Stand: 13.09.2019 11:30 Uhr  | Archiv

Das Bauhaus: Frauen haben es hier schwer

von Silke Lahmann-Lammert

Was wäre das Bauhaus ohne die Fotografien von Lucia Moholy? Ihre Schwarz-Weiß-Aufnahmen von den Bauhaus-Meistern und ihren Häusern wie dem Gropius-Gebäude in Dessau haben den Ruf der Schule in die Welt getragen. Sie selbst erntete dafür nur wenige Meriten. Bis heute steht die Kamera-Künstlerin im Schatten ihres Ehemanns, des Malers, Fotografen und Bauhaus-Meisters László Moholy-Nagy.  

Wie der Meister-Gattin ging es vielen Schülerinnen der berühmten Kunstschule. Obwohl Frauen zahlreiche Werke geschaffen haben, die heute Ikonen des Bauhauses sind, blieb den meisten Absolventinnen der Künstlerschmiede die große Karriere verwehrt. Zum 100-jährigen Bauhaus-Jubiläum sind nun mehrere Bücher erschienen, die den Bauhaus-Pionierinnen posthum zu dem Ruhm verhelfen wollen, den sie verdienen.

Bauhaus: Wenige Frauen, viele Männer

"Sie gingen alle in die Weberei. Ob sie wollten oder nicht", beschreibt Gertrud Arndt den Weg der meisten Bauhaus-Studentinnen. Sie selbst will Architektin werden und belegt den Baulehre-Kurs von Adolf Meyer. Sie ist die einzige Frau unter lauter Männern und fühlt sich unwohl. Als dann auch noch Georg Muche ihre Entwurfszeichnungen mit den Worten kommentiert "Machen wir einen Teppich daraus", gibt sie auf und wechselt in Muches Weberei-Klasse.

Später erinnert sie sich: "Ich wollte nie weben. Das war gar nicht mein Ziel. Diese ganzen Fäden, das mochte ich gar nicht." Trotz ihres Widerwillens gestaltet Gertrud Arndt in der Weberei unvergleichlich schöne Textilien. Walter Gropius schmückt sein Direktorenzimmer in Weimar mit einem ihrer Teppiche. Dennoch: Am Tag der Gesellenprüfung beschließt sie, nie wieder an einem Webstuhl Platz zu nehmen.

Walter Gropius, Architekt und Gründer des Bauhauses. © picture alliance/AP Images Foto: anonymous

AUDIO: Wer war Walter Gropius? (4 Min)

Festgelegte Rollenbilder am Bauhaus

Ob ihre Karriere anders verlaufen wäre, hätte das Bauhaus Frauen bereitwilliger die Türen zu sogenannten Männerberufen geöffnet? Ein Brief von Walter Gropius aus dem Jahr 1921 zeigt, wie fest das Rollenbild in den Köpfen der Meister zementiert war: "Nach unseren Erfahrungen ist es nicht ratsam, dass Frauen in schweren Handwerksbetrieben wie Tischlerei und so weiter arbeiten. Gegen Ausbildung von Architektinnen sprechen wir uns grundsätzlich aus."

Allen Widerständen zum Trotz gibt es aber immer wieder Pionierinnen, die sich den Zugang zu Männerdomänen erkämpfen. Alma Siedhoff-Buscher schafft den Sprung in die Holzwerkstatt. Dort baut sie multifunktionale Kindermöbel und Spielzeuge, die bis heute ein Verkaufsschlager sind.

Die wohl bekannteste Bauhaus-Absolventin, Marianne Brandt, bringt es in der Metallwerkstatt bis zur Lehrerin. Sie sagt: "Zuerst wurde ich nicht eben freudig aufgenommen. Eine Frau gehört nicht in die Metallwerkstatt, war die Meinung." Heute verkörpern Marianne Brandts Teekannen, Aschenbecher und Lampen geradezu ikonisch die Bauhaus-Ideen von schlichter Eleganz und Funktionalität.

"Frauen am Bauhaus" und "Bauhausfrauen"

Die neuen Bildbände "Frauen am Bauhaus" von Patrick Rössler und Elisabeth Otto und die aktualisierte Neuauflage des Standardwerks "Bauhausfrauen" von Ulrike Müller ähneln sich: Beide Bücher liefern Porträts ausgewählter Schülerinnen und Meister-Frauen, von denen viele erheblichen Anteil am Ruhm ihrer Männer hatten.

Beide betten die Biografien in die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ihrer Zeit ein. Die Frauenschicksale, die die Autoren schildern, sind so vielfältig, so aufregend und erschütternd, dass man sich nur wundern kann, warum sie erst jetzt erzählt werden.

Friedel Dickers tragische Geschichte

"Uns ist bestimmt, nicht reich zu werden, und es ist gut so, wir brauchen es nicht", sagt Friedel Dicker. Zu den bewegendsten Kapiteln beider Bücher gehört ihre Geschichte. Ungeheuer begabt und ideenreich, hätte die Bauhaus-Absolventin als Architektin und Gestalterin die Wünsche vermögender Auftraggeber verwirklichen können. Aber Dicker setzt ihr Know-how für Arme und Notleidende ein.

Als Jüdin und Kommunistin wird sie 1942 nach Theresienstadt deportiert. Auch im Konzentrationslager nutzt sie ihre Tatkraft und ihren Optimismus, um anderen zu helfen: Heimlich unterrichtet sie Kinder im Malen und Zeichnen. Helga Pollack, eine ihrer Schülerinnen, erinnert sich später: "In diesen Momenten fühlte ich mich als freier Mensch."

Friedel Dicker wird 1944 in Auschwitz ermordet. Ihre Ideen jedoch wandern mit überlebenden Schülerinnen in die USA aus und werden dort zur Grundlage einer ganz neuen und bis heute erfolgreichen Behandlungsmethode: der Kunst-Therapie.

Wildschöne Welten in Norddeutschland

von Wolfram Otto
Seitenzahl: 224
Genre: Bildband
Verlag: Hinstorff
Bestellnummer: 978-3-3560-21691
Preis: 38,00 €

Frauen am Bauhaus

von
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
21.5 x 27.5 cm, gebunden, 200 farbigen Abbildungen
Verlag:
Knesebeck
Bestellnummer:
978-3-95728-230-9
Preis:
35,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 07.04.2019 | 16:20 Uhr

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