Stand: 24.09.2018 11:04 Uhr

Gabriels Vision von der Zukunft der Welt

Zeitenwende in der Weltpolitik
von Sigmar Gabriel
Vorgestellt von Jörg Seisselberg
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Der ehemalige Außenminister Sigmar Gabriel schreibt über Zusammenhänge und Herausforderungen der Weltpolitik.

Die Zukunft Deutschlands, Europas und der Welt: Der ehemalige deutsche Außenamtschef dreht in seinem Buch das ganz große Rad. In seinem wirklich gut zu lesenden Werk schlägt Sigmar Gabriel den Bogen von Heinrich dem Seefahrer bis zu den Herausforderungen und handelnden Akteuren der aktuellen Politik. Der Versuchung, dies nebenbei auch für eine persönliche Abrechnung zu nutzen, widersteht der von Andrea Nahles und Olaf Scholz bei Seite Geschobene. Die neuen Mächtigen in der SPD erwähnt Gabriel mit kaum einem Wort. Dafür dringt immer wieder eine erstaunliche Wertschätzung des ehemaligen SPD-Parteichefs für die christdemokratische Kanzlerin Angela Merkel durch. Eine Rezension seines Sachbuchs.

"Ich werde nie eine Situation vergessen, in der mich die deutsche Bundeskanzlerin nach einer Nacht voller Diskussionen über den Umgang mit der großen Zahl an Flüchtlingen im Koalitionsausschuss beim Herausgehen aus dem Kanzleramt morgens gegen 4 Uhr zur Seite nahm und mir sagte: 'Aber eines versprechen Sie mir, Herr Gabriel, wir beide bauen keine Zäune.' Zuvor hatten Experten der Innenpolitik solche Empfehlungen abgegeben. Mein Respekt gegenüber Angela Merkel und meine Zugewandtheit ihr gegenüber ist jedenfalls in dieser Nacht sehr gewachsen." Leseprobe

"Migration ist neben Klimawandel Jahrhundertaufgabe"

Der ehemalige Bundesaußenminister Sigmar Gabriel bei der Buchvorstellung seines Sachbuchs "Zeitenwende in der Weltpolitik. Mehr Verantwortung in ungewissen Zeiten" © Jörg Carstensen/dpa bildfunk Foto: Jörg Carstenen

Sigmar Gabriels "Zeitenwende in der Politik"

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Es macht das Buch zusätzlich interessant, dass Gabriel in seine Überlegungen zur Entwicklung Deutschlands, Europas und der Welt immer wieder kleine Anekdoten aus dem Innenleben der Politik einstreut. Mit dem Blick auf Deutschland arbeitet sich der ehemalige SPD-Chef vor allem an der Flüchtlingsdebatte ab, stichelt gegen die, wie er sie nennt, links-liberale Postmodernen, die die Angst vieler Menschen vor zu viel Einwanderung nicht ernst nähmen. Humanität sei wichtig, aber die Probleme mit Flüchtlingen dürften nicht klein geredet werden. Gabriel wirbt in seinem Buch für eine offene Auseinandersetzung mit dem Thema, hier dürfe man keine Angst vor der AfD haben.

"So unbequem es ist, wir müssen in der Auseinandersetzung um die Zuwanderung den Menschen die Wahrheit sagen und sie ihnen zumuten. Die Wahrheit ist, dass wir vor der größten Herausforderung unseres Jahrhunderts stehen. Migration ist neben dem Klimawandel die zweite große Jahrhundertaufgabe." Leseprobe

China nicht unterschätzen, Brücken bauen nach Russland

Außenpolitisch warnt Gabriel davor, das aufstrebende China zu unterschätzen. Sein Nachdenken über eine neue Weltordnung ist vor allem ein flammender Appell für mehr europäische Zusammenarbeit, mehr europäisches Selbstbewusstsein in der Welt. Ein Europa, das nach Ansicht Gabriels nur funktionieren kann, wenn Deutschland ein stabiler Anker ist, aber gerade gegenüber den kleineren Partnern auch verständnisvoller auftritt als in der Vergangenheit. Immer wieder spielt das Verhältnis zu Russland eine Rolle. Gabriel empfiehlt Brücken zu bauen, sich im Umgang mit Moskau an den Prinzipien der von Egon Bahr vor über 50 Jahren entwickelten Entspannungspolitik zu orientieren.

"Das ist nicht einfach und wird immer wieder Rückschläge mit sich bringen. Darüber war sich auch Egon Bahr 1963 im Klaren. Deshalb folgte er der Strategie der kleinen, am Ende wirksamen Schritte, einem Wandel durch Annäherung und nicht einem Wandel durch Anbiederung. Es wird Zeit, dass wir damit erneut beginnen." Leseprobe

Auch wenn die erhoffte Blaupause für eine neue Weltordnung am Ende nicht zu finden ist - die fast 290 Seiten lohnen sich. Man kann sich an Gabriels Thesen reiben oder ihnen zustimmen, in jedem Fall ist das Buch wie der Autor: nie langweilig.

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Zeitenwende in der Weltpolitik

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Verlag:
Herder
Bestellnummer:
978-3-451-38328-1
Preis:
22 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 22.09.2018 | 15:08 Uhr

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Panorama vom 03. August 1970

03.08.1970 21:00 Uhr
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