Stand: 02.03.2016 12:40 Uhr

Esfahani: "Ich fordere einen respektvollen Umgang"

Der Cembalist Mahan Esfahani musste in Köln ein Konzert unterbrechen, weil ein kleiner Teil des Publikums das Stück "Piano Phase" gestört hatte. Wir haben mit dem Künstler über den Vorfall gesprochen.

NDR Kultur: Was ist aus Ihrer Sicht am Sonntag in Köln passiert?

Mahan Esfahani: Ich weiß es nicht. Ich versteh es wirklich immer noch nicht ganz. Manchmal bekommen Geschehnisse ja auch ein Eigenleben, wenn Leute anfangen, drüber zu schreiben.

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Ich weiß nicht, wogegen diese Leute protestierten Ich habe ein Stück von Steve Reich gespielt - "Piano Phase", das im Übrigen 49 Jahre alt ist, also ein relativ altes Stück - und ich habe eine Version gemacht für ein live gespieltes Cembalo und ein aufgenommenes. Nichts zu Anstrengendes, nichts zu Seltsames. Eigentlich war ich der Meinung, dass es ein relativ zugängliches Stück für die Öffentlichkeit ist. Nach ungefähr ein, zwei Minuten hat das Publikum so sehr angefangen zu stören, wie ich es noch nie erlebt habe. Sie haben Geräusche gemacht, die sonst Männer gegenüber Frauen machen. Also eine sehr männliche, chauvinistische Art, auf etwas zu reagieren. Und dann haben meine Unterstützer und die Gegner angefangen, sich gegenseitig anzubrüllen. Eine furchtbare Situation! Dann habe ich das Mikrofon genommen und gefragt, wovor sie Angst haben. Und dann kamen die Rufe, Deutsch zu sprechen. Ich spreche auch Deutsch. Normalerweise spreche ich bei meinen Konzerten in Deutschland Deutsch, aber als ich das Stück von Reich erklären wollte, musste ich das auf Englisch machen, weil ich diese technischen Details nicht auf Deutsch erklären konnte. Die Leute waren von einem modernen Stück erschrocken. Und dann haben sie angefangen, mich dafür anzugreifen, dass ich kein Deutsch spreche. Und dann dachte ich: 'Wow, das wird jetzt echt unangenehm', es war ziemlich chaotisch.

Das hört sich fast nach Aufruhr an...

Esfahani: Ich denke, das kann man so sagen. Ich fand das auch gut. Es hat mich beflügelt, weil wir einen Dialog mit dem Publikum hatten. Ich habe mit ihnen geredet, sie haben mit mir geredet, manche haben geschrien. Es war auch ziemlich großartig, muss ich sagen. Und die Reaktion auf das folgende Bach-Konzert war dann auch toll. Zu Hause fühlte ich mich dann aber ziemlich verletzt, dass ich so wegen der Sprache angegangen wurde.

Also haben Sie sich persönlich angegriffen gefühlt?

Esfahani: Das tat weh, ja. Es hat mich nicht gestört, dass sie mich für die Musik angegriffen haben. Es hat mich gestört, dass sie mich dafür angegriffen haben, dass ich Ausländer bin. Und das habe ich in Köln nicht erwartet. Für mich ist Köln so eine internationale Stadt. Danach hatte ich wirklich eine schlaflose Nacht.

Ich habe mit dem Geschäftsführer von Concerto Köln gesprochen. Er beschrieb, dass die Atmosphäre zu Beginn des Konzertes sehr warm war. Wann kippte die Stimmung?

Esfahani: Als ich anfing, Steve Reich zu spielen, wurde die Atmosphäre unangenehm. Ich möchte aber klarstellen, dass es nur eine sehr wütende Minderheit war. Der große Teil der Zuhörer war toll! Übrigens: Das Stück, das ich spielte, ist aufgenommen und veröffentlicht und das Programm stand lange fest. Das Publikum hätte wissen können, was es bekommt.

Wie würden Sie das Publikum beschreiben?

Esfahani: Es waren größtenteils ältere Männer. Und die, die mich verteidigt haben, waren hauptsächlich Frauen. Das war bizarr. Aber am Ende kam einer auf die Bühne, der sich bei mir entschuldigte für das Publikum und er war auch ein älterer Mann. So etwas kann man nicht generalisieren. Ich sehe die Welt nicht in diesen Kategorien. Solche Dinge passieren.

Was glauben Sie, hat diese Menschen so aufgebracht?

Esfahani: Das weiß ich wirklich nicht. "Piano Phase" ist wirklich kein unzugängliches Stück. Ich weiß es einfach nicht.

Sind Sie schon einmal in einer ähnlichen Situation gewesen?

Esfahani: Sie müssen verstehen, dass es fast nur weiße, privilegierte Europäer gibt, die Cembalo spielen. In den USA, das ist jetzt schon einige Jahre her, waren einige Angriffe auf mich wahrscheinlich schon rassistisch motiviert. Das sagen die natürlich nicht so deutlich, aber es richtet sich gegen nicht-angloamerikanische oder nicht-europäische Musiker. Aber in Europa ist mir sowas noch nie passiert und ich lebe seit fast zehn Jahren in Europa.

Was zeigt uns so ein Vorfall?

Esfahani: Ich denke, viele Leute hören das Cembalo und Barockmusik und sie schätzen den Klang der Vergangenheit. Sie finden die Musik einfach schön und authentisch und nicht sehr bedrohlich. Das interessiert mich aber nicht. Darum geht's mir nicht. Ich liebe das Cembalo und die Musik von Bach, Byrd und Buxtehude. Aber für mich ist das ein lebendiges Instrument und ich möchte auch moderne Musik spielen und meine Zuhörer herausfordern. Wenn Menschen nicht herausgefordert werden wollen, dann sollen sie sich zu Hause hinsetzen und eine CD anmachen. Ich erwarte von meinem Publikum nicht, dass sie alles mögen, was ich mache. Ich fordere von ihnen eine aktive Beteiligung. Aber ich fordere auch, dass sie das in einer respektvollen Art und Weise tun.

Das Interview führte Katrin Weller

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 01.03.2017 | 15:40 Uhr

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