Stand: 04.10.2019 11:00 Uhr

Dystopischer Thriller von Robert Harris

Der zweite Schlaf
von Robert Harris, aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Vorgestellt von Verena Gonsch
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Der Roman zeigt, wie unsere Welt wäre, wenn wir unsere Probleme nicht in den Griff bekommen.

"Vaterland", "Enigma", "Ghost" - was Robert Harris schreibt, wird unweigerlich zum Bestseller. Der britische Schriftsteller hat sich jetzt an ein neues Genre herangewagt. "Der zweite Schlaf" ist ein Thriller, der in der Zukunft spielt.

In einem Interview hat Robert Harris einmal gesagt, sein eigentliches Vorbild als Schriftsteller sei George Orwell. Mit "Der zweite Schlaf" kommt der britische Bestsellerautor seinem Idol thematisch bisher am nächsten. Wobei das Weltuntergangsszenario auch sehr an Margaret Atwoods "Report der Magd" erinnert.

Robert Harris führt neue Zeitrechnung ein

Zu Beginn des Buches lässt Robert Harris den Leser sich im tiefsten Mittelalter wähnen.

Am Spätnachmittag des neunten Tages im April des Jahres unseres Auferstandenen Herrn 1468, einem Dienstag, suchte ein einsamer Reiter seinen Weg. Sollten Sorgen die Züge des jungen Mannes verdunkelt haben, so hatte er zugegebenermaßen allen Grund dazu. Seit mehr als einer Stunde war er in der wilden altertümlichen Moorlandschaft im Südwesten Englands, die seit den Tagen der Sachsen als Wessex bekannt war, keiner Menschenseele mehr begegnet. Es würde bald dämmern, und wer nach Beginn der Sperrstunde im Freien aufgegriffen wurde, lief Gefahr, die Nacht im Kerker zu verbringen. Leseprobe

Es dauert einige Seiten, bis klar wird: Eine neue Zeitrechnung ist angebrochen. Wir sind 800 Jahre in der Zukunft. Die Weltbevölkerung ist dezimiert. In England leben nur noch acht Millionen Menschen. Was hinter den Grenzen stattfindet, ist unklar. Regiert werden die Engländer von Geistlichen, die wie im Mittelalter alle Wissenschaften verdammen.

Katastrophale Zustände herrschen auf der Erde

Es gibt keine Industrialisierung, keine Elektrizität, keine Globalisierung, keine Digitalisierung. Die Menschen werden höchstens 50 Jahre alt, die Kindersterblichkeit ist hoch, der Hunger groß, die Diktatur der Kirche grausam und martialisch. Es wird langsam deutlich: Irgendwann ist die Welt, die wir jetzt kennen, zusammengebrochen. Doch sehr lange ist unklar, wodurch. Ein Brief aus der Vergangenheit, aus dem Jahr 2022, deutet mögliche Ursachen an.

Erstens: Klimawandel, zweitens: Atomkrieg, drittens: Ausbruch eines Supervulkans, der den Klimawandel beschleunigen würde, viertens: Einschlag eines Asteroiden, der dito den Klimawandel beschleunigen würde, fünftens: allgemeiner Ausfall der Computertechnologie infolge eines Cyberkrieges, eines nicht zu kontrollierenden Virus oder von Sonnenaktivität, sechstens: pandemische Antibiotika-Resistenz. Leseprobe

Die Hauptperson des Romans, ein junger Pfarrer namens Fairfax, stößt im Haus eines verstorbenen Kirchenbruders auf diese jetzt verbotenen Briefe und Unterlagen. Die Neugierde erwacht, und er macht sich auf die Suche nach dem, was vor vielen Jahrhunderten passiert ist.

"Der zweite Schlaf": Perfektes Setting, fesselnder Sog

An dieser Stelle entwickelt sich der für die Romane von Robert Harris typische Sog. Es ist unmöglich, das Buch länger aus der Hand zu legen. Zu drängend ist die Frage, wie die Menschen in diese Lage geraten sind. Wie bei "Enigma" und dem Cicero-Zyklus taucht Harris vollständig in ein Setting ein. Erstmals auch in eins, das in der Zukunft liegt.

Dabei verzichtet er darauf, diese Zeit überbordend auszuschmücken, weshalb "Der zweite Schlaf" auch kein typischer Fantasy-Roman ist. Es ist eher ein Thriller, der in der Zukunft spielt und den Leser sehr an ein typisches Mittelalter-Epos erinnert. Wie in all seinen Romanen interessiert Robert Harris vor allem: Wie gestalten Menschen Macht? Und wie kann Zivilisation gelingen? "Der zweite Schlaf" zeigt, was passieren kann, wenn wir unsere Probleme nicht in den Griff bekommen.

Der zweite Schlaf

von
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Heyne Verlag
Bestellnummer:
978-3-453-27208-8
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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