Das New York Philharmonic Orchestra spielt gemeinsam mit Jan Lisiecki am Klavier beim ersten Konzert im ehemaligen Kraftwerk Peenemünde auf der Ostseeinsel Usedom. © picture alliance/dpa Foto: Jens Büttner

Theater, Konzerte, Kino: Wo bleibt das Publikum?

Stand: 08.06.2022 12:35 Uhr

Konzerte, Festivals, Ausstellungen, Theater, Kino: Alles ist nach dem Ende der Corona-Beschränkungen wieder normal möglich. Doch der Ansturm bleibt aus, nur zögerlich kehrt das Publikum zurück. Warum?

von Janek Wiechers

Auf einer großen Rasenfläche vor einem alten Brauereigebäude bauen Arbeiter eine Bühne auf, montieren Scheinwerfer und rücken Stühle zurecht. Konzert-Veranstalter Paul Kunze aus Braunschweig freut sich, in diesem Sommer bei seinem Open-Air-Festival "Applaus-Garten" das Publikum endlich wieder unter ganz normalen Bedingungen begrüßen zu können. Ohne Maskenpflicht, ohne Mindestabstände, ohne Impfpasskontrollen.

Die Bühne des Plaza Festivals 2019 mit Publikum. © NDR Foto: Axel Herzig
Viele Veranstalter klagen, dass die Kartenverkäufe für Kultur-Veranstaltungen noch weiter unter dem Vor-Corona-Niveau liegen.

Und doch ist Kunzes Euphorie gedämpft, der Vorverkauft läuft schleppend: "Ich habe das Gefühl, dass wir bei 50 Prozent dessen sind, was zu erwarten gewesen wäre. Das geht nicht nur uns so, sondern vielen Veranstalterkolleginnen und -kollegen, mit denen ich gesprochen habe. Wer jetzt neue Veranstaltungen an den Markt gibt, der kann eigentlich davon ausgehen, dass höchstens halb so viele Leute kommen wie vor der Pandemie."

Weniger Ticketverkäufe: Kurzer Sommer - viele Veranstaltungen

Der niedersächsische Konzertveranstalter Paul Kunze sagt, er habe sich viele Gedanken gemacht, woran das liegen könnte. Er glaubt nicht, dass Menschen noch viel Angst vor Corona haben. Die sei zumindest bei Freilichtveranstaltungen kein Thema mehr. Auch Geldsorgen - Inflation, steigende Preise - hält er für noch nicht so ausschlaggebend, als dass Menschen merklich weniger für Kultur ausgeben würden. Nach vielen Gesprächen mit Leuten habe er inzwischen vielmehr eine ganz andere Erklärung: "Der Hauptgrund, den ich identifiziert in den Gesprächen habe, ist, dass die Leute schlicht keine Zeit mehr haben den Sommer über. Es wird unheimlich viel nachgeholt, was Konzerte angeht, Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, Betriebsfeste. Irgendwann sind dann die 12 bis 14 Wochen, die man hier gutes Wetter hat, einfach aufgebraucht."

Theater Vorpommern sieht wirtschaftliche Gründe

Kunze hat seine Ticketpreise um rund 5 Prozent angehoben - er hält das für so moderat, dass dies nicht zu den stockenden Ticketverkäufen beiträgt. Was in der wirtschaftlich prosperierenden Region im süd-östlichen Niedersachsen mit der starken Autoindustrie und vergleichsweise hohen Einkommen gelten mag, stellt sich in anderen Regionen allerdings ganz anders dar. Am Theater Vorpommern etwa - mit seinen drei Standorten Stralsund, Greifswald und Putbus auf Rügen.

Theaterzuschauer sitzen auf ihren Plätzen und schauen zur Bühne. © picture alliance Foto: Markus Scholz
Angst vor einer Corona-Infektion, finanzielle Engpässe, zu viele Termine: Was hält die Menschen vom Kulturbesuch ab?

Dort macht Sprecherin Helga Haase durchaus wirtschaftliche Gründe dafür aus, dass deutlich weniger Menschen kommen als vor Corona: "Es ist tatsächlich so, dass die Menschen weniger Geld zur Verfügung haben, mehr gucken, wofür sie Geld ausgeben. Die Preise sind enorm gestiegen, Benzin ist sehr teuer geworden. Mecklenburg-Vorpommern ist ein Flächenland. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer reisen mit dem Auto an. Natürlich ist unser Publikum auch nicht so wohlhabend wie das Publikum in Hamburg. Wir haben auch viele Rentner im Publikum - die auch auf ihre Ausgaben schauen."

Gesundheitliche Bedenken wegen Corona

Helga Haase vom Theater Vorpommern in Stralsund registriert sehr wohl auch gesundheitliche Bedenken. Die Angst vor einer Corona-Ansteckung halte viele Menschen entweder ganz vom Theaterbesuch ab oder gebe denjenigen, die kommen, ein ungutes Gefühl: "Wir haben ein Publikum, das mit Maske ins Theater kommt, obwohl das nicht mehr Pflicht ist, weil sie Angst vor Ansteckung haben. Eine Stammzuschauerin sagte mir, ihr sei das schon ein bisschen unangenehm, wenn direkt neben ihr jemand sitzt."

Die Kartenpreise hat das Theater Vorpommern übrigens trotz gestiegener Energiepreise nicht erhöht. So wie die allermeisten Kultureinrichtungen in Norddeutschland dies bislang auch nicht, oder nur behutsam getan haben. Den einen allgemeingültigen Grund für den derzeitigen verhaltenen Kulturkonsum scheint es nicht zu geben. Je nachdem, bei welchen Institutionen und wo man sich umhört, fallen die Erklärungen unterschiedlich aus.

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Menschen nennen hohe Preise als Grund für Verzicht

Fragt man Menschen auf der Straße in Norddeutschland, gewinnt man aber schon den Eindruck, dass durchaus Geld eine erhebliche Rolle spielt: "Wenn sie gerade so hinkommen monatlich, dann überlegen sie sich es schon. Im Theater war ich schon lange nicht mehr", erklärt eine Frau. Eine weitere sagt: "Dafür habe ich gar kein Geld mehr. Woher denn? Ich habe drei Kinder! Kriege ich nicht hin." "Beim Essen und Trinken sollte und kann man eben nicht sparen. Also reduziert man dann bei Kino und Theater", so die Begründung einer weiteren Passantin für den Verzicht auf kulturelle Veranstaltungen.

Zurückhaltung wird wissenschaftlich untersucht

Warum und in welchem Ausmaß weniger für Kultur ausgegeben wird, das beschäftigt auch die Wissenschaft. Für endgültige Erklärungen scheint das Phänomen momentan aber noch zu frisch zu sein. Bevor es verlässliche empirische Daten gibt, wird es vermutlich noch eine Weile dauern, heißt es etwa beim Institut für Kulturelle Teilhabeforschung (IKTf) in Berlin. Solche Entwicklungen ließen sich oft erst mit einigem zeitlichen Abstand verstehen, erklärt Sprecherin Betina-Ulrike Thamm.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 07.06.2022 | 08:15 Uhr

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