Elif Shafak: "Schau mich an" © Kein und Aber Verlag

Elif Shafak: "Schau mich an"

Stand: 17.12.2020 09:27 Uhr

Pointiert und deutlich politisch sind viele Romane von Elif Shafak. In "Schau mich an" wirft sie einen ganz anderen - nicht politischen - Blick auf die Menschen.

von Juliane Bergmann

Bei ihrem in englischer Sprache veröffentlichten Roman "The Bastard of Istanbul" schaltete sich 2006 sogar die türkische Justiz ein. Vom Vorwurf, sie beleidige darin das Türkentum, wurde sie freigesprochen. Nun hat der Verlag Kein und Aber eines ihrer Bücher von Gerhard Meier ins Deutsche übersetzen lassen, das sie schon vor 20 Jahren geschrieben hat: "Schau mich an".

Die anderen glotzen, starren, gaffen, wenn die übergewichtige Ich-Erzählerin durch die Straßen von Istanbul geht. Das kennt sie schon - und sie hasst es.

"Nicht übersehen allerdings konnte ich all die Augen, von denen ich umgeben war. Ich war eingekreist von Wimpern, die sich mir erbarmungslos ins Fleisch bohrten." Leseprobe

Aspekte des Sehens in vielen Variationen

Souverän zeigt uns die Autorin Elif Shafak die Tausend Schattierungen des Sehens. Da wird angeschaut, geschmachtet, schief angesehen, skeptisch beäugt. Die Entscheidung, sich auf einen Sinn zu konzentrieren, ist simpel, funktioniert aber überraschend gut, weil die Autorin sie so überzeugend umsetzt. Ihr Ton und ihr dramaturgisches Gespür sind feinsinnig und präzise.

Wir "sehen" beim Lesen. Ähnlich wie schon damals bei Patrick Süskinds "Das Parfum", dessen Lektüre uns wahrlich das Riechen lehrte. Hier also die Augen, denen nichts entgeht. Da wird die Beschreibung eines Mädchens zum bezaubernden Bilder-Feuerwerk:

"Ihre milchreisweißen Söckchen, ihre Teddybärschleifchen, ihre kirschmarmeladenfarbenen Schuhe und ihre von Mückenstichen und Wundschorf übersäten dürren Beine" Leseprobe

Der Liebhaber der Erzählerin schreibt ein Lexikon der Blicke

Die Ich-Erzählerin arbeitet als Betreuerin in einer Kinderkrippe. Während sie wegen ihres Gewichts vor Blicken anderer flieht, will ihr Liebhaber, ein Kleinwüchsiger, gesehen werden. Er ist Akt-Model für Studentenmalkurse und Autor. Sein neues Projekt, wie passend: Er schreibt ein Lexikon der Blicke. Die Einträge darin: der Umschlag, der einen Brief vor Blicken schützt oder das Horoskop, das mittels Blicks in den Himmel Menschenschicksale vorhersagt. Oder:"Gift: Führt zum Tod, ohne sich selbst zu zeigen."

Dieses fiktive Lexikonwissen streut die Autorin in die Erzählung ein - stets als interessanten, manchmal rätselhaften Kommentar zum Geschehen. Außerdem macht sie immer wieder Station in der Vergangenheit, erzählt eine Geschichte des Sehens und switcht - ohne dass es irritierend wirkt - um zu einem orientalischen Märchen.

In einer Parallelgeschichte geht es um ein sonderbares Mischwesen

Sibirien 1648, Menschen sterben an der Pest oder werden als Hexe verbrannt. Da findet ein Pelzjäger ein Wesen, dessen Verwandlung zum Schamanen er unterbrochen hat:

"Ein ungebetenes Augenpaar, was es nie hätte sehen dürfen, und durch das Licht aus diesen Augen wurde der Zauber der Vertrautheit unwiederbringlich zerstört, und alles musste unvollendet bleiben." Leseprobe

Ein Mischwesen bleibt zurück: halb Zobel, halb Mensch. Das hässliche Geschöpf ist sehenswert, so dass es als Kuriosität ausgestellt wird. Mit dem Wesen und seinen Nachfahren können deren Besitzer jahrhundertelang Geld machen. 1885 gehört dem selbst mit einem Wachs-Gesicht entstellten Keramet das Zobelmädchen. Aus der Sensationsgier der Menschen hat er ein lukratives Geschäft gemacht:

"Er kam auf die Idee, einen tausendfältigen Zirkus zu gründen, ein Fest fürs Auge, eine Qual fürs Portemonnaie." Leseprobe

Einem männlichen Publikum präsentiert Keramet Schönheit, Frauen zeigt er hingegen vermeintlich Hässliches. Einigen der ausgestellten Menschen fehlen Körperteile, andere haben zu viele. Einige sind schief gewachsen, andere von Krankheiten schwer gezeichnet.

Es stellt sich die Frage "Was ist schön?"

Auch in Istanbul, Ende der 90er-Jahre, fühlen sich die Dicke unfreiwillig und der Kleine freiwillig beobachtet.

Was ist eigentlich schön? Was nicht? Und wer sieht wen aus welchen Gründen an? Scham, Lust, Neid, Selbstbestätigung? Stück für Stück kommt die Leserin einer - subjektiven - Antwort näher, wenn Elif Shafak lässig und leichtfüßig mit Zeitebenen, Textformen und Perspektiven jongliert. Ein Buch, das den Sinn fürs Sehen und Gesehenwerden schärft. Mystisch, orientalisch bunt, und ja: sinnlich.

Schau mich an

von Elif Shafak, aus dem Türkischen von Gerhard Meier
Seitenzahl:
397 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kein und Aber
Bestellnummer:
978-3-0369-5829-3
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.12.2020 | 12:40 Uhr

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