Stand: 31.05.2022 12:40 Uhr

Die Geschichte der eigenen Familie

von Annemarie Stoltenberg
Friedrich Christian Delius: "Die Liebesgeschichtenerzählerin" (Cover) © Rowohlt
Friedrich Christian Delius, geboren im Februar 1943 in Rom, aufgewachsen in Hessen, lebt seit 2013 in Berlin.

2011 ist der Schriftsteller Friedrich Christian Delius, in seinen ersten Schriftstellerjahren knapp F.C. Delius genannt, mit dem Büchnerpreis geehrt worden für sein seit Anfang der 70er-Jahre gewachsenes, beeindruckend kluges, streitbares und vielseitiges Werk. Bekannt geworden ist etwa sein Roman "Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus" oder "Bildnis der Mutter als junge Frau". Nun erscheint sein neues Buch mit dem Titel "Die Liebesgeschichtenerzählerin".

Lakonisch elegante Erzählung

Es ist kein leicht zu lesendes Buch, ein Roman, der Leser sozusagen als Mitautoren in den Text nimmt und ihnen zutraut, fehlende Stück wie ein Mandala aus dem eigenen Erinnerungsfundus auszumalen. Erzählt wird lakonisch elegant von drei Schreibprojekten, die eine fünfzigjährige Frau während einer Reise im Kopf entwickelt. 

Das ist besonders reizvoll, weil wir alle solche Geschichten schon einmal gehört haben und nicht in voller Länge brauchen, sondern uns auf die Besonderheiten just dieser Geschichten, die sie schreiben will, konzentrieren können.

Literarisch ist es hochinteressant, wie Friedrich Christian Delius Geschichten also fast durchgängig auf einer Metaebene spielen lässt, in einem Erzählsound, der magisch ist, dem man sich gern anvertraut. Delius beginnt mit einem eigenen Gedicht aus dem Jahr 1979, das er seinem Roman voranstellt:

Ein Gedicht als Ouvertüre

Herab auf dem Fluss

Auf einem weißen Lastschiff die Vorfahren
Fahren vorbei und winken uns zu
(...)
Ach unsere lieben Alten wie sie sich balgen
Um den Platz hinterm Steuerruder
Um einen unerschrockenen Blick von uns
Um die Nabelschnur zu uns um die letzten Gummibärchen
Spielen im Sandkasten die Bauern die Offiziere
Immer noch Krieg ihr großes Erlebnis
Und die Reihen einsamer Mütter
Geschlagen von dem was sie als Sünden verstanden
Und was ihnen die Herren antaten lachend
Nun beneiden sie uns weil das Herz uns so schlägt
Weil wir zusehn von weitem
Wie sie vorbeifahrn und winken Leseprobe

Das Gedicht ist wie eine Ouvertüre, in der jede Melodie einmal angespielt wird, für den folgenden Text. Friedrich Christian Delius lässt seine Heldin im inneren Monolog erzählen von ihrer Reise nach Amsterdam im Januar 1969. Sie hat seit den schweren Zeiten im Krieg und den familiären Überlebenskämpfen der Nachkriegszeit eigene Interessen konsequent hintan gestellt und war immer für andere da. Nun hat sie ein paar Tage frei und will mit Recherchen für Schreibprojekte beginnen, die ihr im Kopf umherschwirren. Immerhin hat auch Fontane erst mit 50 Jahren mit dem literarischen Schrieben angefangen, ermuntert sie sich selbst.

Auf den Spuren der Familie

Sie möchte die Geschichte ihrer Ururgroßmutter schreiben, die ein uneheliches Kind des niederländischen Königs war und auf einem mecklenburgischen Landgut aufwuchs; die Geschichte ihres Urgroßvaters, der kaiserlicher U-Boot Kapitän war, und ihre eigene Geschichte als Tochter eines Volkspredigers, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs etliche Jahre warten musste, bis der Ehemann aus russischer Gefangenschaft als ein anderer zurückkehrte.

Sie möchte herausfinden, wie alle diese Geschichten miteinander zusammenhängen. Wie eine Generation mit den Erfahrungen der vorhergehenden in der Seele umgeht. Dann stellt sich der Liebesgeschichtenerzählerin etwas in den Weg. Bei einem Telefonat nagt plötzlich ein Verdacht an ihr. Was ist mit ihrem Ehemann Reinhard? Sie überlegt:

... ob sie ihm offen entgegentreten sollte oder nicht, ob sie den Satz nicht sagen sollte oder doch: Du warst nicht im Kino -
Er würde nicht lange lügen können, er konnte nicht lügen, nicht schauspielern, alle ehelichen Übereinkünfte wären gebrochen, die Familie ein Trümmerhaufen und ihre Pläne, endlich zur Liebesgeschichtenerzählerin zu werden, Seifenblasen, Seifenblasen die Minna-Geschichte, Seifenblasen die Kapitäns-Geschichte, Seifenblasen die Geschichte des Lächelns des Reinhard von Mollnitz. Leseprobe

Vorerst aber wird sie gar nichts fragen, sondern die Liebesgeschichtenerzählerin schließt mit einer anmutig-charmanten Anspielung auf Boccaccios "Decamerone".  

Die Liebesgeschichtenerzählerin

von Friedrich Christian Delius
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-87134-823-5
Preis:
18,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 15.03.2016 | 12:40 Uhr

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