Zeitzeichen

31. Oktober 1918

Mittwoch, 31. Oktober 2018, 19:05 bis 19:20 Uhr

Der Todestag des Malers Egon Schiele
Ein Beitrag von Ulrike Gondorf (WDR)

Wien feiert Egon Schiele zum 100. Todestag und druckt großformatige Werbeposter mit Motiven seiner Bilder, um in ganz Europa damit zu werben. Sie machen Skandal. In Großbritannien, aber auch in vielen deutschen Städten, müssen auf den Aktbildern die Geschlechtsmerkmale überklebt werden. "Hundert Jahre alt. Und noch immer zu gewagt?" lässt man auf einer Banderole in die Plakate hineindrucken.

Einen besseren Beweis für die Aktualität eines Künstlers kann es wahrscheinlich nicht geben. Egon Schiele, 1890 geboren, hat einen radikalen Blick auf den menschlichen Körper geworfen, völlig frei von Tabus, aber mit einer fast schmerzhaften Sensibilität für die Verletzlichkeit, die Verkrampfungen, die Bedrohung und den Verfall. Auch sich selbst hat er - einmalig in der ganzen Kunstgeschichte - immer wieder nackt dargestellt, einen bohrenden Blick aus großen schwarzen Augen auf den Betrachter gerichtet. Egon Schieles menschenanalytische Kunst bringt ihm 1918 den ersehnten Durchbruch in Wien; kurz nach seiner großen Ausstellung stirbt er 28-jährig an der Grippe-Epidemie, die noch einmal so viele Menschen tötet wie der Erste Weltkrieg.