Stand: 15.11.2019 13:27 Uhr

New Yorker Geschichten

von Stefan Maelck
Jonathan Lethem: "Alan, der Glückspilz" © Tropen Verlag / Klett-Cotta
Lethems Geschichten spielen in New York und erzählen seltsame Begebenheit mit ungewöhnlichen Menschen.

Mit seinem Roman "Motherless Brooklyn" erreichte der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Lethem 1999 erstmals ein größeres Publikum. Gefeiert wurde er zuletzt für große Romane wie "Die Festung der Einsamkeit", 2003 von der New York Times zum besten Buch des Jahres gekürt, "Chronic City" aus dem Jahr 2009 oder "Der Garten der Dissidenten" von 2013. Was Lethem einst der Band "Talking Heads" attestiert hat - dass ihr Album "Fear Of Music" die Kreuzung intellektueller Kunst mit Rock'n'Roll sei - eben das trifft auch auf Lethems Bücher zu. Zuletzt erschien "Der wilde Detektiv", wieder ein Roman. Nun kommt "Alan, der Glückspilz".

In den USA ist der dieser Band mit seinen neun Stories schon 2015 erschienen, in Deutschland dient er dem Tropen Verlag nun zum Überbrücken, bis Lethems neuer Roman erscheint. Dabei handelt es sich bei der überwiegenden Zahl dieser Stories um Geschichten, deren Lektüre einen mitunter traurig stimmt, weil Lethem nicht gleich einen Roman daraus gemacht hat.

Ein alter Bekannter ist umgezogen

Schon der Einstieg, die Story, die der Sammlung ihren Namen gab, ist typisch Lethem: Der Ich-Erzähler Grahame trifft regelmäßig den Theaterregisseur Sigismund Blondy, kurz Sig, bei Donnerstagsmatineen in einem Kino an der Upper East Side von New York. Dann sieht er ihn längere Zeit nicht, macht sich Sorgen, ruft ihn an, erfährt, dass Sig Blondy weiter ins Kino geht, nur eben in einem anderen Viertel.  

Er sei nach Downtown gezogen, erklärte er, in die Minetta Street. Versteckspiel vor aller Augen, so nannte er es. In der Vergangenheit hatte er immer wieder von seiner innigen Zuneigung zu dem Block an der Seventy-eighth Street gesprochen, wo er jahrzehntelang in einer Schnäppchenwohnung mit stabiler Miete die Stellung gehalten hatte, von seinem anhaltenden Entzücken über die Völker der Hundeausführer und Kindermädchen, mit denen er dort Kontakt gehabt habe, und einmal die Upper East Side als 'die letzte Bastion des wahren Manhattan' bezeichnet. Aber ich bekam keine Gelegenheit, mich zu erkundigen, warum er ihr den Rücken gekehrt hatte. Leseprobe

Die beiden verabreden sich, und Sig hat ein paar Fragen an Grahame - ausgerechnet aus dem berühmten Fragebogen von Max Frisch. So kommen sie schließlich auf Alan Zwelish, Sigs Nachbarn, dem Sig immer freundlich zunickt.

Seltsame und interessante Nachbarn

Bei diesem Nicken hätte man es belassen können. Aber Blondy spielte nicht nach den Manhattaner Nachbarschaftsregeln. Er war provokant, redselig, gierig. Er sammele Lebensgeschichten, wie er mir einmal prahlerisch erzählte, etwa im Geschwader der Hundeausführer des Blocks, die auf dem Weg zum Park wie Maibäume in den Hundeleinen hingen, verwirrt davon, angesprochen zu werden, wo doch so ziemlich jeder die Straßenseite wechselte, um einem Pulk frenetischer Terrier auszuweichen. Er gurrte so lange Babys in Kinderwagen an, bis einsame tibetanische Kindermädchen, die Unsichtbaren von Manhattan, ihm praktisch ohnmächtig in die Arme sanken. Leseprobe

Was Sigs Wegzug aus seinem alten Viertel mit dem ominösen Alan Zwelish zu tun hat - und warum dieser gar nicht so ein Glückspilz ist - das erfahren wir bei der Lektüre dieser Geschichte, die wie die anderen acht Stories geheimnisvoll, atmosphärisch dicht und spannend zugleich ist. Jonathan Lethem unterhält auf hohem Niveau.

Lethem hat eigene Erfahrungen mit Brooklyn

Er ist zur großen Zeit des Rock’n Roll aufgewachsen. 1964 in New York geboren, verbrachte er die frühen Jahre seiner Kindheit in Kansas City. Anfang der 70er-Jahre zog die Familie in den zu jener Zeit noch völlig heruntergekommenen New Yorker Stadtteil Brooklyn - mit überwiegend schwarzer und puertoricanischer Bevölkerung.

Die Erfahrung, als Jugendlicher auf den Straßen Brooklyns zur weißen Minderheit zu gehören, prägte den Autor und schlägt sich bis heute in seinem Werk nieder. Jonathan Lethems Herz schlägt für die Außenseiter, die Randgestalten, die Nebenrollen. Die Hauptrolle spielt meistens New York City. Eine weitere Story heißt so, wie man Lethem selbst nennen könnte: "Der König der Sätze".

Autor mit Vorliebe für meisterhafte Sätze

Das war zu der Zeit, als wir ausschließlich über Sätze reden konnten, Sätze - nichts sonst versetzte uns derart in Erregung. Was in jenen Tagen auch geschah, was auch immer uns in seinen Bann schlug, Clea und ich konnten nicht eher ruhen, bevor wir die Sache in, wie wir uns selbst versicherten, erstaunlicherweise präzedenzlose und bezaubernde Sätze gegossen hatten. Leseprobe

Lethem studierte, genau wie seine Kollegen Bret Easton Ellis oder Donna Tart, freie Kunst auf dem Bennington College in Vermont - entschied sich aber früh für das Schreiben. Zuvor jedoch war er ein introvertierter weißer Junge, der mit 15 den Rock’n’Roll entdeckte und die wichtigsten Lebensanleitungen aus Popsongs bekam.

Die Story "Der Porno-Kritiker" erinnert mitunter an eine Mischung aus Bret Easton Ellis und William S. Burroughs. Andere Geschichten sind Verwirrspiele mit Tagebuchaufzeichnungen oder Comicfiguren, handeln von Menschen in der Sinnkrise. Musik spielt neben New York natürlich wie immer eine Rolle - von den Cowboy Junkies bis REM erstrahlen Lethems Vorlieben in meisterhaften Sätzen.

Alan, der Glückspilz

von
Seitenzahl:
172 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Tropen Verlag / Klett-Cotta
Bestellnummer:
978-3-608-50155-1
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 18.11.2019 | 12:40 Uhr

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