Simon Terodde © Witters

154 Treffer! Die Daten erklären das Tor-Geheimnis von Rekordmann Terodde

Stand: 21.11.2021 10:17 Uhr

Simon Terodde hat Dieter Schatzschneider als alleinigen Zweitliga-Rekordtorjäger abgelöst. Mit dem Treffer gegen Werder Bremen sind es nun 154 für "Torodde". Warum ist der 33-Jährige so treffsicher und weshalb hat es in der Bundesliga nicht so geklappt? Eine Datenanalyse des Tor-Phänomens Terodde.

von Matthias Heidrich

Das Rekordtor war ein klassischer Terodde. Im Bremer Weserstadion hatte der Schalker lange nur auf der Lauer gelegen, bis der eine Moment da war: Teamkollege Rodrigo Zalazar nahm Maß, Werder-Keeper Jiri Pavlenka konnte nur abklatschen, Terodde tauchte gedankenschnell ab und traf per Flugkopfball. 154 Treffer in 267 Zweitligaspielen, 200 Profitore insgesamt (409 Partien) - was für ein Stürmer.

Nach zuletzt langer Durststrecke hat Terodde Hannover-96-Legende Schatzschneider nun hinter sich gelassen. "Schatz" nimmt es locker, sieht in dem Schalker einen würdigen Nachfolger.

"Er ist ein Guter - und Feierabend." Dieter Schatzschneider

Dabei ist Terodde auf den ersten Blick kein außergewöhnlicher Stürmer. Seine 1,92 Meter Körpergröße machen den gebürtigen Bocholter imposant, allerdings ist der Rechtsfuß mit einem Topspeed von 31,84 km/h weder richtig schnell (der Zweitligastürmer-Durchschnitt liegt bei 31,83 km/h) noch technisch überragend. Er kämpft (42 Prozent seiner Duelle gewinnt Terodde) und knipst eben. "Der weiß, wo das Tor steht", raunen Fußballfans bei Spielern wie dem Ex-HSV-Angreifer landauf, landab.

Die Daten zeigen es: Terodde weiß, wo das Tor steht

Das weiß Terodde in der Tat, wie die Zweitliga-Karrieredaten des 33-Jährigen belegen: 58 Prozent seiner Abschlüsse bringt er aufs Tor. Ein herausragender Wert, wenn man bedenkt, dass Bayerns Ausnahmestürmer Robert Lewandowski (50 %) und Dortmunds Top-Angreifer Erling Haaland (57 %) "schlechter" sind.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Versuch Teroddes im Tor landet, liegt bei knapp 26 Prozent - ebenfalls herausragend. Zum Vergleich: Der Torschuss eines durchschnittlichen Spielers hat eine Erfolgsaussicht von 10 Prozent. Bei Lewandowski sind es "nur" sehr gute 22 Prozent, Haaland kommt hier auf überragende 32,5.

Der "Expected goals"-Wert von Terodde liegt wiederum nur bei 23 Prozent. Das bedeutet, dass der Torjäger seit ungefähr zehn Jahren stabil mehr Treffer erzielt, als von ihm zu erwarten gewesen wären.

Terodde trifft aus allen Lagen, mit allen Körperteilen

Mit rechts (90 Tore), links (29), dem Kopf (34) und sogar ein Treffer mit dem Rücken: Terodde verfolgt sozusagen einen ganzheitlichen Ansatz, wenn es darum geht, das Runde ins Eckige zu befördern. Wie ihn der Ball erreicht, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Anders herum gesagt: Terodde ist extrem variabel, trifft aus dem Kombinationsspiel (72) heraus, nach Kontern (35), Standards (24), per Elfmeter (18) oder eben aus sonstigen Situationen (5). Er war auch schon nach einem Einwurf erfolgreich.

"Er ist ein totaler Strafraumspieler, gut im Kopfball und steckt seinen Fuß überall rein. Er ist torgefährlich ohne Ende." Dieter Schatzschneider

Wie es sich für einen Mittelstürmer gehört, ist der Schalker in der Box vor dem gegnerischen Tor am gefährlichsten. 94 Prozent seiner Treffer erzielt Terodde im Strafraum. Mehr als Lewandowski (92 %), aber getoppt von Haaland (96 %). Interessant: Während der Norweger viel öfter platziert flach in die linke (31 %) und rechte (35 %) Torecke trifft, ist Terodde in 53 Prozent der Fälle flach durch die Mitte erfolgreich - Typ Abstauber.

Wieso klappt es in der Bundesliga nicht?

Stellt sich die Frage, warum der Zweitliga-Rekordmann in der Bundesliga bislang nicht ebenso effektiv auftreten konnte? 58 Erstligaspielen für den 1. FC Köln und den VfB Stuttgart stehen für Teroddes Verhältnisse schwache 10 Tore gegenüber. Sein "Expected goal"-Wert auf 90 Minuten gerechnet ist mit 0,45 in der Bundesliga zu 0,60 in der Zweiten Liga um 15 Prozent schlechter. Das lässt den Schluss zu, dass er im Oberhaus nicht so leicht in die gefährlichen Räume kommt, wie eine Etage tiefer. In der Ersten Liga bringt der 33-Jährige auch nur 40 Prozent seiner Abschlüsse aufs Tor, wovon nur gute 13 Prozent reingehen. In der Zweiten Liga sind es wie bereits erwähnt doppelt so viel.

Grenzgänger zwischen den Ligen

Ein aufschlussreicher Wert ist die individuelle Ballverarbeitungszeit pro gelungener Spielaktion. Die liegt bei Terodde in dieser Saison im Schnitt bei 2,16 Sekunden. So lange braucht er für Ballannahme und eine weiterführende Aktion wie einen Torschuss oder eine Flanke. Lewandowski (1,74 Sek.) und Haaland (1,62 Sek.) sind da wesentlich schneller. Ein Unterschied von einer halben Sekunde klingt wenig, ist im Profifußball aber eine Welt und macht den Unterschied zwischen den technischen Fähigkeiten einzelner Spieler sichtbar. Auch ein Grund, warum die Trauben für Terodde in Liga eins ein wenig zu hoch hängen.

Es ist ein bisschen paradox bei ihm: Er ist zu gut für Liga zwei, aber eigentlich auch ein bisschen zu schwach für Liga eins. Gemessen an den Daten wäre er tatsächlich eher dazwischen anzusiedeln. Sein aktueller GSN-Index - also die langfristige Bewertung aller Fähigkeiten, Potenziale und Qualitäten eines Spielers - liegt bei 60,05. Genau auf der Grenze zwischen einem durchschnittlichen Erst- und Zweitligaprofi.

Schatzschneider: "Er wird weit über 160 Tore haben"

Auch Teroddes möglicher GSN-Index steht bei 60,05. Heißt: Der Schalker wird sich als Profi nicht mehr weiterentwickeln, spielt an seinem Limit. Mit 33, als nun bester Torjäger der Zweitliga-Geschichte verschmerzbar.

Geht es nach Schatzschneider, hat Terodde auch noch gar nicht fertig. "Meine These ist, dass er weit über 160 Tore haben wird", sagt die 96-Ikone. "Ich hoffe natürlich, dass Schalke aufsteigt. Nicht, dass er noch ein Jahr Zweite Liga spielt, dann ist er bei 200 Toren. Das ist dann ein Rekord, der nie mehr zu knacken ist."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 21.11.2021 | 22:50 Uhr

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