Stand: 25.04.2019 13:43 Uhr

Bewusstseinsräume zur Selbstermächtigung

Das geschichtliche Gefühl. Wege zu einem globalen Realismus
von Milo  Rau
Vorgestellt von Katja Weise

"Die Zeit" nennt ihn einen der einflussreichsten Regisseure und tatsächlich hat der Schweizer Milo Rau in den vergangenen Jahren mit vielen Projekten auf sich aufmerksam gemacht - einem "Kongo Tribunal", einem "Weltparlament" und gerade eben mit einer "Orestie", die er im vom Krieg zerstörten Mossul erarbeitet hat. Rau will kein "Repräsentationstheater" machen, sondern "die Welt verändern". Seine grundsätzlichen Überlegungen zum Theater hat er im Rahmen der Poetikdozentur für Dramatik in Saarbrücken dargelegt. Die Vorlesungen sind jetzt auch als Buch erschienen.

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In Milo Raus Theaterstück "Five Easy Pieces" spielen Kinder Szenen aus dem Leben des Kindermörders Marc Dutroux nach - ein sehr kontroverses und dafür gefeiertes Theaterstück über sehr existenzielle Themen.

Milo Rau denkt groß, das heißt auch global. Und er hat keine Angst vor schwierigen Themen. Im Gegenteil, sie ziehen ihn an. In "Die letzten Tage der Ceausescus" stellte er den Strafprozess gegen das rumänische Diktatorenpaar nach, in "Hate Radio" ging es um den Bürgerkrieg in Ruanda, in "Five easy pieces" ließ er Kinder Szenen aus dem Leben des belgischen Kindermörders Dutroux nachspielen. Diese Arbeit wurde unter anderem zum Berliner Theatertreffen eingeladen und sorgte in vielen Ländern für Furore. Alle drei Projekte sind zwischen 2007 und 2017 entstanden.

Auf diesen Zeitraum bezieht sich Rau in seinen Poetikvorlesungen. Ergänzt werden die frei gehaltenen, teilweise durchaus assoziativen Vorträge durch zwei Gespräche, die der Philosoph Rolf Bossart und der Soziologe Harald Welzer mit dem Theatermacher geführt haben. Das erleichtert vor allem fachfremden Lesern den Einstieg, denn auch die können hier einen interessanten Blick auf das Theater und die Wirklichkeit kennenlernen.

Persönliche Bezugspunkte und Bilder der Wirklichkeit

Das eine kann das andere verändern, davon ist Rau fest überzeugt: "Das ist die Kraft der Kunst, etwas herzustellen, Institutionen zu schaffen, Bewusstseinsräume, die es nicht gibt." Und so Wirklichkeit nicht nur zu spiegeln, sondern zu verändern. Bei fast allen Arbeiten gibt es, das betont Milo Rau immer wieder, persönliche Bezugspunkte: "Das ist oft so, dass etwas, was scheinbar objektiv ist - ein Massenverbrechen, ein politisches Ereignis -, sich verknüpft mit etwas, was mich angeht. 'Die letzten Tage der Ceausescus' über die Erschießung der Ceausescus 1989 zum Beispiel: Das waren auch Bilder, die ich bei meiner Großmutter an Weihnachten im Fernsehen gesehen habe und die mich damals als Kind total beeindruckt haben. Ich dachte: Was ist das wohl? Und irgendwann später kommt es an die Oberfläche und man macht etwas daraus."

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"Five Easy Pieces" wurde von Kindern im Alter von 8 bis 13 Jahren gespielt.

Aber was? Wie entsteht eine Arbeit wie "Die letzten Tage der Ceausescus"? Das beschreibt Rau ausführlich in seiner ersten Vorlesung. Im Zentrum steht dabei - und nicht nur in diesem Fall - die Frage: Was ist Geschichte? Wie wird sie wahrgenommen? Was ist real? Augenzeugen berichten oft anderes, als Indizien belegen. Wie aus diesen verschiedenen Komponenten ein Bild von Wirklichkeit entsteht, das interessiert Rau. Und dass dieses Bild, um als authentisch oder realistisch wahrgenommen zu werden, nicht immer genau mit dem übereinstimmen muss und kann, was tatsächlich gewesen ist.

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Milo Rau: "Das geschichtliche Gefühl"

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Mit seinen Theaterstücken will Milo Rau nicht weniger als die Welt verändern. Nun sind die Vorlesungen aus seiner Poetikdozentur für Dramatik in Saarbrücken als Buch erschienen.

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"Gerade wo Theater oder Kunst allgemein am 'künstlichsten' ist, funktioniert sie am besten", sagt er. Bei Projekten wie diesem oder auch "Hate Radio" - hier steht der Völkermord in Ruanda im Zentrum - gehe es darum, "die Tonlage der kollektiven Erinnerung" zu treffen. Wichtig: Auch für "Hate Radio" fand er einen persönlichen Zugang: "Als das in Ruanda stattfand, war ich 17 und habe Nirvana gehört, und als ich dann mit Überlebenden des Genozids gesprochen hab, habe ich gemerkt: Sie haben die gleiche Musik gehört. Das war nach 1989 eine globalisierte popkulturelle Welt, die einen stecken im Genozid, das ist der Soundtrack des Genozids - die anderen im Gymnasium in der Schweiz. Da habe ich plötzlich gemerkt: Das ist ja quasi mein Leben, das ist meine Generation.

Kunst kann und muss die Lücke füllen

In die Gegenwart und in die Zukunft hineinwirken will Rau mit allen Projekten und dabei die Zuschauerinnen und Zuschauer mitnehmen. Auch sie sollen ergriffen, bewegt, vielleicht verändert werden. Das mag naiv klingen, aber: Mit dem "Kongo Tribunal" hat Rau ein fiktives Gericht einberufen, ein von keiner politischen Institution motiviertes, und trotzdem wurde hier - in diesem Kunstraum - Recht gesprochen.

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Die Kunst kann und sollte viel mehr leisten, als wir ihr zutrauen - das ist die Botschaft von Milo Rau. Sie kann Wirklichkeit verändern, indem sie Probleme aufgreift, in diese von der Politik nicht besetzten Räume springt und Lösungen aufzeigt. Das mag vermessen klingen, doch wie Rau seine Gedanken im Rahmen der Vorlesungen und auch in den Gesprächen entwickelt, ist schlüssig und ermutigt dazu, die eigenen Handlungsräume nicht zu gering zu schätzen: "Was man sieht, wenn man so etwas macht: Es ist möglich."

Nicht allen Gedanken mag man folgen. Woher, lässt sich natürlich fragen, nimmt Rau diese Gewissheit? Ist er größenwahnsinnig? Aber vielleicht brauchen wir angesichts der überwältigenden, globalen Probleme genau das: eine Portion Größenwahn.

Das geschichtliche Gefühl. Wege zu einem globalen Realismus

von
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Alexander Verlag
Bestellnummer:
978-3-89581-492-1
Preis:
Buch 16,00 € / E-Book 14,99 € €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 25.04.2019 | 19:00 Uhr

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