"Fast hell": Wende-Erzählung von Alexander Osang

Stand: 18.01.2021 06:00 Uhr

Von Alexander Osang gibt es einen neuen Roman, den man im weitesten Sinn ein erzählendes Sachbuch nennen könnte - aber mit der Textsorte ist das so eine Sache.

von Stefan Maelck

Gerade hat ein Leser geschrieben, was ihn an meiner Kolumne nerve. Ihn nerve, dass ich ständig erwähne, in New York gelebt zu haben. Ich habe nachgeschaut, der Mann hat Recht. Pausenlos schreibe ich: Ich habe in New York gelebt. Brooklyn, New York, acht Jahre lang. Schon wieder. Ich kann nicht anders. Es ist der Stolz des Ostdeutschen, der es in die Welt geschafft hat. Eine zweite Sache, die ich gern erwähne: Ich komme aus Ostberlin. Auch darüber gab es bereits Beschwerden. Das sind meine Bezugssysteme. Ich habe Ostberlin, und ich habe New York. Leseprobe

So schreibt Alexander Osang in einer seiner "Spiegel"-Kolumnen. Jetzt gibt es ein neues Buch von Osang, das genau bei diesen Bezugssystemen ansetzt: "Fast Hell".

Warten wir eigentlich immer noch auf den großen Wende-Roman - oder gibt es den längst und wir haben es gar nicht bemerkt? Auf jeden Fall ist der vermeintlich rätselhafte Ostdeutsche noch nicht auserzählt. Auch wenn im Herbst 2019 zum 30. Jahrestag des Mauerfalls jede Menge über den Osten geschrieben wurde, hatte man doch das Gefühl: viel jubilierende Jubiläumstexte, die dann aber schnell vergessen waren.

Eine ihrer Entstehung geschuldete Hybridgeschichte

Der "Spiegel" veröffentlichte sogar ein Sonderheft zum Thema - allerdings ohne den geplanten Beitrag von Alexander Osang, der sogar erleichtert war, dass sein unfertiger Text erstmal auf Eis lag. Sonst hätte es Osangs Buch "Fast Hell" vielleicht so nicht gegeben. Schon hier drückt sich der Rezensent um die genaue Bezeichnung der Textsorte - die nämlich ist ein der abenteuerlichen Entstehungsgeschichte geschuldeter Hybrid.

Der Redakteur wollte eigentlich ein Porträt über Angela Merkel, die Bundeskanzlerin, aber ich dachte gleich an Uwe. Seine Geschichte schien aus dem Stoff zu sein, aus dem die letzten dreißig Jahre unseres Lebens bestanden. Der Irrsinn war da, der Schmerz, die Sehnsucht, das Glück, die Enttäuschung, die Fremde, die ewige Suche nach dem Paradies hinter der Mauer. Die Rätsel, die sie so gern erklärt haben wollten. Uwe schien ein ostdeutscher Weltbürger zu sein. Ein Oxymoron. Ein Mann, dessen Erinnerungen an seine Heimat kaum getrübt worden waren durch die Gegenwart. Ich könnte mir noch einmal neu erzählen lassen, was passiert war, mich überraschen lassen. Leseprobe

Uwe kommt, wie Osang selbst, aus Berlin, begegnet sind sich die beiden im New Yorker Stadtteil Brooklyn auf der Party einer Dresdenerin. Ja, jeder Weltbürger braucht die kleine heimatliche Gemeinde, egal wo, zumal, wenn man aus dem überschaubaren Osten kommt. Uwe ist kein enger Freund Osangs, vielmehr sind sich die beiden wie Passanten immer wieder begegnet und verabreden sich nun zu einer Reise mit der Fähre von Helsinki nach St. Petersburg. Schnell wird klar: Die Geschichte des einen ist hier ohne die des anderen nicht zu erzählen.

Einblicke in Osangs Schreibwerkstatt

Ich fühle mich am Beginn von Recherchen oft kraftlos und überfordert. Ich verstehe dann, wie vermessen mein Plan ist, und kann mir nicht vorstellen, an die Tür zu klopfen, hinter der der Mensch wohnt, den ich beschreiben möchte. Aber ich mache es lange genug, um zu wissen, dass das vorbeigeht. Sobald sich die Tür öffnet, schlüpfe ich in die Geschichte. Die Leben der anderen helfen mir, mein eigenes zu verstehen. Wenn sie überleben, kann ich es auch. Leseprobe

Diese Einblicke in die Schreibwerkstatt von Osang kennen wir schon aus seinen Kolumnen - ganz in der Tradition des New Journalism ist Osang selbst in seinen Texten die ganze Zeit dabei. Stark Subjektives mischt sich mit Fakten, die Grenzen zwischen Journalismus und Literatur verschwimmen und bieten dem Leser dadurch umso mehr Identifikations- oder eben Reibungsfläche. So erzählt Osang am Gerüst von Uwes Leben entlang fast wie nebenbei auch sein eigenes. Uwe hat zudem seine Mutter mit an Bord gebracht.

Die großen Sehnsüchte der Ostdeutschen

Das Ensemble, so Osang, könnte aus einer Erzählung von Patricia Highsmith stammen. Es geht nicht nur um den Bonvivant Uwe, der sieben Sprachen spricht und den Reporter Osang, der immer wieder seine Zweifel an diesem Unterfangen betont, es geht auch um die Generation ihrer Eltern, um Flucht, DDR-Leben, Stasi, Zusammenbruch, erste Schritte im Westen. Es geht um die übergroßen Sehnsüchte der Ostdeutschen, um erste Lieben und gebrochene Herzen und vor allem um Unruhe und Rastlosigkeit.

Nach dem Mauerfall bin ich wie eine Feuerwerksrakete in die Welt geschossen. Die ganze Enge entlud sich in einer Art Urknall. Ich glaube, ich hatte das Gefühl, viel nachholen zu müssen. Ich habe irgendwann gemerkt, dass die meisten meiner westdeutschen Landsleute gar keinen Vorsprung hatten. Es lag nicht an ihren Möglichkeiten, es lag an meinen Erwartungen. Aber da war es schon zu spät, da hatte ich schon zu viel Tempo drauf. Ich hatte dann manchmal das Gefühl, mich selbst zu überholen. Leseprobe

Der Text ist niemals ostalgisch oder weinerlich, er ist - wie so vieles von Osang - emotional, humorvoll und zugleich voller Selbstzweifel. Mit "Fast Hell" wird klar: Es gibt den Wende-Roman wohl nur häppchenweise. Ingo Schulze hat ihn mit "Die rechtschaffenen Mörder" beinahe geschrieben. Der Katholik Osang kommt mit dem, was er eine "Beichte" nennt und was fast etwas ausführlicher hätte ausfallen dürfen, noch dichter dran.

Fast hell

von Alexander Osang
Seitenzahl:
273 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Aufbau
Bestellnummer:
978-3-351-03858-8
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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