Stand: 22.07.2020 06:00 Uhr

Lorenz Justs Nachwendezeitroman: "Am Rand der Dächer"

von Lisa Kreißler

Der 1983 geborene Schriftsteller Lorenz Just machte 2017 mit seinem Erzählband "Der böse Mensch" auf sich aufmerksam. In diesem Konzeptbuch widmete sich der studierte Islamwissenschaftler den dunkelsten Tiefen der menschlichen Seele: Worüber denkt ein Warlord nach, wenn er in der Badewanne liegt? Was schreibt ein Vater dem toten Kind, das auf Wunsch der Eltern abgetrieben wurde? Jetzt erscheint der erste Roman von Lorenz Just. In "Am Rand der Dächer" erzählt er die Geschichte der Nachwendezeit in Berlin aus den Augen eines Kindes.

Cover des Buchs "Am Rand der Dächer" von Lorenz Just © Dumont
Lorenz Just erzählt die Geschichte der Nachwendezeit in Berlin aus den Augen eines Kindes.

Während die Erwachsenen flüsternd am Küchentisch Diebesgut aus dem Leerstand der Nachbarhäuser herumreichen, durchschreiten Andrej, sein Zwillingsbruder Anton und ihr Freund Simon neugierig die Straßen ihres Nach-Wende-Wunderlandes: Berlin-Mitte. Die Kinder sind zu Hause im "Mombi", Monbijoupark. Zwischen Torstraße und Linienstraße lassen sie sich den Abenteuern zutreiben. Sie behaupten sich gegen den beschränkten König der "Pissburg" und spielen gern mit dem Feuer.

Aber sie sind nicht die einzigen, die etwas in Brand setzen. Gegenüber der Wohnung der Zwillinge brennt ein Haus runter bis auf die Fassade. Zurück bleibt eine Totenmaske, die der Ich-Erzähler Andrej mit dem hochsensiblen Tastwerkzeug seiner Kinderaugen genauestens untersucht.

Und ja, ich erinnere mich an Momente, in denen ich um das Gefühl nicht herumkam, dass diese dunkle, aufrechte Hausfront, deren Türen nirgendwohin führten, etwas Großes zu bedeuten hatte. Wie über einer detailgenau auserzählten Parabel brütete ich an der Fensterbank, was mir dieses Gegenüber sagen sollte; ich fühlte förmlich, wie mir die reine Bedeutung in den Kopf strömte, konnte es aber nicht herausbringen.

Die Bildwelt des Kindes Andrej

Lorenz Just präsentiert uns mit Andrej einen kindlichen Flaneur. Wie Walter Benjamin in seiner "Kindheit um 1900" verwandelt sich der erwachsen gewordene Erzähler in "Am Rand der Dächer" die Bildwelt seiner Kindheit an, um sie mit feinen Stichen mit der realpolitischen Geschichte Berlins zu vernähen.

Podcast Info Zeitzeichen Mediathekbild © plainpicture

AUDIO: Geburtstag des Philosophen Benjamin (15 Min)

Die leeren Häuser füllen sich mit den Besetzern. Verschlossene Türen werden aufgebrochen und mit dem Einzug der Fremden eröffnen sich auch den Kindern ganz neue Räume. Andrej und Anton probieren "true american cookies" von ihrer neuen Freundin Lilly. Die vertrauten Straßenzüge verändern sich rasant. Mehr und mehr treiben die zwei Brüder in den sich überlagernden Sphären der Stadt auseinander. Plötzlich ist Andrej allein auf seinem Weg. Plötzlich fallen ihm die Einschusslöcher in den Hauswänden ins Auge.

Ein Bekannter meiner Eltern erzählte am Küchentisch vom Ausblühen, was bedeuten sollte, so verstand ich es, dass die stecken gebliebenen Projektile, wenn sie anfingen zu rosten, unmerklich anwuchsen und sich wie von selbst über lange Zeit aus den Wänden schoben.

Der Krieg lebt fort im Spiel der Kinder

Der Krieg hat sich eingeschrieben in die Stadt, und er lebt fort im Spiel der Kinder. Andrej baut sich Straßenzüge aus Lego, malt seinen Legomännchen Camouflage-Uniformen und imitiert das Schießen und Sterben feindlicher Truppen. In einem Polenurlaub mit Simon kommt er nicht nur zum ersten Mal in Berührung mit amerikanischem Gangsta-Rap: Die beiden besorgen sich auch Softair-Pistolen. Zu Hause, in den leer stehenden Wohnungen, schießen sie sich damit gegen die Stirn.

Eindringlinge in das Leben der neuen Bewohner

Die Jahrtausendwende rückt näher und plötzlich ist sie einfach da: die Möglichkeit für ein Austauschjahr nach Amerika zu gehen. Ins Land des Basketballs, ins Land von MacGyver. Dafür vertreibt sich Andrej selbst aus der Stadt. Über die Dächer beginnen er und Simon in die sanierten Dachgeschosswohnungen einzubrechen. Bei diesem gewaltvollen Eindringen in das Leben der neuen Bewohner stehen sie ihrem eigenen unschuldigen Kinder-Ich plötzlich als Albtraum gegenüber.

Als wir die letzte Tür öffneten, an die eine kindliche Buntstiftzeichnung geklebt war, fanden wir uns in einem winzigen Zimmer wieder, und da war ein Erschrecken, ein plötzliches Zögern. Wir witterten das Kind, meinten, seine Träume zu spüren, seine ängstlichen Nachtgedanken, als es uns durch die Wohnung hatte tappen hören und es die Wärme des Bettes, die Nähe der Eltern, dieses vermeintlich sichere Zuhause vergaß, in das wir wie böse Schatten eingedrungen waren.

Reflexionen über Apokalypse, Rap und Erinnerung

Lorenz Justs Roman "Am Rand der Dächer" hat eine haptische und eine philosophische Ebene. Die Biografie des Kindes mündet immer wieder in essayistische Reflexionen über die Apokalypse, über Rap, über Sprache und natürlich die Erinnerung. Aber es ist die richtungssuchende Rohkraft der Kinderseele, die dem Text sein Gesicht gibt. Von welchem Punkt seines Lebens Andrej auf die Berliner Kindheit zurückblickt, bleibt ein Geheimnis - bis zum allerletzten Satz.

Am Rand der Dächer

von
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Dumont
Bestellnummer:
978-3-8321-8111-6
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 23.07.2020 | 12:40 Uhr

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