Stand: 11.06.2019 16:09 Uhr

"Die Angst ist bis heute in mir"

von Isabel Lerch, NDR
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Mico Kaletta hat seit 1960 seine Homosexualität in Hamburg ausgelebt.

Mico Kaletta steht auf seinem Balkon im 17. Stock. Seine Wohnung liegt direkt am Hafen, von hier hat der 76-Jährige einen fantastischen Blick auf Hamburg - die Stadt, in der er 1960 anfängt, seine Homosexualität bewusst auszuleben. Kaletta ist damals gerade erst 18 Jahre alt. Obwohl sich die Hansestadt im eigenen Titel damals wie heute als freie Stadt rühmt, erfährt Kaletta die Großstadt ganz anders: "Da war diese Freie und Hansestadt Hamburg gar nicht so frei. Das war im Grunde genommen eine ganz widerliche Polizeiverfolgung der Homosexuellen hier in Hamburg."

Razzien in beliebten Schwulenkneipen

Der damals noch geltende Paragraf 175 stellt sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Trotz der Einschüchterungen und drohenden Strafen steht Kaletta damals zu seiner Homosexualität - und outet sich auch gegenüber seiner Familie. Um andere Männer kennenzulernen, geht Kaletta in Hamburg abends oft tanzen. Besonders das "Boheme" zieht ihn an: Das Lokal in der Nähe des Gänsemarkts ist ein beliebter Treffpunkt für schwule Männer. Doch die Behörden haben das "Boheme" im Visier und mit regelmäßigen Razzien schikaniert die Polizei die Gäste. "Man kriegte richtig Angst vor den Polizeibeamten. Die trugen lange Ledermäntel und traten mit Gestapo-Manieren auf: Sie schubsten die Inhaberin und die Kellner zu Seite und schrien rum", erzählt Kaletta.

In "Rosa Listen" erfasst die Polizei persönliche Daten schwuler Männer

Bei den Einschüchterungen blieb es nicht: Die Polizisten verlangten auch regelmäßig die Ausweise der Männer. "Ich bemerkte damals, dass sie die Ausweise kontrollierten und sich die Angaben auch aufschrieben", erinnert sich Kaletta. Tatsächlich führten die Beamten nicht nur eine Ausweiskontrolle durch, sie legten auch Karteien und Verzeichnisse über schwule Männer an, die sogenannten Rosa Listen. Darin wurde neben Namen und Adresse auch der Arbeitgeber erfasst. Den erfuhren die Polizisten auch bei den Razzien. "Aus Angst teilte man den Arbeitgeber mit", erzählt Kaletta. Das hatte Konsequenzen: "Die haben dann bei den Arbeitgebern angerufen und gefragt: 'Wissen Sie, dass Ihr Lehrling in schwulen Kreisen verkehrt?' Und dann war die Lehrstelle weg", sagt Kaletta.

64.000 Menschen verurteilt

Der Paragraf 175 hatte direkte strafrechtliche Folgen: Wegen ihrer sexuellen Orientierung wurden Tausende Männer unter anderem zu Haftstrafen verurteilt. Nach Schätzungen des Bundesjustizministeriums gab es bis 1994 rund 64.000 Verurteilungen. Eine solche Verurteilung zerstörte nicht selten das Leben der Betroffenen. Auch Kaletta erinnert sich an solche Fälle in seinem privaten Umfeld: "Ich habe drei Freunde im engen Freundeskreis, die sich umgebracht haben, weil sie Prozesse bekommen haben", sagt der Rentner. Kaletta selbst hat Glück: Er kommt ohne Strafe davon und kann seine Ausbildung bei der Lüneburger Verwaltung abschließen.

1969 wird Paragraf 175 erstmals entschärft

Ein paar Jahre später zieht Kaletta nach Hannover. Mit seinem Lebenspartner eröffnet er dort Ende der 1960er-Jahre eine Gaststätte und die deutschlandweit erste Sauna für schwule Männer. Zeitgleich verändert die sexuelle Revolution die Bundesrepublik - eine andere Zeit bricht an. "Dann kam die Ankündigung: Am 1. September 1969 fällt dieser widerliche Todesschwulenparagraf. Das konnte man erst gar nicht glauben. Wir waren ja aufgewachsen mit diesen Ängsten und mit diesen Bestrafungen", erzählt Kaletta. Der Paragraf 175 wird erstmals entschärft: Homosexualität unter erwachsenen Männern über 21 ist nun keine Straftat mehr. Ein historischer Tag für schwule Männer in Deutschland: "An diesem Tag hatte Deutschland zwei Millionen Kriminelle weniger", kommentiert der Hamburger.

Vor 25 Jahren folgt die völlige Straffreiheit

Bei dieser Entschärfung bleibt es nicht: 1973 wird das Alter auf 18 Jahre herabgesetzt, doch der Paragraf 175 bleibt zunächst bestehen. Erst am 11. Juni 1994 wird er endgültig aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Homosexuelle Männer können ihre Sexualität nun frei leben und müssen keine Strafen mehr befürchten. Doch trotz der neu gewonnenen Freiheit verfolgen die Angst und die Repressionen von damals den 76-jährigen Kaletta noch bis heute: "Wir haben in Angst gelebt, wir haben in Verfolgung gelebt. Und obwohl sich die ganze Situation tausendprozentig geändert hat, ist diese Angst bis heute in mir."

Zwei Hände eines homosexuellen Paares. © dpa-Bildfunk Foto: Julian Stratenschulte

"Liebe mit Gefängnis bestraft"

NDR Info - ZeitZeichen -

Am 10. März 1994 streicht der Bundestag den Paragrafen 175. Seitdem ist Homosexualität kein Verbrechen mehr. Unter dem Paragrafen mussten vor allem schwule Männer leiden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 11.06.2019 | 08:10 Uhr