Stand: 05.07.2016 15:29 Uhr  - NDR Kultur  | Archiv

Anna Seghers: "Transit"

In der zweiten Staffel der Wissensreihe "Große Romane der Weltliteratur" streifen wir in 25 neuen Folgen durch die Geschichte des Romans von den Anfängen bis in die Gegenwart. In dieser Folge dreht sich alles um Anna Seghers' "Transit".

Von Hanjo Kesting

Sie war die größte Erzählerin ihrer Generation in Deutschland: Anna Seghers, die Verfasserin des Romans "Transit". Sie wurde 1900 in Mainz geboren und war nur wenig jünger als ihre Zeitgenossen Ernst Jünger, Bertolt Brecht und Erich Kästner. Als Schriftstellerin debütierte sie mit der Erzählung "Der Aufstand der Fischer von St. Barbara", die 1928 unter dem Pseudonym "Seghers" erschien und sogleich Aufsehen erregte. Der Kritiker einer Berliner Zeitung schrieb: "Seghers … ist eine sensationelle Begabung ... Seine erste Novelle ist ein Meisterwerk, seine Sprache hat den dramatischen Rhythmus, die hinreißende Prägnanz Kleist'scher Erzählungen." Nur Eingeweihte wussten, dass sich hinter dem Pseudonym Seghers eine junge Kunsthistorikerin verbarg, die mit wirklichem Namen Nelly Reiling hieß und die Tochter eines Antiquitätenhändlers aus Mainz war.

1928 - Eintritt in die Kommunistische Partei

Im selben Jahr 1928, in dem ihre Debüterzählung erschien, trat sie in die Kommunistische Partei ein. Diese politische Entscheidung wurde für Anna Seghers, wie sie sich von nun an nannte, lebensbestimmend, doch ist sie kein zureichender Schlüssel für ihr Werk. Schon Hans Henny Jahnn, der ihr Ende der zwanziger Jahre den Kleist-Preis zuerkannte, begründete diese Entscheidung mit den Worten: "Bei großer Klarheit und Einfachheit der Satz- und Wortprägung findet sich … ein mitschwingender Unterton sinnlicher Vieldeutigkeit ... Darum verbrennt alles, was als Tendenz erscheinen könnte, in einer leuchtenden Flamme der Menschlichkeit." Hellsichtig waren diese Sätze, weil Anna Seghers auch in ihren späteren Büchern die niemals verleugnete "Tendenz" mit emotionalem Reichtum und einer traumwandlerischen Beschreibungsgenauigkeit verband, deren Quelle jenseits politischer Bekenntnisse zu suchen ist. 1933 musste sie als Jüdin und Kommunistin Deutschland verlassen.

Berühmte Romane: "Das siebte Kreuz" und "Transit"

Ihren bleibenden literarischen Ruhm begründen zwei im Exil geschriebenen Romane der vierziger Jahre: "Das siebte Kreuz", noch in Frankreich entstanden und später in Hollywood von Fred Zinnemann verfilmt, und ihr Meisterwerk "Transit", größtenteils 1940 in Marseille geschrieben auf der abenteuerlichen Flucht vor den Nazis. Marseille mit seinem Hafen ist auch der Schauplatz des Buches, wo sich Tausende von Flüchtlingen, darunter viele deutsche Emigranten, vor dem drohenden Zugriff der Nazis retten wollen, die gerade Frankreich besetzt haben. Ehe sie Europa verlassen können, müssen sie einen zermürbenden Papierkrieg um die erforderlichen Transitpapiere ausfechten. So ist "Transit" nicht nur ein zeitaktueller Roman, sondern auch ein Sinnbild für das Transitorische, immerzu Gefährdete der menschlichen Existenz. "Alles war auf der Flucht", heißt in dem Roman, "alles war nur vorübergehend, aber wir wußten noch nicht, ob dieser Zustand bis morgen dauern würde oder noch ein paar Wochen oder Jahre oder unser ganzes Leben." Wer etwas über das Elend des Exils erfahren will, über den Alptraum des Wartens auf Papiere und Schiffspassagen, der kann es in diesem Buch erfahren, in dem sich ein realistisches Szenario in eine klaustrophobische Kafka-Welt verwandelt.

Rückkehr nach Berlin

1947 kehrte Anna Seghers, jetzt eine weltberühmte Autorin, nach Deutschland zurück und nahm ihren Wohnsitz in Ostberlin. Im westlichen Deutschland sah man in ihr vor allem die kommunistische Schriftstellerin, die drei Jahrzehnte den Vorsitz des Schriftstellerverbandes innehatte. Dabei verteidigte sie das Recht der Literatur gegenüber den Ansprüchen der Ideologie, auch der eigenen kommunistischen Ideologie. Aber der große sozialistische Roman, den man von ihr erwartete, blieb ungeschrieben, was sie selbst mit den Worten begründete: "Die scholastische Schreibart ist Gift, wie marxistisch sie sich auch gebärdet ... Sie bewirkt Erstarrung statt Bewegung, sie bewirkt Faulheit statt Initiative. Keine Erregung erschüttert den Leser solcher Bücher ... Er kennt ja das Thema, nach dem das Buch montiert ist, so gut wie der Autor." Anna Seghers starb 1983 in Ostberlin, die größte deutsche Erzählerin ihrer Generation.

Übersicht

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur Wissen | 27.09.2016 | 09:20 Uhr

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