Stand: 03.08.2020 17:27 Uhr  - NDR Kultur

Doppelbiografie über Elfriede und Erich Maria Remarque

Die verlorene Schwester - Elfriede und Erich Maria Remarque
von Heinrich Thies

von Birgit Schütte

Cover des Buches "Die verlorene Schwester. Elfriede und Erich Maria Remarque" von Heinrich Thies © zu Klampen Verlag
Autor Heinrich Thies schildert in "Die verlorene Schwester" die beiden Lebenswege von Elfriede und Erich Maria Remarque.

Zum diesjährigen 50. Todestag von Erich Maria Remarque ist die Doppelbiografie über den Schriftsteller und seine Schwester erschienen: "Die verlorene Schwester - Elfriede und Erich Maria Remarque". Auf der einen Seite steht der Antikriegsautor, dessen Roman "Im Westen nichts Neues" ein Welterfolg wurde. Auf der anderen die Damenschneiderin Elfriede Scholz, die 1943 in Berlin-Plötzensee wegen Wehrkraftzersetzung enthauptet wurde.

Schneetreiben in Manhattan. Aber im Hotel Ambassador ist es warm, vor allem nach einem Dinner mit Garnelencremesuppe, Rumpsteak und einem Pinot Noir aus Kalifornien. Die Birkenscheite im Kamin glühen, und die Wärme ganz eigener Art spendet der Scotch. Tausende Meilen östlich von New York heulen in dieser Nacht wieder die Sirenen. (…) Im Strafgefängnis Plötzensee ist von allem nichts zu hören. Gespenstische Stille: Es ist, als graute bereits der Morgen. Ein Morgen, der in die ewige Nacht führt. Für 5 Uhr ist ihre Hinrichtung festgesetzt - die Hinrichtung mit dem Fallbeil. Leseprobe

"Luxussuite und Todeszelle" - so lautet die Überschrift des ersten Kapitels. Die Schicksale der beiden Geschwister könnten nicht gegensätzlicher sein. Aber sie hatten auch einiges gemeinsam: Beide hatten keine Angst, ihre Meinung zu äußern - gegen Krieg und Nazi-Terror.

Elfriede: "Sie werden uns nicht entwischen"

Nach dem spannenden Einstieg schildert der Autor chronologisch das Leben der Geschwister, plakativ in fiktiven Szenen: Elfriede begegnet in Berlin einem Transvestiten. Erich Maria Remarque leidet unter Liebeskummer. Elfriede steht in Dresden mit Otto Dix vor einem seiner Gemälde.

Porträt
Der Schriftsteller Erich Maria Remarque 1956 auf dem Flughafen Tempelhof in Berlin. © dpa - Bildarchiv Foto: Bruechmann

Remarque: Mit Anti-Kriegsroman zum Star

Einst Soldat im Ersten Weltkrieg, wird der Osnabrücker Autor Erich Maria Remarque mit dem Antikriegs-Roman "Im Westen nichts Neues" weltberühmt. Am 25. September 1970 stirbt er in der Schweiz. mehr

Im zweiten Teil nimmt der Roman Fahrt auf. Die Geschichte wird dichter und spannender. Hier arbeitet der Autor Heinrich Thies stärker mit Originaldokumenten wie Tagebucheinträgen, Briefen und Gerichtsakten - zum Beispiel von der Verhandlung unter Vorsitz des berüchtigten Roland Freisler. "Das Tragische ist, dass ihr Wehrkraftzersetzung vorgeworfen wurde. Diese speist sich auch aus ihrer Lektüre von 'Im Westen nichts Neues' und den vielen Gesprächen, die sie in ihrer Jugend mit Remarque geführt hat", erklärt der Autor. "Elfriede ist von ihrem Bruder geprägt worden. Daraus hat sie auch vor dem Volksgerichtshof kein Hehl gemacht und Freisler sagte zu ihr: 'Ihr Bruder ist uns entwischt. Sie werden uns nicht entwischen.' Also sie ist ein Stück weit auch für ihren Bruder hingerichtet worden."

Handelte Erich Maria Remarque verantwortungslos?

Remarque erfuhr davon erst 1946. Mit der Gegenüberstellung der tragisch verwobenen Schicksale der Geschwister wirft der Autor Heinrich Thies viele Fragen auf: Warum hat sich der reiche Bruder nicht mehr um seine Familie gekümmert? Handelte der berühmte Antikriegsautor verantwortungslos? "Remarque hat, als er die Schweiz in Richtung Amerika verlassen hat, seine Familie und Elfriede aus den Augen verloren", sagt Autor Heinrich Thies. "Er hat sich später heftige Vorwürfe gemacht - bis zur Selbstzerfleischung. Also man kann nicht sagen, dass er verantwortungslos war."

Ungewohnter Blick auf den gefeierten Antikriegsautor

Briefe und Tagebucheinträge dokumentieren Remarques Schuldgefühle:

Deine Schwester ist tot: Sie hätte gerettet sein können: Du wolltest nicht alle in der Schweiz zu ernähren haben müssen. Du warst beschämt über Deine Familie. Leseprobe

"Ich habe mich bemüht, Remarque vom Podest herunterzuheben und ihn als Mensch zu zeigen", sagt Heinrich Thies. "Er war entwurzelt, geriet von einer Affäre in die andere, er war alkoholkrank. Er hat versucht zu schreiben, was ihm aber schwergefallen ist." Heinrich Thies gelingt mit seiner Doppelbiografie ein ungewohnter Blick auf den gefeierten Antikriegsautor. Und er lässt den Leser mit vielen Fragen nach Schuld, Verantwortung, Schicksal und Moral zurück. Ganz bewusst.  

Die verlorene Schwester - Elfriede und Erich Maria Remarque

von
Seitenzahl:
370 Seiten
Genre:
Biografie
Verlag:
zu Klampen Verlag
Bestellnummer:
9783866747708
Preis:
28 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 04.08.2020 | 06:20 Uhr

Dietrich zu Klampen © Stefan Hilden Foto: Stefan Hilden

Corona: Kreative Lösungen für die Buchbranche

Die Corona-Krise trifft auch die Buchbranche hart. Doch Not macht erfinderisch. Ein Gespräch mit dem Verleger Dietrich zu Klampen über kreative Wege aus der Krise. mehr

Mehr Kultur

Szene aus dem Film "Nomadland" - Abschlussfilm beim Filmfest Hamburg © The Walt Disney Company GmbH

Filmfest Hamburg startet: Mit 76 Filmen um die Welt

Das Filmfest Hamburg eröffnet heute mit dem Fassbinder-Biopic "Enfant Terrible". Insgesamt sind 76 Filme im Kino unter Corona-Auflagen und online über Streaming-Tickets zu sehen. mehr

Michael Gwisdek © picture alliance/Jörg Carstensen/dpa Foto: Jörg Carstensen

Schauspieler Michael Gwisdek ist tot

Michael Gwisdek ist im Alter von 78 Jahren gestorben. Der Schauspieler spielte unter anderem in "Good Bye, Lenin!", mehreren "Tatort"-Folgen und der NDR Koproduktion "Altersglühen" mit. mehr

Szene aus "Futur 3" © Salzgeber

"Futur Drei": Dreiecksgeschichte voller Lebensfreude

"Futur Drei" heißt der Debütfilm von Regisseur Faraz Shariat. Darin erzählt er eine universale Geschichte von Fremdheit, Verlust und Heimatsuche, von Liebe und Freundschaft. mehr

Oswald Kolle und seine Frau Marlies 1968 in Italien © picture-alliance / Sven Simon Foto: Sven Simon

Oswalt Kolle - Der "Aufklärer der Nation"

Offen über Sex zu sprechen ist in den 60ern noch ein Skandal. Oswalt Kolles Bücher und Filme lösen daher Empörung, aber auch Begeisterung aus. Heute vor zehn Jahren ist er gestorben. mehr