Stand: 28.01.2020 09:11 Uhr

"Fußball-Nomade" Avdijaj: Nächster Stopp Schottland

von Hanno Bode, NDR.de
Fußball-Profi Donis Avdijaj im Trikot von Schalke 04 © picture alliance / Fotostand
Donis Avdijaj galt zu seinen Schalke-Zeiten als "Fußball-Wunderkind". Auf den Durchbruch im Herrenbereich wartet er bis heute.

Donis Avdijaj galt einst als eines der größten europäischen Fußball-Talente. Doch den Vorschusslorbeeren konnte der gebürtige Osnabrücker nicht gerecht werden. Nach einer Tingeltour durch europäische Ligen ist der 23-Jährige nun in Schottland gelandet.

Es ist ein ganz besonders talentierter Jahrgang, den Jens Keller als Trainer der U17 des FC Schalke 04 da in der Saison 2013/2014 unter seinen Fittichen hat. Die heutigen Nationalspieler Thilo Kehrer und Leroy Sané gehören zum Aufgebot der Gelsenkirchener, die es bis ins Halbfinale der deutschen Meisterschaft schaffen. Als größtes Juwel der Mannschaft aber gilt Donis Avdijaj. 44 Treffer und 13 Vorlagen schlagen am Ende der Serie für den gebürtigen Osnabrücker zu Buche. Der Angreifer, da sind sich die Verantwortlichen des Fußball-Bundesligisten ganz sicher, wird auch im Herrenbereich seinen Weg gehen.

Und weil so außergewöhnlich begabte Kicker wie Avdijaj schnell von noch größeren (und reicheren) Clubs wie Schalke umgarnt werden, verankern die "Königsblauen" in dessen ersten Profivertrag eine festgeschriebene Ablösesumme von sagenhaften 49 Millionen Euro.

Halbjahres-Vertrag beim Tabellenschlusslicht

Rund fünfeinhalb Jahre später sitzt Avdijaj im Bauch des Tynecastle Parks zu Edinburgh und wird vom Heart of Midlothian Football Club offiziell als erster Winterzugang vorgestellt. "Ich hoffe, dass ich länger bei den 'Hearts' bleiben kann", sagt der 23-Jährige unter anderem bei der Pressekonferenz.

Der Tabellenletzte der im europäischen Vergleich eher zweitklassigen Scottish Premiership hat dem Deutsch-Kosovaren einen Vertrag über sechs Monate gegeben. Die Ablöse für das einstige "Fußball-Wunderkind" betrug: null Euro. Avdijaj war vereinslos, nachdem sein Kontrakt beim türkischen Club Trabzonspor kurz zuvor nach nur ein paar Monaten aufgelöst worden war. Auch am Schwarzen Meer hatte er sein sportliches Glück nicht gefunden. Sein Stammplatz beim Europa-League-Teilnehmer war am Ende die Ersatzbank. Während seine früheren Teamkameraden Kehrer (Paris Saint-Germain) und Sané (Manchester City) längst bei Top-Clubs spielen und Top-Gehälter kassieren, startet der hochveranlagte Avdijaj nun fernab der ganz großen Fußballbühne den nächsten Versuch, den Vorschusslorbeeren aus seiner Zeit als Nachwuchskicker gerecht zu werden.

Tingeltour durch Europa: "Habe viel gelernt"

Die "Hearts" sind bereits die sechste Station im Herrenbereich für den Mann, der mit fünf Jahren beim Osnabrücker Stadtteilclub SV Atter auf Schlacke das Kicken begann und über den VfL Osnabrück 2011 zu Schalke kam. Sturm Graz, Roda Kerkrade, Willem II Tilburg und Trabzonspor hießen seine weiteren Arbeitgeber. Vor seinem Engagement in der Türkei war der "Fußball-Nomade" zudem einige Monate erwerbslos. Die beschwerliche Tingeltour durch sportlich bedingt attraktive Ligen sieht Avdijaj jedoch als "wertvoll" an, wie er bei seiner offiziellen Vorstellung als Zugang der Schotten zu Protokoll gibt. "Manche werden sich vielleicht fragen, warum ich bei sechs Vereinen in drei Jahren gespielt habe. Aber ich würde sagen, dass es eine verrückte Erfahrung war und ich viel gelernt habe. Ich habe verschiedene Arten des Fußballs kennengelernt und in jedem Land, in dem ich gespielt habe, Tore erzielt. Diese Erfahrungen können mir hier helfen", erklärt der 23-Jährige.

Schwere Anfänge in Osnabrück

Kurz darauf ist die Fragestunde beendet und die Fotografen kommen zu ihrem Recht. Sie lichten den weitgereisten Fußball-Profi mit dem roten "Hearts"-Trikot ab, auf dem die Rückennummer 99 geflockt ist. Avdijaj hatte es sich gewünscht, da sein kleiner Bruder Qerim 1999 geboren wurde. Seine Familie, so hat der Sohn albanischer Einwanderer immer wieder betont, bedeute ihm alles. Wie kompliziert die Anfänge damals in Osnabrück für die Avdijajs und ihren Nachwuchs waren, hat Donis zu seiner Zeit bei Sturm Graz (von Anfang 2015 bis Mite 2016) der österreichischen "Kronen Zeitung" berichtet: "Ich hatte es als Kind schwerer als andere, musste immer das Doppelte geben. Es war sehr lehrreich, und jetzt habe ich es aus den Slums in den Glamour geschafft."

Ex-Coach Foda: "Hoffe, es macht bei ihm klick"

Coach Franco Foda von Sturm Graz (l.) und Donis Avdijaj (Foto aus dem Jahr 2016) © imago images / GEPA pictures
Unter Coach Franco Foda (l.) hatte Avdijaj bei Sturm Graz eine gute Zeit.

In der Steiermark war der Rechtsfuß aufgeblüht, nachdem er im Schalker Profi-Team nur wenig Spielzeit erhalten und die "Knappen" ihn deswegen verliehen hatten. 13 Treffer und elf Vorlagen in 45 Spielen gelangen ihm für Graz, bevor er einen neuen (erfolglosen) Anlauf bei den Gelsenkirchenern nahm. So gut wie bei Sturm war Avdijaj bis heute nie wieder. "Schade, dass Donis nicht mehr aus seiner Laufbahn macht. Ich hoffe, es macht bei ihm noch klick, und er legt die Karriere hin, die aufgrund seines Potenzials ja möglich ist", sagte sein früherer deutscher Trainer bei den Österreichern, Franco Foda. Der langjährige Bundesliga-Profi spricht damit auf einige Eskapaden Avdijajs abseits des Platzes an.

Eskapaden abseits des Platzes

So verursachte der Offensivmann als 20-Jähriger einen Unfall mit einem sündhaft teuren Auto. Später wurde er zudem noch wegen Beamtenbeleidigung belangt. Zumindest unglücklich war auch ein Video-Interview, das der heutige Schottland-Legionär als Graz-Profi gab. "Ich würde mir ein Schwimmbad bauen und dann reinspringen und schwimmen. Und mir dann so rundherum Pferde kaufen, die mir dabei zugucken. Und wenn ich dann rausgehe aus dem Geldschwimmbad, auf so ein Pferd gehen und wegreiten", sagte er darin unter anderem. Dass seine Antworten eigentlich nur scherzhaft gemeint waren und das Interview ursprünglich nie veröffentlicht werden sollte, beteuert der frühere deutsche Junioren-Nationalspieler bis heute. In einem Gespräch mit "Goal.com" gab er allerdings auch freimütig zu: "Ich weiß, dass ich viele Fehler gemacht habe."

Avdijaj setzt auf Rückendeckung von Stendel

In Edinburgh möchte der 23-Jährige seinen ramponierten Ruf nun aufpolieren, dem Team des deutschen Coaches Daniel Stendel bei der "Mission Klassenerhalt" helfen. "Ich will nicht überheblich klingen, aber ich denke, ich kann hier viel bewirken", sagt Avdijaj dem Sportclub des NDR Fernsehen. Seine Hoffnung, im fernen Schottland endlich dauerhaft sein fraglos großes Potenzial abrufen zu können, setzt er dabei in Stendel: "Für mich ist es wichtig, dass jemand hinter mir steht und mir jemand noch mehr beibringen kann, als ich in den letzten Jahren gelernt habe. Ich genieße von ihm vollstes Vertrauen. Und jetzt liegt es an mir, es auch zurückzugeben."

Holpriger Start bei den "Hearts"

Der Start in der neuen Wahlheimat verläuft für den gebürtigen Osnabrücker jedoch holprig. Hatte er in der torlosen Auswärtspartie am vergangenen Mittwoch bei Ross County noch in der Anfangsformation gestanden, muss Avdijaj in seinem ersten Heimspiel für die "Hearts" vier Tage später 90 Minuten lang auf der Ersatzbank Platz nehmen. Von dort aus sieht er, wie seinen neuen Teamkameraden ein sensationeller 2:1-Erfolg gegen den Tabellenzweiten Glasgow Rangers gelingt. Zudem kündigt Stendel keine 24 Stunden nach dem Überraschungscoup an, noch einen weiteren Stürmer verpflichten zu wollen. Avdijaj wird seinen Worten ("Ich kann hier viel bewirken") schnell Taten lassen folgen müssen. Sonst steht vielleicht bereits in wenigen Monaten der nächste Wechsel für ihn an.

Immerhin: Eine hohe festgeschriebene Ablösesumme wie zu Beginn seiner Schalker Profizeit würde potenzielle Interessenten dann nicht abschrecken. Schließlich gilt sein Vertrag in Schottland zunächst nur bis zum Sommer.

Weitere Informationen
Jörg Sievers (l.) und Daniel Stendel (hinten) beim Training von Heart of Midlothian.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 26.01.2020 | 22:50 Uhr

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