Guido Burgstaller vom FC St. Pauli verzweifelt © Witters Foto: Valeria Witters

Störgeräusche von außen und innen - St. Pauli verliert die Nerven

Stand: 25.04.2022 13:17 Uhr

Vom Zweitliga-Spitzenreiter zum mit sich selbst hadernden Viertplatzierten: Fußball-Zweitligist FC St. Pauli verliert im Saisonendspurt die Nerven. Kapitän Philipp Ziereis wird den Verein zudem wohl verlassen.

von Martin Schneider

"Tragik ist wie Liebe, ohne Happy End", singt Thees Uhlmann in dem Lied "Das hier ist Fußball", einer Hommage an seinen Lieblingsclub FC St. Pauli. Melancholisch führt er fort: "Und eines ist wirklich sicher: dass die Tragik St. Pauli kennt." Zeilen, die nach der Niederlage am Sonnabend gegen den SV Darmstadt 98 und dem Herausfallen der Kiezkicker aus den Aufstiegsrängen wie Prophezeiung und Realitätsbeschreibung zugleich wirken.

Vier sieglose Spiele in Folge sind es mittlerweile für die Hamburger, denen im Saisonendspurt der Zweiten Liga die Puste ausgeht. Wie konnte es so weit kommen?

Vom Außenseiter zum Spitzenreiter - und wieder zurück

Herbstmeister St. Pauli hatte nach dem Abschluss der Hinrunde satte sieben Zähler Vorsprung auf einen Nichtaufstiegsplatz, spielte begeisternden Fußball und ließ seine Fans träumen. "Für viele meiner Jungs war es eine ungewohnte Situation, die Liga anzuführen im Winter", sagte Trainer Timo Schultz am Samstagabend. "Die Erwartungshaltung wird immer höher."

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Der Coach hat die Hoffnung aber noch nicht aufgegeben: "Vielleicht gibt es ja jetzt, wo uns schon viele abschreiben, den Klick für die Truppe. Dass die Spieler sich sagen: Komm, wir hauen in den letzten drei Spielen noch mal alles raus, gehen 'all in' und reißen das Ruder noch einmal herum."

Mutlose Auftritte in emotional aufgeladenen Spielen

Wer die Rückrunde der Hamburger verfolgt, die in dieser Tabelle aktuell Rang zwölf belegen, dürfte daran seine Zweifel haben. Wochenlang verteidigte Schultz die schwachen Auftritte seiner Mannschaft mit dem immer gleichen Narrativ: Die Liga ist "eng und spannend bis zum Schluss" - und dies sei "schön" für alle Fans. Auch für die eigenen?

Die bekamen in der Rückrunde eine Enttäuschung nach der nächsten serviert. In emotional aufgeladenen Spielen gegen den HSV und Hansa Rostock traten die Kiezkicker mutlos auf und kassierten bittere sowie verdiente Pleiten. Dazu kamen unnötige Punktverluste und Rückschläge gegen Erzgebirge Aue, Hannover 96 und Sandhausen. Auch die wenigen Siege der zweiten Saisonhälfte waren eher Zitterpartien, die nichts mehr von der Leichtigkeit der Hinrunde versprühten.

Erst bröckelt die Abwehr, dann schwächelt die Offensive

Doch woran liegt dieser Leistungsabfall? Im Gesamtgebilde des Teams scheint etwas nicht mehr zu stimmen. Anfang des Jahres bereitete die wackelige und von Verletzungen geplagte Abwehr Sorgen. Die jungen Jakov Medic und Ziereis-Vertreter Marcel Beifus machten ihre Sache ordentlich, leisteten sich aber auch schwere Fehler. Die Ausfälle des verletzungsanfälligen "Sechsers" Eric Smith sorgten für einen Stabilitätsverlust im Spiel der Hamburger. Und nun schwächelt die zuvor hochgelobte Offensive. Vor Jahresfrist entschied St. Pauli Spiele oft bereits in der ersten Halbzeit und traf insgesamt 37 Mal, in der Rückrunde ist das Torverhältnis mit 19:22 negativ.

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Die Tore von Guido Burgstaller, der seit Wochen seiner Hinrunden-Form hinterherläuft, fehlen St. Pauli im Kampf um den Aufstieg. Gleiches gilt für Daniel-Kofi Kyereh. Der ghanaische Nationalspieler ist für die Hamburger nicht zu ersetzen, fällt er (verletzt) aus, läuft offensiv nichts. Doch die Abhängigkeit von Kyerehs genialen Momenten wird in den Partien zum Problem, in denen er unter seinen Möglichkeiten bleibt - wie gegen Darmstadt.

Bleiben Kyereh und Burgstaller?

Gut möglich, dass für Burgstaller und Kyereh die kommenden drei Partien ohnehin die letzten im braun-weißen Trikot werden und St. Pauli das Schicksal eines jeden Spitzenteams der Zweiten Liga ereilt, was am Aufstieg scheitert. Kyereh sollen Angebote aus der Bundesliga vorliegen, Burgstaller wird mit seinem Ex-Club und Aufstiegskonkurrent 1. FC Nürnberg in Verbindung gebracht. Auch Linksverteidiger Leart Paqarada soll begehrt sein, U20-Nationalspieler Finn-Ole Becker, der gegen die "Lilien" wie ein Fremdkörper wirkte, hat bereits bei der TSG Hoffenheim unterschrieben.

Unstimmigkeiten sollen zuletzt zusätzlich auch zwischen dem Mannschaftsrat und Sportchef Andreas Bornemann geherrscht haben, was die Prämien für den Sieg im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund und eine mögliche Aufstiegs-Zahlung betrifft, wie Hamburger Medien jüngst berichteten.

Ziereis wird St. Pauli wohl verlassen

Neun Spielerverträge laufen zudem bei den Braun-Weißen aus, deren Verlängerungen in den vergangenen Wochen zu unnötigen Hängepartien wurden. Laut "kicker" seien nun erste Entscheidungen getroffen worden. Die prominenteste: Der Vertrag von Kapitän Ziereis soll nicht verlängert werden. Auch bei Rico Benatelli, Christopher Buchtmann, James Lawrence, Jannes Wieckhoff und Sebastian Ohlsson stehen die Zeichen offenbar auf Trennung. Verlängert werden sollen hingegen die Arbeitspapiere der Co-Trainer Loic Favé und Fabian Hürzeler.

HSV sitzt St. Pauli im Nacken

Es kommt gerade viel zusammen bei St. Pauli, auf und neben dem Platz. Und dann sitzt den Kiezkickern auch noch der ungeliebte Stadtrivale wieder im Nacken. Der HSV als Fünfter hat den Rückstand auf zwei Punkte verkürzt und kann mit einem Sieg gegen den FC Ingolstadt am Stadtrivalen vorbeiziehen, falls St. Pauli am Freitag gegen Nürnberg (18.30 Uhr, im NDR Livecenter) erneut patzt.

Im Winter noch träumte man rund um den Kiez von der Wachablösung im Hamburger Fußball, von Bundesliga am Millerntor in der nächsten Saison bei gleichzeitigem Zweitliga-Gekicke im Volkspark. Es scheint, als habe sich der Stadtteil-Club bei dieser historischen Chance mal wieder selbst ein Bein gestellt. Oder wie Thees Uhlmann singt: "So groß ist man wirklich, aber so ist die Realität."

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 24.04.2022 | 22:50 Uhr

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