Stand: 14.06.2019 16:00 Uhr

Von "Ladenhütern" und "Schatzwächtern"

The Guardians
von Vladimir Antaki
Vorgestellt von Guido Pauling

In Zeiten, in denen jegliche Ware über das Internet bestellt werden kann, haben sie es schwer: kleine Lädchen, in denen die Kundschaft stöbern kann. Die meisten dieser Läden ähneln sich darin, dass sie zwar sehr klein sind, das bisschen Platz aber perfekt nutzen.

Die ganze Welt in kleinen Läden

Regale über Regale sind vollgestopft mit Krimskrams, jeder Kubikzentimeter zählt, ob darin nun Bücher, Antiquitäten, Schuhe, Süßigkeiten oder Drogerieartikel verstaut sind. Häufig hockt in diesen Läden eine Person, die alles sorgsam gehortet hat, die von jedem Gegenstand weiß, wo er liegt - auch wenn ein Fremder nur Chaos in dem kleinen Laden wahrnimmt.

Für den Fotografen Vladimir Antaki sind diese Ladenbesitzer "Wächter" - Wächter über ungeahnte Schätze, Menschen mit einer Sammelleidenschaft, mit Liebe zu bunten oder seltenen oder handgemachten Dingen. In seinem Bildband "The Guardians" - zu deutsch "Die Wächter" - stellt er sie vor.

Riesiges Warenangebot auf wenigen Quadratmetern

Ein Kiosk in einer U-Bahn-Station, irgendwo in New York, vier Quadratmeter Fläche maximal. Schokoriegel stapeln sich in der Auslage, dazu Kaugummis, Dragees, Bonbons in allen Farben und Geschmacksvarianten: Pfefferminz, Himbeere, Erdnuss. Auf der Theke Getränkedosen: Limonade, Eistee, Energy-Drinks, daneben Flaschen und Fläschchen mit Apfelschorle, Orangensaft, Cola, Diät-Cola, sogar Kakao gibt es hier.

Die Seitenwände tapeziert mit Zeitschriften, Magazinen, Illustrierten, ein Politik-Blatt mit einer ratlosen Angela Merkel auf dem Cover, darunter der Rapper Lil Wayne mit seiner Braut, schräg über der deutschen Kanzlerin ein Unterwäsche-Model in schwarzer Spitze, fast verdeckt von einer Packung Smartphone-Kopfhörer, die neben einem Taschenschirm baumeln.

In der Ecke ein Ventilator - und im Zentrum des Bildes: der Wächter über allem. Jainul, indischer Abstammung oder pakistanischer, offenes gestreiftes Hemd, schwarz-rot-ausgewaschen-zerknittert, Ärmel aufgekrempelt, leicht verschlafener Blick - skeptisch, doch nicht unfreundlich. Jainul weiß, wo was steht, so viel ist einmal sicher.

"Ich machte ganz diskret ein Bild von ihm, und dann eine Geste, mit der ich fragte, ob das okay sei. Er nickte, also machte ich noch ein Bild, näher dran", berichtet der Fotograf Vladimir Antaki im Vorwort vom Beginn seines Projekts: Antaki fotografiert "Wächter", die Herren - und oftmals Herrinnen - kleiner Läden, in denen das Chaos herrscht; doch nur für Außenstehende! Denn die Wächter über allen Schätzen kennen sich aus.

Zwischen Raritäten und Kitsch

"Ich heiße Anastacia 'Stacy' Fahnestock. Ich bin 58 Jahre alt. Seit 30 Jahren verkaufen wir Antiquitäten, ich und mein Mann Scott Evans, in diesem Laden in Philadelphia. Wir machen den Job, weil wir alte Sachen lieben. Manchmal habe ich schon bedauert, dass ich Sachen verkauft habe, von denen mir hinterher klar wurde, dass ich so etwas nie wieder sehen werde", erzählt Stacy und blickt stolz und auch ein wenig amüsiert hinter ihrer Kunstmarmor-Ladentheke hervor.

In den Glasbehältern vor ihr liegen alte Knöpfe, Münzen aus Messing, ein eingesperrter Flaschengeist guckt grimmig, weil er den Schraubverschluss seines Glases nicht öffnen kann. Über Stacys Kopf schwebt ein hölzerner Karpfen mit aufgepinseltem Schriftzug "Welcome", die Regale hinter ihr beherbergen eine Wanduhr, Puppenköpfe, Tischlämpchen, blinde Spiegel, einen ausgestopften Vielfraß… um nur ganz wenige Dinge zu nennen!

Hier zu stöbern, muss für die Kundschaft das reinste Vergnügen sein. An einem Ort, an dem man die Zeit vergessen kann, wo Dinge aus allen Zeiten herumliegen und -stehen. "Wenn wir mal alles aufgeben, geht das Zeug zur Versteigerung", sagt Scott trocken, Stacys bessere Hälfte. "Dann kommen hier Apartments rein oder so. Aber wir machen weiter. In diesem Job arbeitet man einfach, bis man tot ist. So sieht es aus."

Buntes Angebot auf der ganzen Welt

Ob in Paris oder Beirut, in Montreal oder Istanbul: Überall auf der Welt gibt es die Wächter von Schätzen. Sie reparieren Grammofone, feilen Schlüssel, verkaufen alte Bücher. In diesem Bildband erzählen sie ihre Geschichte; wie sie zu ihrem Laden gekommen sind, was er ihnen bedeutet. Die Wächter werden weniger.

Wenn mal ein Laden schließt, rückt ein Schnellimbiss nach, ein Lokal für Sushi oder Joghurt. "Wer soll all diesen Joghurt kaufen?", fragt Bill Kasper, genannt Birdman, ein 70-jähriger New Yorker inmitten Tausender Second-Hand-CDs. Wer sich in seinen bis unter die Decke vollgeramschten Laden traut, kauft garantiert etwas. Doch es kommen kaum noch Leute. Lieber laden sie sich Songs herunter. 2015 machte Bills CD-Laden für immer dicht. Stone Age Antiques in Miami - alte Bilderrahmen, Lanzenspitzen, Blechschilder - musste nach 50 Jahren schließen.

Nur manchmal rücken junge Leute nach: Lorena Agolli führt in Toronto eine eigene Schuster-Werkstatt. Niedrige Decken, Neonlampen, altes Leder überall und eine 32-jährige Italienerin in fleckiger Schürze, Expertin für echte Handarbeit. "Ich nehme das sehr ernst, was ich hier tue. Ja, ich bin eine Wächterin. Die letzte Überlebende. Ich tue alles, um dieses Handwerk zu erhalten."

The Guardians

von
Seitenzahl:
112 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
58 Farbfotografien, Texte von Vladimir Antaki und Edward Burtynsky in englischer und französischer Sprache
Verlag:
Kehrer
Bestellnummer:
978-3-86828-925-1
Preis:
39,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 16.06.2019 | 17:40 Uhr

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