Dörte Hansen sitzt während eines Interviews an einem Tisch und erzählt. © picture alliance/dpa | Georg Wendt

Dörte Hansen: "Im dritten Buch verschwindet auch alles"

Stand: 27.10.2022 12:24 Uhr

Nach den Sensationserfolgen "Altes Land" und "Mittagsstunde" erscheint am 28. September Dörte Hansens Roman "Zur See". Ein Porträt der Husumer Autorin, erneut vom Verschwinden einer Welt erzählt.

von Katja Weise

Dörte Hansen ist keine Frau, die laut auftritt - auch wenn sie Grund dazu hätte. Ihr Debüt "Altes Land" war 2015 ein Sensationserfolg. Wochenlang stand der Roman der gelernten Radiojournalistin auf der Bestsellerliste. Mit "Mittagsstunde", dem zweiten Buch, vor allem von der Kritik durchaus skeptisch erwartet, erging es ihr ähnlich. Aber Hansen ist leise geblieben - leise, klar und bescheiden.

Sie sucht den großen Auftritt nicht. Am 22. September hat sie von Ministerpräsident Daniel Günther den mit 20.000 Euro dotierten Kunstpreis des Landes Schleswig-Holstein erhalten. Sie zeichne ein realistisches Lebensgefühl aus Norddeutschland, mit dem sich viele Menschen identifizieren könnten, begründete Günther die Wahl.

Dörte Hansen über das Verschwinden in ihren Büchern

Als sie nach der Premiere von "Mittagsstunde" am Hamburger Thalia Theater im Juni 2021 auf die Bühne gebeten wurde, nahm sie strahlend und ein bisschen verlegen den Applaus entgegen. Als würde sie diese Begeisterung immer noch überraschen, gar verwirren? Doch was sie sagen will, das weiß sie genau. Meistens. Auf eine der Kernfragen zu ihrem Schreiben - warum in ihren Büchern so oft vom Verschwinden die Rede ist - findet sie jedoch nur schwer eine Antwort. "Vielleicht ist das meine melancholische Art, ich kann es nicht erklären. Ich staune selbst, denn im dritten Buch, da verschwindet ja auch alles."

"Zur See": Dörte Hansens dritter Roman erscheint am 28. September

"Zur See" heißt der dritte Roman, der am 28. September erscheint. Wie schon in "Mittagsstunde" erzählt die Autorin wieder vom Verschwinden einer Welt. War es in "Mittagsstunde" das Dorf, so ist es hier die Gemeinschaft der Inselmenschen und Seefahrer, die zunehmend zerfällt.

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Vermutlich gelingt das deshalb so gut, weil sie genau weiß, wovon sie schreibt. Dörte Hansen, 1964 in Husum geboren, ist im nordfriesischen 400 Seelen-Dorf Högel aufgewachsen und wohnt nach Jahren in Hamburg und im Alten Land heute mit ihrer Familie wieder in Nordfriesland. Die Dörfer hätten die Talsohle durchschritten, sagt sie, es gehe langsam aufwärts. Nach Flurbereinigung und Landflucht entwickelten sich allmähliche neue Strukturen. Sie selbst fühle sich hier mehr wahrgenommen und nicht, wie in der Stadt, wie eine "Ameise". 

Mit Mann und Tochter spricht sie Plattdeutsch 

Wie können wir leben, welche Perspektiven haben wir als Gesellschaft? Das interessiert Hansen, da spürt man durchaus den journalistischen Blick. Sie schaut genau hin, nimmt vor allem die Familie ins Visier oder eben die Dorfgemeinschaft. 

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Sprache ist nicht nur in diesem Kosmos ein entscheidendes, verbindendes Element. Die Autorin spricht mit Mann und Tochter nur Plattdeutsch, so kennt sie es aus dem eigenen Elternhaus. Erst in der Grundschule lernte sie "Schriftdeutsch", offensichtlich eine prägende Erfahrung, denn während des Studiums in Kiel beschäftigte Hansen sich später unter anderem mit Friesisch, Gälisch und Baskisch. Diese Leidenschaft schlägt sich auch in den Romanen nieder. In "Zur See" archiviert ein Professor Tonaufnahmen von aussterbenden Dialekten und Sprachen. 

Plattdeutsche Dialoge für "Mittagsstunde" aufgenommen 

Die Autorin selbst hat zuletzt für das Ensemble von "Mittagsstunde" plattdeutsche Dialoge aufgenommen, für die plattdeutsche Fassung des Films. "Da war ich ganz streng", sagt Hansen und zwinkert, doch man ahnt: Sie nimmt es genau. Sie ist eine angenehme, konzentrierte Gesprächspartnerin, die gut zuhören kann. Das loben auch die Regisseurinnen und Regisseure, die ihre Romane verfilmt oder auf die Bühne gebracht haben. Sie sei jederzeit bereit, weiterzuhelfen, noch eine für die Inszenierung wichtige Szene zu erfinden oder einen Dialog zu schreiben. 

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In den Romanen der im Gespräch so freundlichen und unprätentiösen Dörte Hansen wird kaum gesprochen, sondern viel geschwiegen und beschrieben. Das gilt für "Mittagstunde" und in noch stärkerem Maße für "Zur See". Warum das so sei? Noch eine Frage, auf die die Autorin nicht sofort eine Antwort weiß: "Vielleicht, weil ich meine Figuren lieber so ein bisschen in der Tarnung lasse. Und in dem Moment, wo sie sprechen, werden sie ja sehr konkret", versucht sie eine Erklärung.

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Schreiben als Zustand 

Als Radiojournalistin hat sie sich beim NDR lange nahezu ausschließlich mit dem gesprochenen Wort beschäftigt. Zu lange? Auch das ist nur eine Vermutung und keine Antwort. Dörte Hansen lacht und zuckt mit den Schultern. Vielleicht müsse sie sich mal ein paar Antworten zurechtlegen. Muss sie nicht. Solange sie nur weiter schreibt. Das, hat sie einmal erklärt, sei für sie übrigens eher ein Zustand als eine Tätigkeit. 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur à la carte | 26.09.2022 | 13:00 Uhr

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