Stand: 17.06.2016 14:01 Uhr  | Archiv

Franz Kafka: "Der Prozess"

In der zweiten Staffel der Wissensreihe "Große Romane der Weltliteratur" streifen wir in 25 neuen Folgen durch die Geschichte des Romans von den Anfängen bis in die Gegenwart. In dieser Folge dreht sich alles um Franz Kafkas "Der Prozess".

Von Hanjo Kesting

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Man hat in Kafkas "Der Prozess", eine Vorwegnahme oder sogar Vorhersage nationalsozialistischer Herrschaftspraktiken gesehen.

Franz Kafka, geboren 1883 in Prag, gestorben 1924 in der Nähe von Wien, gehört zu den einflussreichsten und rätselhaftesten Schriftstellern des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Welt, die er erschaffen hat, scheint weniger als andere literarische Welten an Zeit und Raum gebunden, obwohl sie fest in realistischer Schilderung fundiert ist und von dort immer wieder ins scheinbar Phantastische schweift. Das gilt für kein Werk Kafkas mehr als für den Roman "Der Prozess", eines der meistinterpretierten Bücher der Weltliteratur.

"Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." So lautet der berühmte Anfangssatz des Buches. Es beginnt am dreißigsten Geburtstag des Protagonisten Josef K. mit seiner Verhaftung und endet am Vorabend seines einunddreißigsten Geburtstages, nach genau einem Jahr. Es ist das Jahr des Prozesses - auch wenn Josef K. nicht weiß, wer den Prozess gegen ihn führt, worin die Anklage besteht und welche Schuld er auf sich geladen hat. Josef K.s Beteuerungen seiner Schuldlosigkeit aber werden als Schuld gewertet angesichts seiner Unkenntnis des Gesetzes. Dieses Gesetz wird zitiert im Sinne einer höheren, unanfechtbaren Ordnung. Und in diesem Gesetz heißt es, dass die Behörden die Schuld eines Bürgers nicht zu beweisen haben, sondern von der Schuld "angezogen" werden. So verwickelt sich Josef K. und mit ihm der Leser immer tiefer in ein rätselhaftes Geschehen, das sich mitten im gewöhnlichen Alltag ereignet und einem Traumprotokoll ähnlich sieht.

"Quälende Angst, die aus dem Buch anweht"

Alles wird so exakt beschrieben, dass an der Wirklichkeit des Beschriebenen kein Zweifel aufkommen kann. Andererseits ist das Beschriebene so eigenartig und ungewöhnlich, so aus allen gewohnten Sinnzusammenhängen gerissen, dass es den Leser verwirrt und peinigt. Jede Einzelheit ist uns vertraut, als läge sie unter dem Scheinwerferlicht einer geschärften Aufmerksamkeit, nur scheint die Beziehung zwischen den Dingen, die Kausalität, auf die wir im gewöhnlichen Leben vertrauen, aus den Angeln gehoben. Zugleich fühlt sich der Leser tief beunruhigt und gequält, als warte eine Bedrohung auf ihn, die ihm aus einer unbestimmten Zukunft entgegenkommt. "Die quälende Angst, die uns aus diesem Buch anweht", schrieb André Gide, "ist in manchen Augenblicken fast unerträglich; denn wie sollte man sich der Empfindung erwehren: dieses gehetzte Wesen bin ich?"

Ungeahnter Wachstum des Romans

Man hat in Kafkas "Der Prozess", eine Vorwegnahme oder sogar Vorhersage nationalsozialistischer Herrschaftspraktiken gesehen, andere Interpreten erblickten darin ganz allgemein eine Darstellung totalitärer Praxis. Tatsächlich kann die Geschichte Lesarten eines Buches erschließen, von denen der Autor selbst noch nichts wusste, und damit zu einem ungeahnten Wachstum des Werkes beitragen. Kafkas Roman gehört zu den Werken, die sich unaufhörlich mit neuen Bedeutungen füllen, ohne dass man einer Ursprungsbedeutung habhaft wird. Und alles vollzieht sich im Medium der Sprache, in langen, verschlungenen, überaus exakten, logisch unwiderstehlichen Sätzen, die paradoxerweise eine Atmosphäre der Irrealität erzeugen.

Zunehmend gewinnt der Leser den Eindruck, es könne sich um einen Prozess handeln, den Josef K. gegen sich selber führt, gegen Bedrohungen, die aus ihm selber kommen. Zuletzt mündet der Roman in die Legende vom Türhüter, ein Gleichnis, das man als Deutung verstehen möchte, das aber selbst einer Deutung bedarf. Und nachdem man Kafkas Text vergeblich nach religiösen, moralischen oder metaphysischen Bedeutungen durchforscht hat, sieht man sich zuletzt wieder auf den Text zurückverwiesen als das Einzige, woran man sich halten kann.

Worin Josef K.s Schuld besteht, bleibt im Ungewissen. Doch deuten die zahlreichen sexuellen Konnotationen des Buches an, dass sich hier die alte Erzählung vom Sündenfall unter gänzlich anderen Vorzeichen wiederholt. Die biblische Erzählung begründete eine Urschuld des Menschen, die auch der Ursprung seiner Scham war. Der Schuld wie der Scham kann man nicht entkommen. Josef K. erfährt es noch im Augenblick seines Todes, wenn es heißt: "Es war, als sollte die Scham ihn überleben."

Übersicht

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur Wissen | 19.07.2016 | 09:20 Uhr

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