Thomas Reiters erster Weltraumspaziergang am 20.10.1995. Der ESA-Astronaut klettert bis zum Ende des Auslegearms, dann folgt sein Kollege Sergei Avdeyev. Der Spaziergang dauert 5 Stunden und 16 Minuten. © ESA

Thomas Reiter: "Es kam mir vor wie in einem Märchen"

Stand: 13.10.2020 10:21 Uhr

Wenn Thomas Reiter von seiner Zeit im All erzählt, bringt er regelmäßig Menschen zum Staunen: Wie war dieser Moment, in dem sich die Luke der Luftschleuse öffnet und sich unendliche Weiten auftun?

von Jan Wiedemann

Es ist der 20. Oktober 1995. Thomas Reiter steckt in seinem Raumanzug in der Luftschleuse der russischen Raumstation Mir. Der Druck sinkt in Richtung Vakuum, als auf einmal Feuchtigkeit rund um die Ausstiegsluke vor ihm zu kochen beginnt, um dann in der nächsten Sekunde zu Eiskristallen zu gefrieren. Als sich dann die Luke öffnet, werden diese nach draußen ins All gezogen. Als erster Deutsche wagt Reiter in diesem Moment den Ausstieg ins All.

Der ehemalige Astronaut Thomas Reiter steht im Foyer der ESA, im Hintergrund Sonnensegel. © picture alliance/Boris Roessler/dpa Foto: Boris Roessler
Der ehemalige Astronaut Thomas Reiter hat Jan Wiedemann von seinen Erfahrungen als Astronaut erzählt.

"Diese Kristalle glitzerten in der Beleuchtung, die aus der Luftschleuse kam. Dann gingen sie gewissermaßen in den Sternenhimmel über. Das war so ein Moment, den ich nie vergessen werde. Es war so unwirklich, dass ich dachte, ich würde mir eine Animation ansehen. Es kam mir vor wie in einem Märchen", erzählt Thomas Reiter daüber, wie er seinen ersten Aufenthalt im Weltraum erlebte. Die Aufgabe während seines Außenbordeinsatzes war es, verschiedene Geräte und Apparaturen an der Raumstation zu montieren. Darunter zählte zum Beispiel eine Kassette, in der Materialproben enthalten waren, die auf diese Weise den Weltraumbedingungen ausgesetzt werden sollten. Nach fünf Stunden und 19 Minuten war der Einsatz abgeschlossen - der erste Deutsche im freien Weltraum kehrte zurück auf die Raumstation.

Das Leben auf der Station

179 Tage, 1 Stunde, 41 Minuten und 46 Sekunden verbrachte Thomas Reiter laut Raumflugbericht mit seinen beiden russischen Kollegen an Bord der "Sojus TM-22". An die Schwerelosigkeit hatte sich die Besatzung sehr schnell gewöhnt: "Es genügt bereits, sich mit der Fingerkuppe irgendwo abzustoßen, schon schwebt man dahin. Am Anfang versucht man das richtig mit Kraft und saust dann durch die Module. Leider gibt es dann das Problem, dass man auf der anderen Seite irgendwo wieder abbremsen muss. Wer mal Bilder vom Inneren einer Raumstation gesehen hat, der weiß, dass an den Wänden und an der Decke überall Geräte, Maschinen und wissenschaftliche Instrumente installiert sind. Da will man natürlich nicht unbedacht irgendwelche Schalter umlegen."

Auch, dass die Station eigentlich so konstruiert ist, dass es ein Oben und ein Unten gibt, ist schnell kein Thema mehr. Nach drei bis vier Tagen stelle man fest, dass es komplett egal sei, ob man sich nun an die ursprüngliche Orientierung halte oder sich kopfüber durch die Station bewege, so Reiter.

Space-Jam in 400.000 Meter Höhe

Auf die Sojus-Mission in 1995 und 1996 folgte zehn Jahre später eine zweite Fahrt ins All - diesmal an Bord der amerikanischen Discovery. Nach dem tragischen Unglück der Columbia in 2003 war es die zweite NASA Mission unter dem Motto "Return to Flight", die Thomas Reiter zur Internationalen Raumstation ISS mitnahm. Auch diesmal war Reiter der erste Deutsche, der sich zur Besatzung des größten menschengemachten Objekts im All zählen durfte. Im Rahmen der ISS-Expeditionen 12 und 13 lebte er stets gemeinsam mit zwei weiteren Astronauten auf der Raumstation.

Der ehemalige Astronaut Thomas Reiter steht im Foyer der ESA, im Hintergrund Sonnensegel. © picture alliance/Boris Roessler/dpa Foto: Boris Roessler

AUDIO: Thomas Reiter im Gespräch mit Jan Wiedemann (55 Min)

Auf die Kollegen an Bord müsse man sich zu 100 Prozent verlassen können, so Reiter. Sie würden fast zu Familienmitgliedern, mit denen man zusammen arbeitet, isst, aber auch Freizeit verbringt. Auf der ISS gab es sogar zwei Gitarren, mit denen die Besatzung musizierte. "Wenn man dann am Abend mal Zeit hat und zusammensitzt, kommt schon fast ein bisschen Lagerfeuerromantik auf", sagt Reiter. "Das Lagerfeuer in der Mitte hat halt nur gefehlt. Aber natürlich gehört so etwas auch dazu. Man ist ja keine Maschine, die dort oben nur arbeitet."

So verbrachte Thomas Reiter insgesamt fast ein Jahr seiner Lebenszeit im Weltraum. Heute fliegt der 62-Jährige nicht mehr selbst, sondern koordiniert die Internationale Zusammenarbeit für die Europäische Weltraumorganisation ESA. Die Fragen, die ihn antreiben, sind jedoch dieselben wie zu seiner aktiven Zeit: So zum Beispiel die Frage nach außerirdischen Formen von Leben - möglicherweise auf dem Mars: "Es gibt viele Indizien, die darauf hinweisen, dass es dort zumindest mal lebensfreundliche Bedingungen gegeben haben muss. Also, verdammt nochmal, muss es doch irgendwo da draußen zu finden sein!"

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Start der Sojus-Rakete von der Startrampe in Baikonur, Kasachstan am 03. September 1995 © ESA - P. Aventurier Foto: P. Aventurier

Was wissen Sie über Thomas Reiter?

Er war der erste Deutsche, der einen Weltraumspaziergang unternahm und zur Stammbesetzung der ISS gehörte. Was wissen Sie über den ESA-Astronauten Thomas Reiter? Quiz

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