutung sozialer Bewegungen. Der Feminismus oder die weltweite Klimabewegung haben mehr Präsenz und Gewicht gewonnen, als Crouch sich 2003 vorstellen konnte. "Immer mehr Menschen, vor allem junge und gebildete, sorgen sich um den Klimawandel und die Umwelt. Es ist interessant, dass die Liberalen und Populisten, dass beide Gruppen in dem Kampf keine Rolle spielen."

Colin Crouch formuliert griffig und vermeidet Fachjargon

Colin Crouch, der griffig und verständlich formuliert und den soziologischen Fachjargon vermeidet, ist kein Dogmatiker und Schwarzmaler, der den Untergang der Demokratie vor Augen hat. Manches, was er als Gegenmittel empfiehlt, klingt freilich vage und nach Allgemeinplätzen: etwa intensive internationale Zusammenarbeit auf Staats- und Regierungsebene, um die global agierenden Konzerne angemessen besteuern zu können, oder bessere Bildung als Mittel gegen Manipulation durch soziale Medien. "Es gibt Anzeichen dafür, dass sich viele Menschen gegen die Kaperung der Diskurse durch die Neue Rechte wenden. Zunehmend bestimmen Frauen die politische Agenda im weitesten Sinne. Wenn sie auch weiteren Zulauf haben, wird die Demokratie wieder aufleben können."

Appell: stärkt internationale Organisationen wie EU!

Den bedrohlichen Vormarsch der neoliberalen Globalisierung und des nostalgischen Pessimismus verbindet Colin Crouch mit einem Mahn- und Weckruf: Unterstützt zivilgesellschaftliche Gruppen, stärkt internationale Organisationen wie die EU als Gegengewicht zu mächtigen Konzernen! Verteidigt die Unabhängigkeit der Justiz, die unabhängigen Medien und die Autonomie der Wissenschaft!

 

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Postdemokratie revisited

von Colin Crouch
Seitenzahl:
278 Seiten
Genre:
Sachbuch
Zusatzinfo:
Aus dem Englischen von Frank Jakubzik
Verlag:
Suhrkamp Verlag
Veröffentlichungsdatum:
17.4.21
Bestellnummer:
978-3-518-12761-2
Preis:
18 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.06.2021 | 19:00 Uhr

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