Ruth Walz: "Theater im Sucher" (Cover) © Ruth Walz / Hatje Cantz Verlag

Theater-Fotografie von Ruth Walz: "Theater im Sucher"

Stand: 09.12.2021 12:59 Uhr

Die Fotos von Ruth Walz vergegenwärtigen Theater-Geschichte. Edith Clever, Jutta Lampe, Otto Sander, Bob Wilson, Peter Sellars - sie hat sie alle durch den Sucher gesehen.

Ruth Walz: "Theater im Sucher" (Cover) © Ruth Walz / Hatje Cantz Verlag
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von Katja Weise

"Man muss Theater anschauen und es besser machen, durch den Vorgang des Betrachtens. Eben das macht Ruth, es ist schlicht unglaublich", sagt Peter Sellars. Schon als 18-Jähriger war er begeistert von ihren Aufnahmen. Damals war sie Hausfotografin an der Berliner Schaubühne und an allen großen Produktionen, vor allem denen von Peter Stein, beteiligt. Sellars hatte sie nicht gesehen und meinte sie doch zu kennen: "Ich war besessen von Ruth!"

Atemberaubende Reise durch prägende Inszenierungen der letzten Jahrzehnte

Später hat sie Sellars' Inszenierungen "begleitet", wie er es formuliert im Gespräch mit Martin Walz, dem Sohn der Fotografin. Er hat mit verschiedenen Weggefährten gesprochen, alle beschreiben den Zauber der Zusammenarbeit. Nie war diese gekennzeichnet durch ein Klick-Klick-Klick, sondern den Klick im richtigen Moment.

Otto Sander in "Death, Destruction & Detroit" von Bob Wilson, eingefangen mit ausgebreiteten Armen, die Füße elegant im Stepschritt. Eine riesige Glühbirne über dem Kopf berührt fast den streng gezogenen Scheitel. Gert Voss als Lear, mit wildem, weißem Haar, die Augen entrückt, daneben die "Närrin" Birgit Minichmayr flehend und weinend. Oder Jonas Kaufmann als Parsifal, so klein auf der Bühnen-Totalen und doch unbestreitbar das Zentrum dieser düsteren Aufnahme. Von oben senkt sich ein von Georg Baselitz gestalteter Gaze-Vorhang herab.

Viele Regisseure und Schauspieler haben gern mit Ruth Walz gearbeitet

"Wenn man sich ihre Bilder ansieht, hört man Musik. Das ist etwas, was seit dem ersten Tag mit ihr deutlich zu spüren war", erinnert sich der Regisseur der Inszenierung, Pierre Audi. Auch er hat oft mit Ruth Walz gearbeitet. Sie hat nicht nur seinen "Parsifal" begleitet und festgehalten, sondern zeigt mit ihren Aufnahmen verschiedene Lesarten dieses Stoffes.

1990 kündigte Walz an der Schaubühne und reist seitdem als freie Fotografin ihren Regisseurinnen und Regisseuren hinterher. 1997 inszenierte Luc Bondy in Zürich "Auf dem Land" von Martin Crimb mit Susanne Lothar und August Zirner. Er ist auf dem Foto nur von hinten zu sehen, in der Bewegung festgehalten, doch ihr schauen wir ins Gesicht: in den Augen Trostlosigkeit und Verzweiflung. Auch wer die Geschichte nicht kennt, versteht.

Ruth Walz kommt den Menschen auf der Bühne nie zu nah, bildausfüllende Porträts fehlen. Sie ist immer Zuschauerin, vom Rand, aus dem Parkett, mal aus der ersten, mal aus einer der hinteren Reihen. Doch sie zeigt die Spielerinnen und Spieler in ihren intensivsten, verletzlichsten, manchmal auch schutzlosesten Momenten. Oft auch im großen Kontext, dann steht eher die Bühneninstallation im Zentrum der Aufnahme.

Der stark choreografisch denkende und inszenierende Bob Wilson erklärt im Gespräch mit Martin Walz: "Durch die Bilder deiner Mutter lernte ich, was zu verbessern war. Sie verstand meine Arbeit in ihrem Wesen, und ich habe so viel über meine Arbeit gelernt durch das Betrachten der Bilder, die sie jeden Tag machte."

Genaue Angaben zu den Fotos am Buchende stören nicht den Lesefluss

Hunderte Aufnahmen sind versammelt in diesem Band, schwarz-weiße vor allem, aber auch farbige, gegliedert in Kapitel. Im Anhang finden sich zu jeder Fotografie genaue Angaben, das ist geschickt gemacht. So wird über eine weite Strecke der Fluss der Bilder nicht gestört.

Am Ende steht die Würdigung des Mannes, dem Schau und Buch gewidmet sind und der lange der Lebensgefährte von Ruth Walz war: Bruno Ganz. Auch dieser Schauspieler konnte Kunst durch Zuschauen, durch seine Anwesenheit beflügeln. So beschreibt es Jens Harzer in seiner kurzen Hommage.

"Theater im Sucher", Theater gesehen mit und durch die Augen von Ruth Walz lädt ein zu einer atemberaubenden Reise durch prägende Inszenierungen der letzten Jahrzehnte. Das ist große Kunst und für das Theater, dieses flüchtige Medium, ein großes Geschenk.

Theater im Sucher

von Ruth Walz
Seitenzahl:
440 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Text(e) von Klaus Bertisch, Wilfried Dickhoff, Jens Harzer, Niklas Maak, Manuela Reichart, Gerhard Stadelmaier, Design by Dilan Perera, Deutsch, Englisch, 360 Abbildungen, 23,50 x 30,00 cm
Verlag:
Hatje Cantz
Bestellnummer:
978-3-7757-5041-7
Preis:
60,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 12.12.2021 | 17:40 Uhr

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