St. Paulis Geschäftsführer Andreas Rettig © Witters Foto: TimGroothuis

Rettig zu TV-Geldern: Lobbyarbeit der Großen trägt Früchte

Stand: 10.12.2020 11:00 Uhr

Der frühere DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig kritisiert im NDR 2-Bundesligashow-Podcast den neuen Verteilerschlüssel für die TV-Gelder als "Schritt zur Seite". Christian Heidel findet den Kompromiss "nicht so schlecht".

von Ines Bellinger, Moritz Cassalette und Martin Roschitz

Wenn in der Politik von einer "Seitwärtsbewegung" gesprochen wird, das hat diejüngste Entwicklung in der Coronavirus-Pandemie gezeigt, dann bedeutet das nichts Gutes für das, was kommt. Wenn Andreas Rettig von einem "Schritt zur Seite" redet, dann umschreibt der frühere Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL) ebenfalls eine Malaise. Den Anfang der Woche beschlossenen Kompromiss zur Verteilung der TV-Gelder für die kommenden vier Spielzeiten kritisiert der 57-Jährige harsch. "Ich bin enttäuscht von diesem Verteilerbeschluss", sagt er in der neuen Folge des NDR 2-Bundesligashow-Podcasts. "Ich glaube, dass die Lobbyarbeit der Großen im Sinne von 'Weiter so' und 'Wir wollen bewahren' Früchte getragen hat."

Säulen "Nachwuchs und "Interesse" gestärkt

Rettig kennt die Mechanismen im Machtapparat der Fußball-Bundesligen bestens. Er war von 2013 bis 2015 DFL-Geschäftsführer, ehe er zum FC St. Pauli wechselte. Den neuen Verteilungsschlüssel, der in den Spielzeiten 2021/22 bis 2024/25 stärker als bisher die Säulen "Nachwuchs" und "Interesse" einbezieht, sieht Rettig als Mogelpackung, die bei der Verteilung der TV-Milliarden nur auf den ersten Blick eine positive Entwicklung für die kleineren und mittleren Clubs bedeute.

Das Titelbild des NDR 2 Bundesligashow-Podcasts © istockphoto Foto: Aksonov

AUDIO: NDR 2-Bunddesligashow-Podcast: Full House: Heidel, Rettig, Rolfes und der Fritz (64 Min)

Rettig: Spreizung wird sich weiter öffnen

Grundstock für die Ausschüttung aus der Vermarktung der nationalen Medienrechte ist die Kategorie "Gleichverteilung", die in den ersten beiden Jahren 53 Prozent der Einnahmen ausmacht, danach sind es noch 50 Prozent. Die Spreizung bei der Verteilung der TV-Milliarden war bisher so groß, dass an die Branchenführer bis zu 3,8 Mal so viel ausgezahlt wurde wie an die "Kellerkinder". "Jetzt ist sie ungefähr bei eins zu 2,9. Das bezieht sich aber nur auf die ersten beiden Jahre", sagt Rettig. "In den Jahren drei und vier - ich habe das in mühseliger Kleinarbeit mal angeschaut und durchgerechnet - wird die Spreizung wieder auseinandergehen und sich weiter öffnen."

"Am Ende verstärkt dieser Verteilerschlüssel tendenziell, perspektivisch die Verteilung in Richtung der Großen." Andreas Rettig

Auch beim Nachwuchs profitieren die Großen

Rettig kritisiert auch, dass aus dem Topf "Nachwuchs" letztlich auch die Großen den meisten Nutzen ziehen, weil sie Talente früh von kleineren Clubs "wegräubern" und das nach dem neuen Schlüssel sogar noch vergütet bekämen: "Beispiel Manuel Wintzheimer, der für den HSV spielt: Wenn der zum Einsatz kommt, dann bekommt nach dem neuen Verteilerbeschluss zukünftig zu einem Drittel der FC Bayern Gelder aus dem Topf."

Auch die Säule "Interesse" sieht Rettig kritisch: "Tendenziell wird auch dieses Thema von den bundesweit Beachtung findenden Clubs besetzt und damit kapitalisiert." Im HSV und St. Pauli profitieren in dieser Kategorie auch zwei Hamburger Zweitligisten, weil sie eine gewisse Strahlkraft haben. "Aber fragen Sie mal nach in Aue, Sandhausen oder Heidenheim", sagt Rettig. "Am Ende verstärkt dieser Verteilerschlüssel tendenziell, perspektivisch die Verteilung in Richtung der Großen."

Heidel: Die Kleinen im DFL-Präsidium stimmten mit

Rettig, als leidenschaftlicher Fürsprecher des Solidaritätsgedankens bekannt, erntet für seine Ansichten im Lager der "Kleinen" Zustimmung, zum Beispiel von Werder-Geschäftsführer Klaus Filbry ("Mehr Evolution als Revolution"). Christian Heidel, der als Manager den 1. FSV Mainz 05 in die Bundesliga geführt hat, sieht die Lage indes "bei Weitem nicht so dramatisch". Die Entscheidung sei im DFL-Präsidium gefallen, dem unter anderem Vertreter von St. Pauli, Holstein Kiel, Darmstadt, Köln und Freiburg angehören. "Allein fünf Vertreter kleiner Clubs, die nicht mehr in der Minderheit sind", sagt Heidel im Podcast.

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Am längeren Hebel sitzt die UEFA

Er sehe das Problem ohnehin nicht in der Verteilung der nationalen TV-Gelder: "Wenn Sie Bielefeld zehn Millionen mehr geben, wird Bielefeld nicht deutscher Meister." Vielmehr verhindere die ungerechte Verteilung der Gelder zwischen Champions League und Europa League echten Wettbewerb auf dem internationalen Markt. "Wenn das Vierfache an Einnahmen in der Champions League im Vergleich zur Europa League erzielt wird, ist das für mich ein Ungleichgewicht, das wir durch Umverteilung von nationalen TV-Geldern nie ausgleichen werden", sagt Heidel.

Freiburgs Effizienzquote kam nicht durch

Rettig vermisst beim DFL-Modell wirklich tiefgreifende Veränderungen. "Ich hätte mir auch mal neue Impulse gewünscht, zukunftsweisende Kriterien einzuführen oder Solidaritätsaktionen, dass man sagt: Ein Prozent von diesem großen Kuchen geht in die Gesellschaft oder in die Dritte, Vierte Liga", sagt er. Zudem findet er nicht nachvollziehbar, warum man sich in der DFL nicht auf die von Freiburg vorgeschlagene Effizienzquote einigen konnte, also einen Schlüssel, der den sportlichen Erfolg im Verhältnis zu den eingesetzten finanziellen Mitteln berücksichtige: Beispiel: "Union Berlin und Hertha hatten im letzten Jahr 41 Punkte nach Abschluss der Serie, Hertha hat ein paar Tore besser abgeschnitten und einen Tabellenplatz besser, aber sie setzen auch 2,5 Mal so viel Geld ein. Ist das gerecht", fragt Rettig, wenn Hertha nun fünf Jahre lang bei den TV-Geldern davon profitiere?

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Heidel: Pandemie trifft auch die großen Clubs massiv

Einig sind sich die beiden Ex-Fußballmanager darüber, welche Herausforderung die Coronavirus-Pandemie für den Fußball bedeute. DFL-Boss Christian Seifert hatte markige Worte dafür gefunden: "Die vergangene Saison war nur ein laues Lüftchen. Jetzt kommt der Sturm." Auch vor dem Hintergrund dieser "ganz, ganz besonderen Situation" findet Heidel den Kompromiss bei den TV-Geldern nicht so schlecht. "Auch die großen Clubs trifft das massiv", sagt er.

"Wenn Sie Bielefeld zehn Millionen mehr geben, wird Bielefeld nicht deutscher Meister." Christian Heidel

Heidel prangerte das in der Krise offenbar angesagte Fußball-Bashing an, Vorwürfe nach dem Motto: "Wie kann es denn sein, dass sich ein Verein nicht 30 Millionen Euro auf die Seite legt - es könnte ja irgendwie eine Pandemie kommen?" Die Krise treffe das ganze Land, die gesamte Wirtschaft, und auch den Fußball, der mit riesigen Umsatzverlusten fertig werden müsse, sagt Heidel. "Das konnte keiner vorausplanen, dass von heute auf morgen kein Zuschauer mehr ins Stadion darf. Die Lufthansa bekommt auch Zuschüsse der öffentlichen Hand, weil keiner mehr einsteigen darf. Und die Gastronomie bekommt Zuschüsse, weil dort keiner mehr essen darf." Gleichwohl müsse jeder Verein Wege suchen, um die Kosten in den Griff zu bekommen. "Und da müssen die Spieler genauso mithelfen wie die Berater, sonst fällt dieses ganze Ding in den Brunnen."

Rettig: Lockdown kann das richtige Mittel sein

Andreas Rettig ist weit davon entfernt, den Fußball als Wirtschaftszweig an den Pranger zu stellen, tritt angesichts eines zu erwartenden harten Lockdowns in Deutschland aber auch noch einmal als Mahner auf den Plan. Letztendlich seit "König Fußball" nur Unterhaltung, nicht systemrelevant, sagt er im sid-Interview. Das Funktionieren des gesellschaftlichen Lebens stehe an oberster Stelle. "Dazu kann ein harter Lockdown das richtige Mittel sein. Das Fußballproblem sollte sich nachgelagert stellen."

Wie werden die TV-Milliarden verteilt?

  • Gleichverteilung: In den beiden ersten Saisons 2021/22 und 2022/23 wird 53 Prozent des Geldes gleichmäßig unter den Clubs verteilt. Dieser Anteil sinkt in den beiden folgenden Saisons auf 50 Prozent.
  • Leistung: Basis sind eine getrennte Fünf-Jahres-Wertung zwischen 1. und 2. Liga, eine gemeinsame Fünf-Jahres-Wertung beider Ligen sowie eine Zehn-Jahres-Wertung. Zusammen sollen auf diese Weise zunächst 42, dann 43 Prozent so verteilt werden.
  • Nachwuchs: 3 und später 4 Prozent des Geldes sollen den Einsatz und/oder die Ausbildung junger Spieler in den beiden Ligen belohnen. Der Anteil soll anhand von Einsatzminuten berechnet werden.
  • Interesse: 2 und später 3 Prozent des Geldes soll proportional gemäß dem Interesse der Menschen an den Clubs laut einer Markt- und Werbeanalyse verteilt werden.
Für die Rechte im deutschsprachigen Raum hat die DFL durchschnittlich 1,1 Milliarden Euro pro Saison erzielt, die internationalen Einnahmen brachen zuletzt von rund 250 auf 180 Millionen Euro pro Spielzeit ein.

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