Stand: 04.10.2018 11:17 Uhr

Wenn der Handwerker auf sich warten lässt

von Susanne Tappe, NDR Info

Die Konjunktur brummt, überall wird gebaut, saniert und renoviert. Entsprechend prall gefüllt sind die Auftragsbücher von Handwerkern. Viele kommen gar nicht hinterher, müssen sogar Aufträge ablehnen, weil sie nicht genug Mitarbeiter finden. Mindestens 150.000 Fachkräfte fehlen im Handwerk bundesweit. Zum Leidwesen vieler Kunden, die oft wochenlang warten müssen.

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Die Auftragsbücher bei Handwerkern sind derzeit voll - oft müssen Kunden lange warten.

Morgens halb zehn in einer Eigentumswohnung im schicken Hamburger Stadtteil Pöseldorf. Im geräumigen Bad mit freistehender Badewanne und abgetrenntem Duschbereich steht Klempner Jan Käßemodel auf dem vorsorglich ausgerollten Malervlies und tauscht die filigranen, chromglänzenden Armaturen aus. Denn die seien zwar schön, mit nassen Händen aber fast nicht zu bedienen, sagt die Wohnungseigentümerin.

Für Käßemodel ist es ein Auftrag von vielen: "Die Leute sind bereit Geld zu investieren, die bauen sich neue Badezimmer, neue Heizungsanlagen. Das ist viel mehr geworden. Ich bin jetzt seit 18 Jahren selbstständig und wenn ich an die Anfangszeiten denke, da haben wir Aufträge gesucht. Da waren wir glücklich, wenn wir irgendwo ein kleines Badezimmer noch mal bekommen haben und da musste man schon wirklich hinterherlaufen."

Kunden müssen Handwerkern hinterherlaufen

Heute hat sich das Blatt gewendet: Oft müssen die Kunden den Handwerkern hinterherlaufen. Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks müssen private Auftraggeber im Schnitt zehn Wochen auf einen Termin warten. "Jetzt sind wir in einer sehr glücklichen Situation, ganz klar. Natürlich kommt da wieder das Problem dazu, dass es mitunter nicht zu schaffen ist. Dass es dann schon wieder - ich will nicht sagen ins Negative kippt - aber manchmal ist es so, dass es zu stressig wird."

Käßemodel leitet einen Drei-Mann-Betrieb im 30 Kilometer entfernten Kisdorf. Drei Mann, das bedeutet: er selbst, Meister seines Fachs, ein Azubi und eine Bürokraft. Das war's. "Wenn ich einen 12-Stunden-Tag habe, dann freue ich mich schon. Meistens ist er sogar noch länger. Das Büro steht natürlich abends noch an als kleiner Handwerksbetrieb und von daher sind die Stunden nach oben hin immer offen."

Direkter Draht zu Handwerkern wichtig

Dass er heute hier die Armaturen tauscht, verdankt die Besitzerin der Eigentumswohnung ihrem Objektüberwacher, Architekt Sebastian Winter. Er hat den direkten Draht zu zahlreichen Handwerkern und sagt, dass er schneller einen Termin bekommt, weil er als Mann vom Fach den Auftrag klar formuliert und sich bei seinen Kunden die Frage nach der Zahlungsfähigkeit nicht stellt.

Aber auch für ihn ist es nicht immer einfach, Fachkräfte zu finden "Elektriker und Schlosser sind derzeit mein Problem. Teilweise bestelle ich Schlosser auch schon mal aus Leipzig, die als Montagetrupps für eine Woche hierherkommen und hier übernachten."

Mitarbeiter fehlen

Auch Klempner Jan Käßemodel muss immer mal wieder Aufträge ablehnen. Gerne würde er seinen Betrieb vergrößern, aber er findet keine Mitarbeiter: "Über die Arbeitsagentur und über die Medien haben wir Mitarbeiter gesucht, aber es ist schwer, da an jemanden ranzukommen. Ich hatte davor schon Mitarbeiter, die haben sich dann anders orientiert. Einer ist zur Meisterschule gegangen. Und ich hab jetzt ungefähr ein Dreivierteljahr mit einer Aushilfskraft gearbeitet. Aber ansonsten hab ich das Meiste alleine gewuppt."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wirtschaft | 04.10.2018 | 06:38 Uhr