Fans des TSV Havelse © picture alliance Foto: Guido Kirchner

Wenn der Sprung zu groß ist: Der TSV Havelse in Liga drei

Stand: 01.12.2021 08:23 Uhr

In der vergangenen Saison der VfB Lübeck, nun der TSV Havelse - die norddeutschen Aufsteiger stehen in der Dritten Liga auf verlorenem Posten. Aber warum eigentlich?

von Christian Görtzen

Es war ein ziemlich wilder Mix aus visuellen Eindrücken und Gedanken an die Zukunft, aber er war ganz nach dem Geschmack von Manfred Hörnschemeyer. Direkt vor Augen hatte der Vorsitzende des TSV Havelse an diesem so sonnigen 19. Juni all die vielen glücklichen Menschen im Wilhelm-Langrehr-Stadion - die Spieler, die auf dem Rasen umhersprangen und unvorsichtige Vereinsmitglieder mit Bier und anderen Getränken übergossen, und die Fans auf den wackeligen Tribünen, die nach dem Erfolg im Play-off-Duell gegen den 1. FC Schweinfurt "Nie mehr Vierte Liga, nie mehr!" schmetterten.

Aufstieg fühlte sich gut, fühlte sich richtig an

Und durch seinen Kopf schossen immer wieder diese Gedanken, wie es schon bald werden würde für den kleinen Verein aus dem Garbsener Stadtteil. Dritte Liga! Duelle mit Eintracht Braunschweig, dem VfL Osnabrück (Sonntag, 14 Uhr, im Livecenter bei NDR.de) oder dem 1. FC Kaiserslautern! Heimspiele in der Arena von Zweitligist Hannover 96, in der 49.000 Zuschauer Platz finden! Es war ein gewaltiger Sprung, eine enorme Herausforderung für den TSV Havelse, das wusste Hörneschemeyer natürlich. Aber es sorgte für Glücksgefühle - fühlte sich gut, fühlte sich richtig an.

"Natürlich, es war Euphorie da. Wir haben vieles durch die rosa Brille gesehen." Manfred Hörnschemeyer, Präsident TSV Havelse

Fünf Monate später nimmt der 65-Jährige, der seit neun Jahren TSV-Präsident ist, im Telefongespräch mit NDR.de rückblickend diese Einordnung vor. Denn vom Hochgefühl des Sommers ist nicht mehr viel geblieben. Die Gegenwart ist eher grau. Havelse findet sich in der Tabelle exakt dort wieder, wo viele Experten den Verein vor der Saison auch zu finden vermutet haben - ganz unten.

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Heimspiele erzeugen schon länger keine Vorfreude mehr, seitdem sich die gespannte Erwartung auf Partien in der großen Arena in Ernüchterung und gar Bedrückung gewandelt hat. "Nach dem Aufstieg war das erste Spiel in der Arena ein Erlebnis, auch wenn wir es mit 0:1 gegen den 1. FC Saarbrücken verloren haben", sagt Hörnschemeyer. 2.230 Fans und Neugierige waren im riesigen Oval mit dabei. Es war der drittbeste Besuch bislang.

Auftakt mit sieben Niederlagen am Stück "echt hart"

Mehr Zuschauer kamen nur gegen den 1. FC Magdeburg (3.139) und Eintracht Braunschweig (4.591), vor allem dank der Anhängerschaft der benachbarten Clubs. Es gab aber auch andere Zahlen: 1.002 Zuschauer gegen den BVB II, 782 gegen Türkgücü München, und gar nur 527 Unverdrossene erlebten in der Arena das 1:0 gegen Viktoria Köln, den ersten Sieg Havelses in der Dritten Liga.

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Dass die schöne, neue Fußball-Welt in der Dritten Liga für den TSV bisher so einige sportliche Enttäuschungen bereithielt, ist das eine. Darauf waren sie eingestellt, auch wenn der Start in die Saison mit sieben Niederlagen am Stück "echt hart" gewesen sei, so Hörnschemeyer. Mit dem Remis bei den Würzburger Kickers am achten Spieltag sei "eine Last von uns gefallen".

Jedes Heimspiel in Hannover kostet Havelse Geld

Deutlich mehr zu schaffen macht den Havelsenern, dass sie nicht mehr ihre Heimspiele im eigenen Wilhelm-Langrehr-Stadion austragen dürfen. Mit einem Fassungsvermögen von 3.500 Zuschauern liegt es deutlich unter den derzeit gültigen Mindestvoraussetzungen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit 10.001 Plätzen.

"Havelse, das ist unsere Heimat. Jetzt in der anonymen Arena, da geht ein bisschen das Familiäre verloren." TSV-Päsident Hörnschemeyer

Dass der geringe Zuschauerzuspruch zu finanziellen Problemen beim TSV führen könnte, glaubt Hörnschemeyer gleichwohl nicht. "Ja, jedes Heimspiel kostet uns zwischen 45.000 und 50.000 Euro, allein durch den Betrieb der Arena, wozu unter anderem die Reinigung, die Bezahlung der Ordnungskräfte oder die Benutzung der Lautsprecheranlage zählt. Aber die Zuschauerzahl spielt keine so große Rolle, das ist alles eingepreist", so der TSV-Boss. Dass der ursprünglich gegenüber dem DFB angezeigte Zuschauerschnitt von 2.500 gerade auf 1.700 verringert wurde, habe ebenfalls keine negativen Konsequenzen.

Insgesamt, so Hörnschemeyer, sei "der Sprung in die Dritte Liga schon enorm". Das habe man auch am Abschneiden des VfB Lübeck in der Saison zuvor gesehen. "Und dabei hat so ein Verein wie der VfB ganz andere Möglichkeiten." Aber so wie Havelse musste auch Lübeck mit einem Nachteil bei der Austragung der Heimspiele leben, der sich im Nachhinein als zu groß erwiesen hat.

Beim VfB Lübeck bereuen sie die Dritte Liga nicht

"Havelse muss ja jetzt in der großen Schüssel spielen. Bei uns war es durch die Corona-Pandemie so, dass der Heimvorteil praktisch weggefallen ist. Und durch die fehlenden Einnahmen aus dem Ticketverkauf konnten wir im Winter auf dem Transfermarkt nicht nachlegen", sagt VfB-Vorstand Florian Möller dem NDR. Zu bereuen gebe es aber nichts. "Wir konnten da einiges umsetzen. Medienbereich, Lautsprecheranlage - das ist jetzt auf dem neuesten Stand. Davon profitiert der Verein noch die kommenden Jahre."

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So könnte es letztlich auch beim TSV Havelse aussehen: einmal aufwärts in die Dritte Liga, dort hübsch machen, und dann mit einer verbesserten Infrastruktur etwas sorgenfreier in die nächsten Jahre in der Regionalliga gehen. Denn ein längerer Verbleib in der Dritten Liga sei für Vereine wie Lübeck oder Havelse kaum zu schaffen, glaubt Hörnschemeyer. "Ja, der Sprung ist für uns schon zu groß gewesen. Der Sprung ist aber insgesamt zu groß für Vereine aus der Regionalliga Nord. Für mich ist es die Regionalliga Nord sicherlich die schwächste der fünf Regionalligen."

NFV-Präsident: Meppen hat gezeigt, wie es geht

Das will Günter Distelrath, Vorsitzender des Norddeutschen Fußball-Verbandes (NFV), so allerdings nicht stehen lassen. "Meiner Meinung nach ist es nicht eine grundsätzliche Frage der Qualität der Regionalliga Nord. Wenn man aus dieser aufsteigt, muss der Kader verstärkt werden. Das gilt in jeder anderen Region aber auch." Es seien bei Lübeck und Havelse besondere Bedingungen gewesen.

"Die Lübecker hatten es durch Corona und die ausbleibenden Zuschauer schwer. Und Havelse musste in die Arena in Hannover. Im heimischen Stadion hätten sie sicherlich den einen oder anderen Punkt mehr eingesammelt." Und überhaupt, so Distelrath, dass es Vereine aus dem Norden schaffen können, dafür sei der SV Meppen ein gutes Beispiel.

Beim TSV Havelse hoffen sie auf eine möglichst gute Zeit in der Dritten Liga. Wollen schöne Erlebnisse einsammeln, wie etwa beim furiosen 4:3 bei Viktoria Berlin. "Ich freue mich natürlich auf die weiteren Spiele", sagt Hörnschemeyer. "Wir nehmen es so, wie es ist. Das ist der große Vorteil des TSV Havelse. Wir haben keinen Druck, denn eines ist sicher: Der Verein würde auch einen Abstieg überstehen."

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