Stand: 23.04.2018 13:18 Uhr

Teilzeit würde nicht reichen

von Jens Brommann, NDR Info Wirtschaftsredaktion

Um Beruf und Familie besser vereinbaren zu können, wünschen sich viele Arbeitnehmer flexiblere Arbeitszeitmodelle. Doch nicht jeder kann auf Geld verzichten, um mit kürzeren Arbeitszeiten Beruf und Familie besser zu vereinbaren. Das Ehepaar Nadine und Thorsten Karkutt aus dem friesischen Schortens kommt nur dank zwei Vollzeit-Gehältern über die Runden.

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Thorsten und Nadine Karkutt nehmen einiges auf sich, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.

Der Besuchstermin bei Thorsten und Nadine Karkutt im windigen Schortens ist für den späten Nachmittag um halb sechs vereinbart. Früher ging's nicht - wegen der Arbeit und wegen der beiden Söhne. Thorsten Karkutt arbeitet als Callcenteragent bei Sykes im benachbarten Roffhausen, die Sozialassistentin Nadine Karkutt als Springerin in einer Zeitarbeitsfirma für verschiedene Kindergärten in Friesland, mit Fahrten bis zu 100 Kilometer täglich. Das ist mit einigem Stress verbunden, sagt sie: "Der Beruf selbst macht mir sehr viel Spaß, aber das Drumherum ist Stress pur."

Denn der siebenjährige Wynn Luca muss bis 17 Uhr aus dem Hort und der vierjährige Lennox von der Tagesmutter abgeholt werden.

2.100 Euro brutto im Monat

Nadine und Thorsten Karkutt arbeiten beide Vollzeit. "Mit zwei Kindern, dem Mietshaus, dem Auto wäre die finanzielle Belastung mit einem Halbtagsjob sonst einfach zu hoch. Das wäre nicht zu schaffen", sagt Thorsten Karkutt.

Er bearbeitet Kundenanfragen eines PC-Herstellers. Zwar verdient er nach 18 Jahren als Callcenteragent bei Sykes mittlerweile mehr als den gesetzlichen Mindestlohn, mit dem alle neuen Mitarbeiter einsteigen. Aber mit 2.100 Euro brutto im Monat kommt man nicht weit.

Reportage-Feature

Mein Leben, meine Arbeit

01.05.2018 10:05 Uhr
NDR Info

Ein Reportage-Feature von Jens Brommann und Susanne Schäfer aus der NDR Info Wirtschaftsredaktion beschäftigt sich mit der Suche nach einer Work-Life-Balance. mehr

Arbeitseinsätze als Springerin schlecht planbar

Seine Ehefrau Nadine verdient mit ihrem 35-Stunden-Job bei der Zeitarbeitsfirma noch weniger. Wann und wo sie arbeitet, ist für sie nicht planbar: "Das wird meistens einen Abend vorher durch meinen Chef bestimmt, der mir immer dann meine Arbeitszeit für den nächsten Tag oder die nächsten Tage zuschickt. Das kann von morgens um sieben bis abends 18 Uhr sein. Ich habe manchmal Neun- oder Zehn-Stunden-Tage, weil ich auch mal zwei Kindergärten an einem Tag anfahren muss. Da muss man halt durch. Ich gebe dann meine Kinder ab, damit ich andere Kinder betreuen kann."

Teamleiter-Posten schweren Herzens abgelehnt

Umso wichtiger ist, dass Ehemann Thorsten die Kinder verlässlich bringen oder holen kann, was immer mal wieder Probleme macht. Vor Kurzem schrieb sein Arbeitgeber eine Teamleiter-Position aus. Karkutt setzte sich im Bewerbungsverfahren durch. Mit dem kleinen Karrieresprung wurde es für den 41-jährigen Familienvater dann aber doch nichts: "Die Arbeitszeiten wären von montags bis sonnabends von 7 bis 21 Uhr im Schichtdienst. Das heißt, wenn mein Team um viertel nach zwölf anfängt und bis 21 Uhr arbeitet, hätte ich auch dementsprechend arbeiten müssen. Eine sogenannte Präferenzzeit gibt es von meinem Arbeitgeber für führende Positionen nicht. Somit musste ich tränenden Auges die Stelle leider absagen."

Durchhalten der Familie wegen

So sucht Thorsten Karkutt in Friesland jetzt nach familienfreundlicheren Stellen bei anderen Arbeitgebern, auch in seinem erlernten Beruf als Raumausstatter. Während Ehefrau Nadine als Springerin in Kindergärten erst mal weiter arbeiten will: "Der Kinder und der Familie wegen muss und will ich das durchhalten. Es nützt ja nichts. Wenn ich irgendwo einen Job finde mit geregelter Arbeitszeit, dann nehme ich den mit Kusshand. Aber das Geld muss verdient werden, egal wie."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 24.04.2018 | 07:41 Uhr

Serie: "Auf der Suche nach der Work-Life-Balance"

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